Authentischer kann man Mahler nicht aufführen!

Gustav Mahler Symphonie Nr. 9  Elbphilharmonie, Hamburg, 8. September 2026 

Foto: Philipp von Steinaecker und Mahler A cademy Orchestra © Andreas Ströbl

Wie hat Mahlers 9. Symphonie bei der Uraufführung geklungen? Und ist sie wirklich ein Abschiedswerk voller Todessehnsucht, wie sie Mahler oft unterstellt wird? Antworten auf diese zentralen Fragen gab ein phantastisches Konzert mit dem Mahler Academy Orchestra unter Philipp von Steinaecker am 18. September 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie.

Elbphilharmonie, Hamburg, 8. September 2026 

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9

Mahler Academy Orchestra
Philipp von Steinaecker, Dirigent

von Dr. Andreas Ströbl

 Das „Originalklang-Projekt“ überzeugt – und überrascht

Philipp von Steinaecker und das Mahler Academy Orchestra haben jahrelang gemeinsam mit der Stiftung Euregio Kulturzentrum Toblach an allen möglichen, oft verborgenen Orten historische Instrumente erstanden, auch „in den hintersten Winkeln großer Symphonieorchester“, wie der Dirigent sagt; sie haben sie restaurieren lassen, und nun ertönen diese Streich- und Blasinstrumente in altem-neuem Klang. Das Ergebnis ist absolut überzeugend und versetzt auch echte Mahler-Kenner in Begeisterung.

Doch wie klingt „Mahler original“? Grundsätzlich ist der Ausdruck durchweg klarer, manchmal bei den Holzbläsern trockener, akzentuierter und, um mit einer Klavier-Metapher zu sprechen, besticht er mit deutlich weniger Pedal. Es ist ein bisschen so, als habe man ein Gemälde, das seit Jahrzehnten im Wohnzimmer hängt, das erste Mal richtig wahrgenommen, nachdem der Betrachter endlich eine Brille zur Korrektur der Kurzsichtigkeit aufgesetzt hat. Zudem hat ein Restaurator den gelblich gewordenen Firnis behutsam entfernt. Und, um die Metaphorik noch weiterzuführen: Man hat den Eindruck, nach all den bekannten Schwarzweiß-Aufnahmen Mahlers nun endlich ein lange verschollenes Farbbild mit dem Portrait des Komponisten gefunden zu haben.

Gleich zu Beginn des ersten Satzes spricht die Harfe eine viel deutlichere, weniger romantisch-warme Sprache. Dieser Klang ist aufrichtig und, bei aller Mahler-Seelenfülle, ehrlich und unmittelbar. Die Querflöte hat in manchen Passagen eine ganz leichte Rauhigkeit, wie man sie von japanischen Instrumenten kennt. Für diesen kristallklaren Klang ist der Große Saal der „Elphi“ wie geschaffen, und man darf froh sein, dass diesmal kein Mobiltelephon gebimmelt hat, wenngleich die Huster sich mal wieder die Piano-Stellen für ihre Auswürfe ausgesucht haben. Ein Klatscher wird nach dem ersten Satz gleich ruhiggezischt; die Instrumente müssen mehrfach nachgestimmt werden, wodurch etwas längere Pausen zwischen den Sätzen entstehen. Wer aber kam auf die Idee, eine Schulklasse mit tuschelnden und kichernden Mädchen sowie übermüdet auf den Sitzen zusammengesunkenen Jungen mit zu diesem Konzert zu nehmen?

Eine Interpretation, die das Leben feiert

Leonard Bernstein deutete den stolpernden Rhythmus, mit dem die Symphonie einsetzt, als „Vertonung“ des extrasystolischen Herzschlags von Mahler – 1907, also drei Jahre vor Entstehung der „Neunten, war bei ihm ein Herzklappenfehler diagnostiziert worden. Auch der Dirigent Michael Gielen spricht von einem „Todesrhythmus“. Alban Berg sieht ebenfalls die tödliche Bedrohung in dieser Musik, aber eben auch das Lichtvolle, dem Leben zugewandte: „Es ist der Ausdruck einer unerhörten Liebe zu dieser Erde, die Sehnsucht, in Frieden auf ihr zu leben, sie, die Natur, noch auszugenießen bis in ihre tiefsten Tiefen – bevor der Tod kommt. Denn er kommt unaufhaltsam. Dieser ganze Satz ist auf die Todesahnung gestellt.“ Man kann diese Musik nicht eindimensional verstehen und, ebenso wie Berg, betont Bruno Walter eben auch das Andere, ein „einzigartiges Schweben zwischen Abschiedswehmut und Ahnung des himmlischen Lichts.“

Philipp von Steinaecker (c) annemone-taake-photography.

Von Steinaecker und sein Orchester in jedem Falle geben die Symphonie mit solcher Verve, Spielfreude und kaum zu bändigender Energie wieder, dass an diesem Abend das Leben ganz greifbar über alle Abschiedsahnung obsiegt – bei größter Sensibilität für die sehr feinen, zarten, ja sphärischen Aspekte. Und so spricht aus dem Kopfsatz „Andante comodo“ eine existentielle Klarheit, die aus der Spätromantik weit herausweist. Man versteht Theodor Adorno, der die Symphonie als „das erste Werk der Moderne“ begriff. Komponisten, wie Bartók, Ravel, später auch Pettersson oder Schnittke haben sich an diesem Spannungsfeld zwischen Tonalität und dem Aufbrechen jeglicher herkömmlicher Musiksprache im frühen 20. Jahrhundert orientiert und später eigene Wege beschritten; man ahnt gerade bei dieser sehr genauen Betrachtung und Wiedergabe der Partitur, dass ihnen und vielen anderen Komponisten diese „Neunte“ wichtig und wegführend war.

Ganz „Mahlerisch“ geprägt ist der zweite Satz, „Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb“ überschrieben. Gerade letzteres nehmen von Steinaecker und das Orchester sehr ernst. Gäbe es die Vortragsbezeichnung „ballabile“, also „tanzbar“, dann gälte das für diese Interpretation, bei aller Derbheit der Wirtshausstimmung. Tatsächlich hat das Dirigat von Steinaeckers etwas betont Tänzerisches; zudem scheint der Orchesterleiter die Partitur zu singen oder zu atmen, denn die Musik durchströmt seine ganze geradezu elektrisierte Gestik und Mimik – ohne jede Pose. Die Assoziation zu Ravels „La Valse“ mit dessen Tendenz zum tanztrudelnden Wahnsinn liegt hier ganz nahe.

Um noch einmal Bruno Walter zu zitieren, der bei aller kraftvollen Lust des Satzes doch fühlte, „der Tanz ist aus“, machen die Musikerinnen und Musiker an diesem Abend sowohl klar, dass dies noch nicht der Abschiedsländler ist, und vor allem, dass sich hier wieder einmal der Humor Mahlers Bahn bricht: Der Komponist scheint dem Tod ins Gesicht zu lachen, und eben an Walter schrieb er damals, dass jegliche „hypochondrische Furcht vor dem Tode“ ihm fremd war: „Daß ich sterben muß, habe ich schon vorher gewußt. […] Ich bin lebenshungriger denn je.“

Auch aus dem dritten Satz spricht bei aller getriebenen Gehetztheit keinesfalls todesabgründige Resignation. Dazu lassen es die Mitwirkenden gar nicht kommen, denn dieses Rondo birst fast vor Energie; beseelt-besessen sticht der Dirigent die Einsätze in den Klangkörper. Das Tempo dieser Burleske ist atemberaubend und verschafft zahlreiche Gänsehautmomente. Aber – das ist das so Wesentliche an diesem Abend und insgesamt für das Mahler-Verständnis – in dieser Musik leben Schönheit, Liebe und Sehnsucht. Ja, man wird durchgerüttelt, klanglich geohrfeigt, aber auch umarmt und liebkost. „Sehr trotzig“ steht noch in der Satzbezeichnung, und ja, das ist ganz klar das trotzige Aufstehen gegen die Endlichkeit.

Umso feinnerviger und sanfter beginnt der Adagio-Finalsatz, das Kontrafagott brummt wie ein alter Seebär. Aber dann erhebt sich der große Gesang vom Leben, der vom Tode weiß, aber auch von der unsterblichen Liebe. Wahrhaftigkeit – das ist bei Mahler immer das Nebeneinander von Banalität und Erhabenheit; in diesem Satz ist es das Miteinander von sternfunkelnder Feinheit und kosmisch aufragender Größe.

Man kann die Mahler-Glissandi durchaus ausgiebig schmieren und ihnen damit eine spätromantische Sentimentalität aufdrücken. Hier geht man sehr sparsam mit jenem Gleiten um, was dem aufrechten Duktus dieser Wiedergabe entspricht.

Zum Ausklang der Symphonie zitiert Mahler ein Motiv aus seinen „Kindertotenliedern“ und fordert, dass dies „mit innigster Empfindung“ und immer wieder „ersterbend“ gespielt wird. Hier liebkost sich jemand aus der Welt, und wie ein verglimmender Stern verhallt dieser musikalische Abschied in sanftestem Streicheln.

Mahler dürfte wäre sehr zufrieden mit dieser „Neunten“ gewesen sein, vielleicht sogar glücklich. Das Publikum ist entflammt und es gibt brandenden Beifall. Sehr lange und herzlich. Großartig!

Dr. Andreas Ströbl, 20. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5, Mahler Academy Orchestra, Philipp von Steinaecker klassik-begeistert.de, 2. September 2026

Gustav Mahler, Dirk Kaftan, Beethoven Orchester Bonn Gustav Mahler Saal, Toblach, 18. Juli 2026

Franz Willnauer (Hrsg.), Gustav Mahler klassik-begeistert.de, 25. April 2026

Gustav Mahler, Sinfonien 1 – 9, Tschechische Philharmonie, Semyon Bychkov klassik-begeistert.de, 22. April 2026

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