Auf den Punkt 96: Walking in Kiel

Auf den Punkt 96: Walking in Kiel / John Axelrod  Opernhaus Kiel, 6. Juni 2026

Foto: John Axelrod (c) johnaxelrod.com

Walking in Memphis“ ist ein Lied von Marc Cohn aus dem Jahr 1991, eine geniale Mischung aus softem Pop, Blues und Gospel. Cohn wurde von John Axelrod entdeckt, da war der amerikanische Kapellmeister noch Talentscout beim Musikkonzern BMG. Weinhändler war er auch mal, Weinexperte ist er vermutlich immer noch. Der Mann weiß, was gut ist. Weiß man das auch in Kiel?

Giuseppe Verdi  La Forza del Destino
Die Macht des Schicksals
Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi

Libretto von Francesco Maria Piave und Antonio Ghislanzoni

Philharmonisches Orchester Kiel
John Axelrod   Dirigent

Opernhaus Kiel, 6. Juni 2026

von Jörn Schmidt

Es ist gar nicht so lange her, da wollte das Kieler Opernhaus mit Generalmusikdirektor (GMD) Gabriel Feltz in eine neue Ära starten. Lesen Sie dazu hier bei klassik-begeistert mein Interview mit Gabriel Feltz und Generalintendant Daniel Karasek. Leider können Sie hier auch meinen Nachruf auf Gabriel Feltz lesen, er starb im August 2025 mit nur 54 Jahren. Seither wird ein Nachfolger gesucht.

Hat Daniel Karasek schon einen Wunschkandidaten identifiziert? Nun, so einfach ist das nicht in Kiel – das Ausschreibungs- und Auswahlverfahren dort wird als komplex beschrieben. Selbst wenn ich die Bosheit besitzen sollte, das hier auszurollen und Sie mit Details zu langweilen: So ganz verstanden habe ich das Verfahren nicht…

Nur so viel: Ein Beauty Contest ist Teil des Prozesses. Manche Gastdirigate sind dann plötzlich nicht mehr nur Gastdirigate, sondern eben auch Vordirigate. Sie können sich das durchaus wie einen Schönheitswettbewerb vorstellen – das Orchester soll schon mal gucken, ob die Chemie stimmt.

Ob Axelrod indes auf der Liste der Kieler GMD-Kandidaten steht, das war nicht in Erfahrung zu bringen. Ich möchte ebenso wenig mutmaßen, ob das heute ein Vordirigat war. Das hier ist ein seriöser Blog…Nur so viel: John Axelrod und Kiel, das passt. Schon beim Blick in den Orchestergraben fiel auf: Nirgends gelangweilte Gesichter. Und so klang das auch. Es gelang im Grunde alles, was man sich bei Verdi wünschen kann: Markante Kontraste, präzis pulsierende Rhythmik, Feuer und Italianità. Mal samtig, mal flirrend, auch unerbittlich.

Den Sängern ließ Maestro Axelrod genug Luft zum Atmen – aber das war kein Kunststück bei so viel geballter Kraft auf der Bühne.  Andeka Gorrotxategi (Don Alvaro) ist ohnehin ein großartiger Tenor – mit genügend Volumen für jederzeitige Kraftausbrüche. Aber da Schmelz und Kraft bei Tenören nicht immer Hand in Hand gehen, standen Dramatik und Ausdruck im Vordergrund. Sopranistin Zarina Abaeva (Leonora) hielt kräftemäßig locker mit, emotionale Nuancierungen gelangen ihr deutlich besser. Nämlich großartig!

Mezzosopranistin Tatia Jibladze (Preziosilla) glänzte mit Übersicht in der Rollengestaltung, mit viel Wärme und Ausdauer. Alexey Zelenkov (Don Carlo di Vargas) hatte, wie es sich für einen Bariton gehört – genau: Bärenkräfte. Setzte diese punktgenau und klangschön ein. Ein Verdi-Ensemble wie es im Buche steht.

Mein Fazit: John Axelrod for GMD.

Jörn Schmidt, 7. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Auf den Punkt 69: Nachruf Gabriel Feltz klassik-begeistert.de, 30. August 2025

Interview mit Daniel Karasek und Gabriel Feltz – Teil 1 klassik-begeistert.de, 22. Juli 2024

Interview mit Daniel Karasek und Gabriel Feltz – Teil 2 klassik-begeistert.de, 23. Juli 2024

Interview mit Daniel Karasek und Gabriel Feltz – Teil 3 klassik-begeistert.de, 24. Juli 2024

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