Marie Jacquots Antritt in Köln beginnt als Ode der Feinsinnigkeit

WDR Sinfonieorchester Marie Jacquot, Dirigentin, Yulianna Avdeeva, Klavier  Kölner Philharmonie, 18. September 2026

Fotos: WDR-Antrittskonzert Jacquot, Philharmonie (c) Taimas Ahangari

Mit großen musikalischen Gesten stellt sich die neue Chefin des WDR Sinfonieorchesters Marie Jacquot vor

Kölner Philharmonie, 18. September 2026

WDR Sinfonieorchester
Marie Jacquot, Dirigentin

Yulianna Avdeeva, Klavier

Richard Wagner – Vorspiel zum 1. Akt aus: Lohengrin WWV 75, Romantische Oper in drei Akten. Libretto vom Komponisten, (1850)

Frédéric Chopin – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21, (1829/1830)

Augusta Holmès – Andromède – Sinfonische Dichtung, (1900)

Alexander Skrjabin – Poème de l‘extase op. 54 für großes Orchester, (1908)

Zugabe:

Frédéric Chopin – Grande Valse As-Dur op. 42, (1835)

von Daniel Janz

Lange hatte man in Köln gewartet, jetzt ist es endlich so weit: Marie Jacquot (36) ist neue Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters. Zur Vorgestellung der in Paris geborene Künstlerin tritt niemand Geringeres auf die Bühne, als Andrea Schafarczyk, Programmdirektorin beim WDR. Mit großer Geste kündigt sie an, Jacquot sei als Teamplayer angetreten, um „große Musik“ entstehen zu lassen. Ihr Auftrag sei es, „Menschen mit Musik zu begeistert“. Damit beginnt eine Zeitenwende in Köln, zu der man fragt: Was für Wunder, was für Höhepunkte werden unter ihr wohl kommen?

Marie Jacquots Antritt beginnt als Ode der Feinsinnigkeit

Die Französin und das WDR Sinfonieorchester passen einfach zusammen – so berichtet es Programmdirektorin Schafarczyk. Ihr Drang, „Musik in der Tiefe zu durchdringen“, würde große Momente garantieren. Ob das Konzert deshalb auch mit einem der größten aller Komponisten beginnt? Vorspiele aus Wagners Opern gibt es häufiger in diesem Saal, selten aber werden diese so feinsinnig dirigiert. Glasklare Streicher, grazil herausgearbeitete Celli-Motive, warme Bläser – schnell zeigt sich Jacquots sensibler Ansatz. Es wird weniger Spektakel als Wohlfühlerlebnis, in dem man sich suhlen kann. Das ist schon besonders, wenn man sich darauf einlassen kann.

WDR-Antrittskonzert Jacquot, Philharmonie (c) Taimas Ahangari

Ein besonders hohes Maß der Sensibilität zeigt sie zusammen mit der russischen Pianistin Yulianna Avdeeva (41) bei der Interpretation von Chopins zweiten Klavierkonzert. Auch hier beeindruckt Jacquot mit ihrer klaren Handhabung der Stimmen. Ihr gelingt es, das überschaubare Orchester bei diesem sehr seicht und spannungsarm komponierten Werk stets im Hintergrund zu halten. Dadurch bereitet sie einen idealen Klangteppich für die Solistin am Klavier. Dem Drang, die lauten Momente überzustrapazieren, widersteht sie mit Erfolg. Das zeigt Können am Pult. Und der Spaß, den sie dabei hat, ist auf den ersten Blick erkennbar.

Dennoch will der Funke beim Rezensenten so gar nicht überspringen, was auch an der Solistin liegt. Avdeevas ist seine sehr gefragte Chopin-Spielerin. Und ihre Interpretation ist auch technisch brillant, ja sie spielt fast perfekt, sodass Satz 1 und 3 zu wahren Demonstrationen technischer Raffinesse werden. Doch emotionale Momente versprüht sie wenig. Auf den Rezensenten wirkt ihr Spiel eher routiniert, fast kühl und daher an vielen Stellen langweilig. Am meisten Gefühl entdeckt er im mittleren zweiten Satz, der im Gesamtwerk das emotionalste Kleinod darstellt. Auch ihr Zusammenspiel mit den zwei Klarinetten im Finale bewegt.

Ansonsten aber regelt Avdeeva viel über die Lautstärke. Das schafft zwar Spannungsbögen, bleibt jedoch weitestgehend ausdrucksarm. Und das auch noch in einem Werk, das ohnehin schon schwach komponiert ist. In der Folge überzeugt diese Aufführung nur eingeschränkt. Da hat ihre Zugabe – der Grande Valse, ebenfalls von Chopin – deutlich mehr Ausdruck.

Überwältigung ohne Glanz: der zweiten Hälfte fehlt das Wichtigste

Auch an einen Beitrag aus der Rubrik der unterrepräsentierten Klassiker versucht sich das Orchester. Zu Augusta Holmès Andromède stehen neben dem groß besetzten Ensemble ganze vier Harfen auf der Bühne, die den Klang besonders aufpolieren.

WDR-Antrittskonzert Jacquot, Philharmonie (c) Taimas Ahangari

Tatsächlich gelingt diese selten gespielte Komposition insgesamt sehr gut. Das einem impressionistischen Fluss ähnelnde Werk lebt durch Kontraste, die das nach einiger Zeit herauskristallisierte Hauptmotiv umkleiden. Das Orchester tritt hier sehr präsent in Erscheinung, gerade die Streicher fallen besonders klar auf und schillern im Wechselspiel mit den Harfen regelrecht. Besondere Erwähnung verdient auch das glänzende Englischhorn-Solo. Generell spielt das Holz hervorragend. Und Jacquots Dirigat wirkt locker, fast gelöst – als ginge ihr dieses Werk ganz leicht von der Hand.

Nach diesem emotionalen Höhepunkt wird das Orchester für das Monumentalwerk von Alexander Skrjabin noch erweitert. Nichts Geringeres, als die Suche nach Gott durch Leidenschaft und Erkenntnis der Welt hat er in seinem expressionistischen „Poème de l’extase“ vertont und damit Musik mit Überwältigungsfaktor geschaffen. Die Besetzung, die er verlangt, hält dementsprechend mit den größten Giganten mit.

Es zeigt sich, dass es mutig ist, mit so einem gigantischen Werk in die Aufgabe als Chefdirigentin zu starten. Jacquot gelingen hier viele lyrische Momente. In dieser aufbrausenden Musik schafft sie es immer wieder, Ruhepole zu setzen. Auch einzelne Stimmen kann sie plastisch gut herausarbeiten. So sind Celesta und Harfen oftmals präsent. Trompeten und Hörner spielen bis ans Limit, ihnen merkt man die Lust am Werk an. Die Streicher klaren immer wieder zu den teils düsteren, teils warmen Gegenfiguren im tiefen Blech auf und Konzertmeister José Maria Blumenschein kann solistisch glänzen. Die Akzentuierung gelingt damit im weiten Teilen gut.

Doch nicht alle Feinheiten sind überzeugend herausgearbeitet. Das bei Andromède noch sehr klare Holz verliert sich hier ab und an im Gemenge; manche melodische Figur verschwimmt. Auch dynamisch bleiben Möglichkeiten ungenutzt. So ist das Becken lange Zeit kaum präsent. Im Finale sind auch Orgel und Glocke eher nur zu erahnen als durchbrechend gegenwärtig. Und der Ausklang des Werks erscheint fast gehastet und bietet wenig ekstatische Katharsis. Generell wirkt es gedämmt, fast matt.

WDR-Antrittskonzert Jacquot, Philharmonie (c) Taimas Ahangari

So kommt es, dass in der Gesamtaufführung Augusta Holmès Andromède das am besten interpretierte Stück des Abends darstellt, obwohl Skrjabins Werk imposanter komponiert ist. Aber das Ekstatische, das Überwältigende daran brach heute nicht so recht durch. Für ein Einstiegskonzert bot dieser Abend damit viele interessante Einblicke, zeigte aber auch, dass sich Jacquot in Zukunft gerne noch mehr trauen darf. Verglichen mit der legendären Aufführung des Gürzenich-Orchesters Köln von vor 2 Jahren hat da heute nämlich Einiges an Glanz gefehlt. Und das, obwohl das WDR Sinfonieorchester ein mindestens ebenbürtig renommiertes Orchester ist.

Das Konzert inklusive Antrittsrede von Andrea Schafarczyk kann auf Youtube unter folgendem Link nachgehört und -gesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=ru80ce6HSyw

Daniel Janz, 20. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Yulianna Avdeeva, Wiener Symphoniker, Petr Popelka Wiener Konzerthaus, 21. Juni 2026

Portrait: Marie Jacquot, Dirigentin klassik-begeistert.de, 17. März 2026

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Marie Jacquot Dirigentin Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. März 2025

Wiener Symphoniker, Marie Jacquot Wiener Konzerthaus, 31. Dezember 2024

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