Daniel Karasek © Theater Kiel
Kiel ist eine Hafenstadt, dort gibt´s sicher auch ein Bordell. Bevor Sie fragen, ob das Daniel Karasek, den großartigen Generalintendanten des Theaters Kiel, für die Neuproduktion des lang ersehnten Kieler Tannhäuser inspiriert hat oder gar Recherche vor Ort von Nöten war: Das weiß ich nicht und tut auch nichts zur Sache. Hier geht es nur darum, wo Karasek den ersten Aufzug angesiedelt hat: Im Milieu eines zeitgenössischen Bordells.
Richard Wagner Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
(Pariser Fassung)
Philharmonisches Orchester Kiel
Opernchor des Theaters Kiel
Felix Pätzold Dirigent
Daniel Karasek Regie
Opernhaus des Theaters Kiel 4. Oktober 2026
von Jörn Schmidt
Warum bloß – Daniel Karasek hat den Venusberg wie ein Bordell ausgestattet, vielleicht ist der Berg sogar nichts anders als ein profanes Freudenhaus. In der Mythologie ist der Venusberg dagegen ein geheimnisvoller Berg, die antike Liebesgöttin Venus hält dort Hof. Wenn man die Sage auf ein Etablissement reduziert, entzieht man der Handlung ihren Boden – den Gegensatz zwischen irdischem Leben und Götterwelt. Aber das ist doch mal ein neuer Blickwinkel, sagen Sie? Nun, eine KI-Recherche hat ergeben: Auch Lydia Steier, Georg Schmiedleitner, Rosamund Gilmore, Claus Guth und Harry Kupfer haben diesen Ansatz bereits verfolgt. Die Wiederholung macht das für mich nicht plausibler.
Handlung –Tannhäuser muss sich entscheiden: Ewig in Sünde leben mit der Göttin Venus – oder zurück in die reale Welt zur reinen Liebe Elisabeths. Wie hätten Sie entschieden? Tannhäuser zieht es zu Elisabeth, verteidigt aber weiterhin die fleischliche Lust. Zur Buße geht´s dann ab nach Rom, aber es braucht zusätzlich Elisabeths Erlösungstod für eine Art Happy End.
à la Bayreuth – Lena Kutzner war äußerst kurzfristig nach Kiel gereist, um dort als Einspringerin eine Elisabeth auf Bayreuth-Niveau zu geben. Auch Samuel Chan (Wolfram) gehört in diesen Absatz, Rollenverständnis und Stimme gingen perfekt Hand in Hand. Ks. Jörg Sabrowski (Hermann Landgraf) ist ohnehin Kieler Kult. Der Opernchor des Theaters Kiel erwischte einen hervorragenden Tag.
à la Kiel – Des Weiteren haben gesungen David Heimbucher (Walther von der Vogelweide) und Michael Müller-Kasztelan. Sein Tannhäuser geriet laut, aber ungelenk. Die Venus gab Marlene Lichtenberg, gen Ende schwanden die Kräfte. Auch im Orchestergraben Licht und Schatten. Felix Pätzolds Dirigat mutete schwerfällig an, verlor sich in der Schönheit des Moments ohne Zug nach vorne. Das Philharmonische Orchester Kiel kann mehr an Kontrasten insbesondere in Dynamik, Agogik, Klangfarben und Rhythmik, dann spricht auch nichts gegen breite Tempi.
Unkaputtbar – Wenn Sie jetzt denken: Wie schade, der Autor hatte einen schlechten Abend, den Tannhäuser tun wir uns nicht an…Dann muss ich sofort zurückrudern. Vielen hat´s rundum gefallen, der Applaus war groß. Tannhäuser ist ohnehin unkaputtbar und Kiel immer eine Reise wert.
Jörn Schmidt, 4. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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