Zwischen den Sätzen 3:  Zum Teufel mit der Longevity

Zwischen den Sätzen 3: Zum Teufel mit der Longevity  Hamburgische Staatsoper, 19. September 2026

Foto: HSO Don Giovanni Wolfgang Amadeus Mozart
Hamburgische Staatsoper (c) Brinkhoff Mögenburg

Philosophisch betrachtet ist Longevity Unsterblichkeit für Anfänger. Weil uns dieser Trend die Illusion der Unendlichkeit spüren lässt. Longevity-Influencer vermitteln den Eindruck, dass der Tod heutzutage keine metaphysische Gewissheit ist, sondern ein technischer Defekt. Sie müssen nur dieses oder jenes Supplement kaufen, dann können Sie dem Tod so manches Schnippchen schlagen.

Hamburgische Staatsoper 19. September 2026

Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Chor der Hamburgischen Staatsoper

Omer Meir Wellber Dirigent
Jan Bosse Inszenierung

Von Jörn Schmidt

Erlebnishunger – Aber wollen Sie wirklich ewig leben? Wie das aussähe, hat Jan Bosse in seiner Hamburger Don Giovanni Deutung plastisch auf die Bühne gebracht, genau gesagt auf die Drehbühne. Dort tobt das Leben zwar statisch, sich indes irgendwie ständig im Kreis drehend auf der Suche nach immer neuen Reizen. Søren Kierkegaard beschrieb diese Suche als untaugliche Flucht vor Überdruss, was indes unweigerlich in existentieller Verzweiflung endet. Weil jeder irdische Reiz irgendwann abstumpft und der Schwermut Platz macht.

Langeweile – Zu diesem Longevity-Aspekt veröffentlichte der britische Philosoph Bernard Williams bereits 1973 seinen Essay „The Makropulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality“. Sein Gedankenexperiment: Elina (42) verabreicht sich ein Longevity-Elixier und muss fortan 300 Jahre im Körper einer 42-Jährigen leben. Als die Frist verstrichen ist, verweigert sie die erneute Einnahme. Wie man nur so dumm sein kann? Nun, die Schere zwischen biologisch fittem Körper und übersättigtem, erschöpften Geist – für Elina war das zu viel (Tedium).

2.065 Frauen – Laut Leporellos Aufzeichnungen (Registerarie), heute Abend vorgetragen von Krzysztof Bączyk, hat Don Giovanni in seinem Leben exakt 2.065 Frauen verführt.   Mancher braucht dafür 300 Jahre, möchte ich meinen. Indem Bosse Eros (griechischer Gott der begehrlichen Liebe – Personifikation: Andrzej Filończyk aka Don Giovanni) von Beginn an – insoweit abweichend vom Skript – Thanatos (griechischer Gott des Todes – Personifikation: Anne Müller) an die Seite stellt, verknüpft er im Geiste Wiliams` Leben und Tod – schickt also nicht nur Don Giovanni in Hölle, sondern gleichsam sämtliche Longevity-Phantasien: 2.065 Frauen sind einfach genug für ein Leben. In diesem Sinne gibt Filończyk den Titelhelden als gelangweilten Bösewicht, der Thanatos vorm Abgang nachgerade abklatscht.

Sänger-Longevity – Es ist natürlich nicht alles schlecht, was heutzutage unter dem Begriff Longevity stattfindet. Also dass Sänger sich und damit Ihre Stimme fit halten, daran ist nichts verkehrt. Der italienische Bariton Mattia Olivieri hat mir in einem Interview verraten, dass er auf eine Art Cardio-Training setzt. Wie sich Donna Anna (Elbenita Kajtazi), Don Ottavio (Dovlet Nurgeldiyev), Il Commendatore (Morris Robinson), Donna Elvira (Michèle Losier), Zerlina (Kady Evanyshyn) und Masetto (Hubert Kowalczyk) ertüchtigen, das weiß ich nicht. Aber dass sie sich fit halten, war nicht zu überhören: Sie bildeten ein glaubhaft-harmonisches Ensemble guter Mozart-Stimmen.  Im Detail dagegen keine Bestleistungen. So lag es an Olivia Jeremias, Zerlinas Arie „Batti, batti, o bel Masetto“ dank ihres Cello-Obligatos den Glanz zu verleihen, der auch den weiteren Arien im Übrigen fehlte. „Fin ch’han dal vino“ beispielsweise war bestenfalls eine Prosecco-Arie.

Omer Meir Wellber – Der Mozart-Maestro bewahrte Mozarts Seele vor den Fallstricken jeglichen Zeitgeists, ließ nirgends Platz für Langeweile: Longevity im besten Sinne, wenn auch ziemlich düster abgetönt. Daher – am Tasteninstrument – auch mal Blue-Notes-Improvisationen im Rezitativ.

Longevity-Tipp – Gehen Sie öfter in die Oper, das hält Ihren Geist und desgleichen Ihren Körper fit: Corpus sanum in mente sana. Bevor Sie mich korrigieren, ich weiß, bei Juvenal heißt es: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano. Aber der kann sich ja nicht mehr beschweren…

Jörn Schmidt, 20. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026

Zwischen den Sätzen 2:  Künstliche Intelligenz und Klassik klassik-begeistert.de, 16. September 2026

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