Das Theater Basel wagt sich an Moses und Aron

Arnold Schönberg, Moses und Aron (1954)  PREMIERE – Theater Basel, 3. Oktober 2026

Moses und Aron, Theater Basel © Ingo Höhn 

PREMIERE+++ Arnold Schönberg  Moses und Aron +++ Theater Basel, 3. Oktober 2026

Zwischen Installation und Inszenierung

Arnold Schönbergs Moses und Aron hat eine komplexe Entstehungsgeschichte: Das dreiaktige Werk ist unvollendet; 1932 waren erster und zweiter Akt nach Schönbergs eigenem Text komponiert, vom dritten Akt haben wir nur den Text. Noch zu Schönbergs Lebzeiten wurden 1951 noch Auszüge gezeigt, die szenische Uraufführung fand dann allerdings erst 1957 in Zürich statt, wo es 2011 wieder zu sehen war. Nun kehrte das Stück, immerhin ein Meilenstein der Musikgeschichte und auch über 90 Jahre nach der Komposition noch Avantgarde, zurück auf eine Schweizer Bühne.

Theater Basel, 3. Oktober 2026

Arnold Schönberg  Moses und Aron (1954)

Oper in drei Akten
Musik und Text von Arnold Schönberg
Uraufführung 1957 am Opernhaus Zürich

Musikalische Leitung    André de Ridder

Inszenierung    Benedikt von Peter, Felix Roothenhäusler

Chor des Theater Basel
Opernchor des Theater Freiburg
Statisterie Theater Basel
Sinfonieorchester Basel

von Julian Führer

Die Bühne ist zu Beginn völlig leer; Moses (Sprechrolle: Walter Hess) schiebt einen überdimensionierten Lautsprecher auf die Bühne, aus der man dann über einen immer wieder verzerrenden Lautsprecher Aron hört (Rolf Romei). Optisch gelingt das eindrucksvoll, akustisch ist es sehr problematisch, je nachdem ob man im Fokus des Lautsprechers sitzt oder nicht.

Dieses Stück lebt von den Gegenpolen der Hauptrollen; während Moses fordert, den Gott in seiner Art weder zu hinterfragen noch abzubilden, plädiert Aron für einen viel plastischeren Umgang und kann damit auch die Massen überzeugen. Diese Massen stellen die gemeinsam agierenden Chöre der Theater Basel und Freiburg, insgesamt über 80 Personen, die im Zuschauerraum postiert sind, dann aufstehen oder -springen und in den Parkettreihen für erhebliche Unruhe sorgen, wenn sie sich in Richtung der Gänge bewegen. Das Auflösen der Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum ist ein immer wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten von Regisseur Benedikt von Peter, für den dieses Verfahren ‚immersiv‘ ist, der aber zu oft ins Belehren des Publikums verfällt.

Moses und Aron  Theater Basel © Ingo Höhn

Auf dieser Ebene gab es etlich Parallelen zum in Basel jüngst zu sehenden Ring des Nibelungen, bei dem der Fluss der Musik immer wieder durch eingespielte gesprochene Problemerörterungen unterbrochen wurde, in denen (so die Lesart von Peters) Brünnhilde ihre Familienprobleme rückblickend analysierte. Noch rücksichtsloser gegenüber der Musik war der Kniff, das Orchester komplett unter die Bühne zu verlegen und es damit so stark gedämpft und undifferenziert klingen zu lassen, dass zwar die Soli freie Bahn hatten, vom Reichtum der Partitur aber nicht mehr viel zu hören war.

Moses und Aaron, Theater Basel © Ingo Höhn

Bei Moses und Aron nun war das Orchester auf drei übereinanderliegenden Ebenen hinter der Bühne plaziert und durch einen Vorhang nur schemenhaft zu sehen. André de Ridder, Generalmusikdirektor des Freiburger Theaters, war (den für den Chor links und rechts postierten Monitoren sei Dank) gut zu beobachten: ein plastischer, sehr klarer Dirigierstil, souverän das Werk gliedernd und rundum überzeugend – soweit das Orchester nicht vom Chor überdeckt wurde. Die Instrumentierung ist voller Raffinesse, wovon vor allem in den instrumental gehaltenen Passagen des zweiten Aktes etwas zu merken war.

Alle auf und neben der Bühne agierenden Soli sangen sehr engagiert, hervorzuheben sind Juliette Tacchino als „Ein junges Mädchen“ und Ronan Caillet als „Ein junger Mann“ und „Ein nackter Jüngling“. Die Ensembleleistung war sehr überzeugend.

Der Chor zischt und spricht das auf der Bühne Gesagte versetzt nach, manchmal ruft oder schreien einzelne auch noch – eine Geräuschkulisse im Parkett, als hätte man mehrere unaufmerksame Schulklassen neben sich. Im zweiten Akt regnet es große Schaumgummiobjekte (vom Kuscheltier über eine Riesenuhr zum überdimensionierten Weinglas), die dann höchst bedeutungsvoll durch die Zuschauerreihen getragen und dem Publikum vor die Nase gehalten werden. Dann werden sie zu Boden geworfen oder an die Wände geschlagen, minutenlang, dies alles sehr zu Lasten der Musik und vor allem des Orchesters und insgesamt der Konzentration. Der Orchesterpart ist daher stark gedämpft und phasenweise chancenlos gegen die im Zuschauerraum singenden, manchmal krakeelenden Choristen.

Moses und Aron, Theater Basel © Ingo Höhn

Überhaupt gab es etliche tiefe Griffe in die Mottenkiste der Regieklischees: das Publikum blenden, Geräusche durch Lautsprecher verzerren oder multiplizieren, Choristen im Zuschauerraum aufspringen lassen, mit gekünstelten Generalpausen das Stück zerdehnen, schließlich noch das Licht im Zuschauerraum angehen lassen, damit auch alle merken, dass wir mit gemeint sind – und natürlich durften auch Stroboskopeffekte nicht fehlen.

Dieser Abend, über weite Strecken mehr eine Installation und eher dem Sprechtheater als der Oper zuzurechnen, endet mit stark verkürzten Auszügen aus dem Textbuch des dritten Aktes und verrinnt wie der vom Bühnenhimmel rieselnde Sand nach reichlich zwei Stunden. Das Premierenpublikum ließ es mit sich machen, und die Folgevorstellungen werden zeigen, ob diese Herangehensweise in Basel und später bei der Übernahme in Freiburg auf Resonanz stoßen wird. Applaus war gemäß ausliegenden Zetteln nicht erwünscht, so dass an dieser Stelle nichts über die Reaktion des Publikums geschrieben werden kann.

Julian Führer, 5. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Arnold Schönberg, Moses und Aron, Ingo Metzmacher, NDR Elbphilharmonie Orchester, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin, Elbphilharmonie Hamburg

Ausstellung: “Zu Gast bei Arnold Schönberg” Arnold Schönberg Center, Wien, 11. März 2026 – 19. Februar 2027

Bertolt Brecht/Kurt Weill, Die Dreigroschenoper Theater Basel, 17. Februar 2024

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