Holländer Bayreuth © Enrico Nawrath
Was für eine Erholung auf dem Bayreuther Hügel nach zwei ermüdenden „Ring“-Tagen mit einer nach wie vor stimmigen Inszenierung und großartiger Regie! „Der fliegende Holländer“ in der Interpretation von Dmitri Tcherniakov überzeugte am 29. Juli 2026 auch in seinem sechsten Jahr durch in jeder Hinsicht künstlerisch reife Leistungen.
Richard Wagner, Der fliegende Holländer
Oksana Lyniv, Dirigentin
Mika Kares, Bass
Elisabeth Teige, Sopran
Nicholas Brownlee, Bassbariton
Benjamin Bruns, Tenor
Nadine Weissmann, Mezzosopran
Kieran Carrel, Tenor
Festspielorchester und -chor Bayreuth
Dmitri Tcherniakov, Inszenierung
Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Der Schmerz hört nicht auf
Auch nach mehrfachem Erleben der psychoanalytischen Deutung der Holländer-Sage bzw. Wagners Bearbeitung von Dmitri Tcherniakov geht die Neuerzählung unter die Haut. Im Zentrum steht hier ja – Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame“ verwandt – ein in seiner Kindheit traumatisiertes Mitglied einer Kleinstadtgesellschaft, das in seinen Heimatort zurückkehrt, um den Suizid seiner Mutter zu rächen. Die hatte einst ein Verhältnis mit Daland, der sie brutal fallengelassen hatte. Von der spießigen Gemeinschaft stigmatisiert und gemobbt, hatte sie nur den Weg in den Freitod gesehen und sich vor den Augen des kleinen Sohnes erhängt. Das ist harte Kost und bereits zuvor treibt der Schrei der von Daland zu Boden geworfenen Mutter sensiblen Gemütern die Tränen in die Augen.
Nach Erlösung, sprich Auflösung sehnt sich der Ruhelose: „Wann alle Toten auferstehn, dann werde ich in Nichts vergehn!“, singt der Holländer. In der Sehnsucht nach dem Ende ist er Wotan nahe und damit insgesamt der buddhistischen und von Schopenhauer geprägten Idee Wagners von der Befreiung des Individuums aus dem Kreislauf der Inkarnationen und der Auflösung des Ich ins Nirvana – oder im Verschmelzen der Individuen in alles übersteigender Liebe, wie im „Tristan“. Diese Liebe gibt es hier nicht; am Ende siegt die Gewalt und in einem apokalyptischen Feuerchaos verbrennt die Kleinstadt, der Umherirrende wird erschossen. Wie kleine schwarze Todesvögel fliegen Ascheflocken durch die qualmgetrübte Luft.

Belebende Frische trotz der düsteren Geschichte
Das Sympathische an der Produktion ist unter anderem die Liebe zu Details. So zeigt die Uhr an einer Hauswand jeweils völlig andere Zeiten, wenn versetzte Handlungsteile das erfordern. In Echtzeit läuft sie dagegen in den entsprechenden Szenen.
Wenn der Holländer zum Verlobungs-Geschachere ins enge Eigenheim Dalands kommt, wird tatsächlich gegessen und getrunken, es brennen echte Kerzen auf dem Tisch mit dem feinen Geschirr. „Plopp!“, macht die Weinflasche beim Entkorken, und das hört man bis in die letzte Reihe. Irgendwoher von dort kommt auch das enervierende Geräusch, das während der ganzen Aufführung immer wieder stört; offenbar hat jemand im Publikum ein Ultraschall-Zahnreinigungsgerät mitgebracht und macht es alle 10 bis 15 Minuten an.
Seewindfrisch ist das Dirigat von Oksana Lyniv; die Dirigentin führt zügig durch die rasanten Passagen und nimmt sich Zeit für die lyrischen Aspekte. Die starke Dynamik des differenziert spielenden Festspielorchesters nimmt sie an den heiklen Stellen stets zurück; da haben Bayreuth-Dirigentinnen und Dirigenten in den letzten Jahren insgesamt eine größere Sensibilität entwickelt.
Kraftvoll und wuchtig ist der Festspielchor unter Thomas Eitler-de Lint. Wirklich faszinierend sind die unterschiedlichen Färbungen der beiden wie verfeindete Heerhaufen gegenüberstehenden Gruppen; aus den Reihen der Stadtbewohner spricht Wut, Provokation und schließlich Angst, während die Mannen des Holländers in entschiedener Schwärze und brutaler Kälte singen. Bayreuth-Weltklasse!

Da gilt auch für alle großen Hauptrollen. Nicholas Brownlee ist ein starker, viriler Holländer; sein satter Bassbariton trägt wunderbar durch das Haus. Die wütende Verzweiflung ganz am Ende dringt großartig aus ihm heraus und sein „Du kennst mich nicht, du ahnst nicht, wer ich bin!“ macht wirklich Angst.
Georg Zeppenfeld hatte die Rolle des Daland in den vergangenen Jahren wunderbar spießig angelegt, Mika Kares hingegen ist deutlich mehr egoistischer Kaufmann, der eben auch das eigene Kind feilbietet, wenn die Kasse stimmt. Er gestaltet das Libretto sehr lebendig, sein Textverständnis ist ausgesprochen gut.

Das gilt für Elisabeth Teige als Senta nur bedingt; man versteht sie oft nicht, was aber nichts macht. Ihr kraftvoll strahlender Sopran dominiert auch bei den Massenszenen – dieses junge Mädchen hat hörbar seinen eigenen Kopf und setzt sich gegen die soziale Kontrolle der engstirnigen Kleinstadt konsequent durch. Ihr irres Lachen angesichts des von Mary erschossenen Holländers geht an die Nieren. Klanglich und stimmwuchtig ist sie für viele der unbestrittene Star des Abends!
Ganz hervorragend ist der Erik von Benjamin Bruns. Der Tenor lässt gleichsam in seine Seele blicken; spielerisch ist er ungemein präsent. Den Konflikten mit Senta verleiht er durch seine exzellente Führung ein beeindruckendes Spektrum von zorniger Kernigkeit und einer das Lyrische streifende Angreifbarkeit. Schließlich bricht hier mal eben sein Beziehungsmodell zusammen und das nimmt man dem Sänger unbedingt ab. Grandiose Leistung!

Kieran Carrels Steuermann besticht durch große Lebendigkeit in der Darstellung und eine schöne Spannweite von unbekümmert-jugendlich bis hin zu besoffen und liebenswert töffelig, wie man an der Küste sagt. Er relativiert die dramatischen Aspekte des Stücks erfrischend, aber am Ende ist auch für ihn die Realität erdrückend und hart.

Wie auch in den vergangenen Jahren gibt Nadine Weissmann die resolute Mutter Mary, in deren Rolle sie spielerisch absolut überzeugt, aber ihre kehlig-metallische Stimme muss man mögen. Sie passt jedoch zur Figur, die sie vielfältig gestaltet, einerseits als eher trutschige Hausfrau und andererseits als entschiedene Mutter, die ihr Ziehkind schützt.
Brandender, uneingeschränkter Beifall belohnt diese Gesamtleistung, mit vollem Recht. Ein aufwühlender, beglückender Bayreuth-Abend!
Dr. Andreas Ströbl, 30. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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