Pathys Stehplatz (64): Wiener Meisterkurse – gebt den Kindern das Kommando

Pathys Stehplatz (64): Wiener Meisterkurse  klassik-begeistert, 9. August 2026

Foto: Bretwa / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Schon Herbert Grönemeyer forderte: Gebt den Kindern das Kommando, denn sie berechnen nicht, was sie tun. Wie man das deutet, bleibt jedem selbst überlassen. Was man als Musiker jedoch von ihnen lernen kann – man muss sich das Kindliche immer beibehalten.

von Jürgen Pathy

Den Fehler, den viele machen, bereits ab 15, 16, also der Pubertät: Sie versteifen sich viel zu sehr auf die Technik. Dabei ist es doch etwas ganz anderes, was zählt: Es ist die Verspieltheit, das Liebliche, mit der man jede einzelne Note spielt. Ganz besonders bei Mozart, aber auch Beethoven. Das hat man heute mittags im Renaissancetheater am Steinhof erleben dürfen. Alleine beim Gang der Knirpse zum Bösendorfer-Flügel muss man schmunzeln. Ein Dreikäsehoch, Lingjun Zhu, und zuvor Xinhua Feng. Maximal 7 Jahre alt, beide Asiaten (ein Bub, ein Mädchen), beide Teilnehmer am Meisterkurs von Vladimir Kharin.

Die Kraft des kindlichen Anschlags

Was man bei beiden beim ersten Anschlag hört: Sie bearbeiten die Klaviatur mit einem anderen Anschlag. Mag das der kindlichen, fehlenden Kraft geschuldet sein, mit der diese niedlichen Kinderfinger die Noten emporheben, oder dem Kopf – es ist Nebensache. Sie gehen anders an ihre Werke ran. Man spielt und fließt im spielerischen Rhythmus der Melodie, die Beethoven in die sechs Variationen über „Nel cor più non mi sento“ in G-Dur, WoO 70, gesteckt hat. Das Ganze wirkt natürlich, obwohl ganz klar bewusste Spielereien mit den Tempi und dynamischen Abstufungen zu erkennen sind. Die setzen auch ihre um einiges älteren Meisterkurskameraden ein, doch nicht mit dieser Leichtigkeit, wie sie den Kinderhänden entkommt.

Das ist auch der Steigerung der technischen Anforderungen in den Werken geschuldet. Natürlich spielt sich Skrjabins Sonate-Fantasie Nr. 2 in gis-Moll oder Rachmaninoffs Etüde Nr. 3 aus op. 39 nicht mehr so wie Beethovens Variationen WoO 70. Dennoch sollte es das Ziel sein, sich eine gewisse Kindlichkeit im Ton zu behalten. Nichita Rusu gelingt das besser als Juri Suppan, wobei beide technisch großartig spielen.

Es ist klar: Die Nervosität steht manch anderem Pubertierenden ins Gesicht geschrieben. Es gibt sicherlich Schöneres für den einen oder anderen, als auf einer Bühne zu stehen und bewertet zu werden. Überhaupt wenn man wie Attila Forgacs autistische Züge hat, bei Chopins extrem schwieriger Etüde op. 10 Nr.12 den Faden verliert und der Vater ihn danach eines straft – keines Blicks, obwohl der Junge danach lechzt.

Mit 16 steht das Fundament eines Pianisten

Das Fundament müsse man bis zu einem Alter von 15, 16 mitgegeben haben. Deshalb lobt Jörg Birhance, Artistic Director der „Wiener Meisterkurse“, die Arbeit von Vladimir Kharin mit den jungen Musikern so hoch, merkt an, wie wichtig es sei, sie bis dahin zu entwickeln. Danach könne man reifen und sich weiterentwickeln. Das stimmt womöglich auch. Aber bitte: Man muss immer zurück in sein eigenes Kind. Das sich auf eine Reise begibt und sich an jeder Blüte, jedem Vogelschrei und an Kleinigkeiten begeistern und erfreuen kann. Mit einer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit. Diese muss man auch wieder im Alter finden – und zwar nicht erst im hohen, wie Vladimir Horowitz bewiesen hat. Man weiß, dass Menschen im hohen Alter wieder in Richtung Kind neigen, um sich womöglich dem Kreislauf des Lebens zu ergeben.

Wichtig wäre es, dieses Kind dazwischen nicht zu versperren, sondern es immer wieder vor die Türe zu lassen. Zumindest für 1 Stunde, wenn man das Podium betritt. Dann gibt es weniger Gefahren, Mozart zu akademisch zu spielen oder irgendwelchen Dogmen zu unterliegen. Bach komplett ohne Pedal zu spielen, z. B. Das Pedal hat beim Klavier seinen Nutzen. Nicht nur, um sich über technisch schwierige Passagen zu schummeln. Viele Kritiker erwähnen die Verwendung des Pedals beinahe schon so, als wäre es eine Todsünde. Effekt ist nicht alles, aber viel in der Musik. Wenn es dazu das Pedal benötigt, warum nicht. Musik muss magisch sein, sie muss in andere Welten entführen – wie, ist im Grunde egal.

Was Pianisten von Marko Arnautović lernen können

Ich bin mir sicher, dass die kindliche Einstellung ein Rezept sein kann. In der Musik wie auch im Sport. Marko Arnautović, Österreichs Rekordnationalspieler, geht so an den Fußball heran. Das Spielen stünde dabei im Mittelpunkt. Das Wort Spielen meint er im wahrsten Sinne des Wortes. Nur so kann wirklich Großes entstehen. Ein „Gurkerl“, ein Fallrückzieher, Traumtore.

Dass das Fundament in der Technik wurzelt, im vielen Üben, ist logisch. Das ist auch in der Musik die Grundvoraussetzung. „If you wanna be more than a virtuoso, first you have to be a virtuoso“, soll schon Horowitz als Bonmot geprägt haben. Danach jedoch: Lasst das Kind heraus, verdrängt die Konventionen, vergesst für einen Moment alles, was ihr gelernt habt – und die Musik wird es euch danken.

Jürgen Pathy, 9. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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