Staatsopern-Auftakt: Stiller Protest gegen einen exzellenten Don Carlo

Giuseppe Verdi, Don Carlo, Kirill Serebrennikov, Regie  Wiener Staatsoper, 4. September 2026

Don Carlo – Stikhina, Grigolo, Dupuis © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub

Kaum sind die Salzburger Festspiele vorbei, blickt die Wiener Opernszene mit Spannung auf Kirill Serebrennikovs Don Carlo zum Staatsopern-Saisonauftakt. Ein mutiger Schachzug, so reichten die Missfallensäußerungen bei der Premiere doch bis in den Graben. Diesmal waren die Skeptiker still, die musikalische Bilanz ebenso glanzvoll wie diese geniale, gesellschaftskritische Regie! 

Don Carlo
Musik von Giuseppe Verdi

Libretto von Achille de Lauzières, Camille du Locle und Angelo Zanardini nach Joseph Méry und Camile du Locle

Philipp II.:  Günther Groissböck
Don Carlo:  Vittorio Grigolo
Rodrigo, Marquis von Posa:  Étienne Dupuis
Der Großinquisitor:  Ain Anger
Ein Mönch:  Dan Paul Dumitrescu
Elisabetta:  Elena Stikhina
Eboli:  Eve-Maud Hubeaux
Tebaldo:  Ilia Staple
Graf von Lerma/Herold:  Hiroshi Amako
Stimme vom Himmel:  Florina Ilie

Musikalische Leitung:  Pier Giorgio Morandi
Regie, Bühne, Kostüme:  Kirill Serebrennikov
Ko-Kostümbildnerin:  Galya Solodovnikova
Choreografie und Regieassistenz:  Evgeny Kulagin

Wiener Staatsoper, 4. September 2026

von Johannes Karl Fischer

Bei der Premiere von Kirill Serebrennikovs Inszenierung vor zwei Jahren hisste der damalige Dirigent Philippe Jordan noch die weiße Fahne am Pult, offenbar sehr zur Freude der außerordentlich eifrigen Regie-Buher.

Nun hatte Intendant Bogdan Roščić den mutigen Schritt gewagt, mit dieser eigentlich genialen, gesellschaftskritischen und dennoch auch in Fankreisen umstrittenen Regie die diesjährige Saison im Haus am Ring zu eröffnen. Der Protest gegen die Regie war an diesem Abend stillschweigend, unspektakulär. Die ersten Gäste verließen das Haus bereits nach dem ersten Akt, nach der Pause war das Stehparterre halb leer. Dennoch tönte beim Schlussapplaus kein einziger Buh-Ruf durch den Saal.

Serebrennikovs Inszenierung polarisiert und begeistert zugleich

Zum Glück, denn treffsicherer und packender könnte man diese Schlager-Oper im 21. Jahrhundert nicht inszenieren. Don Carlo und Rodrigo als gnadenlose Freiheitskämpfer gegen die gesellschaftlichen Missstände, das wollte Verdi seinem Publikum vorführen und das bringt Kirill Serebrennikov in der Sprache der heutigen Zeit auf die Bühne. Don Carlo ist eben kein Museum für adelige Kostüme der höfischen Elite, sondern ein politisches, revolutionäres Protestwerk. Solche Inszenierungen lassen die Oper in eine rosige, spannende Zukunft blicken!

Don Carlo –Stikhina © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub
Dupuis meistert Rodrigo

Musikalisch war die Bilanz unumstritten herausragend. Vor allem Étienne Dupuis meisterte den Rodrigo mit einer erstklassigen Gesangsleistung, sein runder, sauberer Bariton setzte die tiefen Emotionen dieser Partie glanzvoll in Musik. Insbesondere seine Abschiedsarie strahlte mit Inbrunst und blühender musikalischer Liebe durch den Saal, das war eine der bewegendsten und berührendsten Gesangsnummern der letzten Zeit, nicht nur in diesem Haus. Vittorio Grigolo sang den Carlo mit gewohnt präsentem, doch stets sauberen Tenor und stemmte seine Partie völlig mühelos über Chor und Orchester. Als wäre dieser musikalische Freiheitskampf einfach nur die größte Freude seines Opernlebens.

Hubeaux begeistert als Eboli

Auch Eve-Maud Hubeaux sang die Eboli mit sattelfestem Mezzo, schon in ihrem ersten Auftritt eroberte ihre stimmliche und schauspielerische Bühnenpräsenz die Handlung. Im Laufe des Abends gewann ihre Stimme immer mehr an Intensität hinzu und fesselte einen immer fester in ihre Partie. Rollentreu ein wenig in den musikalischen Hintergrund geriet Elena Stikhinas Elisabetta. Ihr brillanter Sopran entfaltete ihre von Verdi leicht unspektakulär komponierten Arien mit blühender Stimme und segelte liebevoll durch die Melodien. Das Publikum reagierte zurecht mit entfesseltem Applaus.

Don Carlo – Grigolo, Stikhina © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub
Groissböck schwächelt im Duell der Bässe

Einen leider nicht ganz so starken Abend hatte Günther Groissböck als Philipp II. erwischt. Zwar sang er seine Partie musikalisch sauber und solide, so richtig thronen wollte seine Stimme aber nicht. Als wäre dieser König ein emotionsloser, flacher Charakter, dem das ganze Geschehen um Eifersucht und Liebe egal ist. Egal, macht nix, die Schlager-Arie Ella giammai m’amò strahlte routiniert und spannungsvoll, das reicht. Dachte ich …

Denn wenige Momente später grüßte der zweite Bass des Abends, Ain Angers Großinquisitor, den König. Seine kommandierende, schlagkräftige Stimme stemmte die Rolle dieses eigentlich furchterregenden Charakters siegessicher über die Bühne, der König konnte rollentechnisch und stimmlich nur noch zuschauen. Nun ja, die Kirche entreißt dem König die Macht, historisch gar nicht so verkehrt. Mein Platznachbar meinte: „Da ist der Groissböck aber untergegangen.“ Oha, das ist schon ein bisschen zu hart. Aber schon sein Baron Ochs in Mai klang ein wenig mutlos, als würde er nun seine Stammpartien einfach zum 563. Mal runtersingen.

Don Carlo – Anger © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub

Dem exzellenten Ruf des Hauses wurden auch die sehr stark besetzen Nebenrollen gerecht. Vor allem Dan Paul Dumitrescus Mönch setzte in den ersten Momenten dieses wunderbaren musikalischen Abends ein bärenstarkes Ausrufezeichen, und Florina Ilie ließ die Stimme vom Himmel mit ihrem leuchtenden Sopran in die musikalischen Herzen des Publikums strahlen.

Fehlstart Orchester

Ein wenig gemischt war die Bilanz bei Chor und Orchester. Ausgerechnet die erste und von Verdi kunstvoll komponierte Szene hatte einige Wackler in sich, die Magie dieser Musik verzögerte sich um ein paar Minuten. Es sei ihnen verziehen, die meisten dieser Musiker dürften frisch von den Salzburger Festspielen angereist sein. Im Laufe des Abends sangen und spielten sich Chor und Orchester warm und spielten unter der Leitung von Pier Giorgio Morandi Verdis Partitur klangvoll und mit viel Freude aus.

Im Don Carlo heißt es: „Carlo, il sommo imperatore“, „Carlo, der größte aller Kaiser“, in Wien krönt sich die Staatsoper zur Kaiserin der Opernwelt. Vienna, la somma imperatrice dell’opera!

Johannes Karl Fischer, 5. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Don Carlo Wiener Staaatsoper, 23. März 2025

Giuseppe Verdi, Don Carlo Wiener Staatsoper, 6. Oktober 2024

Giuseppe Verdi, Don Carlo Wiener Staatsoper, 26. September 2024 PREMIERE

13 Kommentare zu „Giuseppe Verdi, Don Carlo, Kirill Serebrennikov, Regie
Wiener Staatsoper, 4. September 2026“

  1. Pardon: „und stemmte seine Arien“: Erstens hat der Carlo – und ich habe die Partie oft gesungen! – nur eine Arie und zweitens bezeichnet „stemmen“ eine tenorale Unart, die mir ganz fremd war.
    Aber schön, was Ihnen alles gefällt!
    Flaviano Labò

    1. Teile Ihre Meinung voll und ganz! Außerdem wie kann eine Carlo-Aufführung „exzellent“ sein, wenn die Hauptpartie – nicht Carlo, nicht Eboli, nicht Rodrigo, nicht Elisabetta – sondern Filippo vom Grande Inquisitore an die Wand gesungen wird und das Orchester einen „Fehlstart“ erleidet und erst, zusammen mit dem Chor, sich kollektiv darauf gekommen sind, was sie zu tun hatten? Ach ja, : „… in Wien krönt sich die Staatsoper zur Kaiserin der Opernwelt. Vienna, la somma imperatrice dell’opera!“ Das war einmal … in grauer Urzeit. Seit langem nicht mehr, und das nicht erst seit Roščić!

      Sheryl Cupps

        1. Früher war die Qualität von dem, „was im Graben übrig geblieben ist“, genauso gut wie die erste Garnitur, die irgendwo auf Konzertreisen gespielt hat. In den letzten Jahren, nein, Jahrzehnten hat sich mehr als ein Generationswechsel stattgefunden, ohne dass sich die neuen Mitglieder mit den älteren Generations klangmäßig verbunden haben. Das, was m.E. fehlt, ist die Bereitschaft, auf einander zu hören, die früher so offensichtlich war und zu den besten Resultaten geführt hat.

          Sheryl Cupps

          1. Wie kann es sein, dass der Hauptberuf (!) zur Nebensache wird, die „erste Garnitur“ auf eigene Rechnung unterwegs ist. Nebenbei: Professoren sind die Mitglieder des Privatorchesters zumeist ja auch noch …
            Die arbeitsrechtlichen Umstände würden mich schon interessieren, zumal immer öfter über „den Graben“ geklagt wird.
            Paradebeispiel: 31.12.und 1.1: Neujahrskonzert; zugleich Fledermaus mit TV-Übertragung in der Staatsoper. Jeweils volle Besetzung der ersten Klasse, geht das überhaupt und wenn nicht, welche Bühne hat das Vorrecht auf höchste Qualität?

            DI Waltraud Becker

        2. In Fragen des Arbeitsrechts würde ich Ihnen empfehlen, sich direkt an die Wiener Philharmoniker zu wenden oder an die Rechtsabteilung der Bundestheater. Was TV-Übertragungen betrifft, ist Vorsicht geboten, denn wer weiß, WANN eine Aufführung, die „direkt“ sein soll, wirklich aufgenommen wurde.

          Sheryl Cupps

    2. Pardon, wer sind Sie denn nun? Clemens Jabloner oder Flaviano Labò? Letzterer kann ja aber nicht sein, da 1991 verstorben.

      Hartmut Funke

      1. Interessante! Noch eine Frage: Wer ist eigentlich Johannes Karl Fischer? Früher war es so, daß die Ausbildung und musikpolitische Richtung der Musikkritiker allgemein bekannt waren. Heutzutage kann jeder sich Ehre geben, ohne sich, so zu sagen, vorgestellt zu haben. Herr Fischer mag in gewissen Kreisen wohl bekannt sein, mir sagt sein Name gar nichts. Seine Einschätzung der Aufführung von Don Carlo ist m.E. problematisch. Jeder Mensch, auch Kritiker, haben ein Recht auf ihre Meinung, aber ich finde sie müßten diese durchwegs präsize begründen. Die Einwände von Jabloner/Labò sind durchaus begründet, denn der Mangel am Erkennen von kultiviertem Gesang in der Begeisterung von Grigolos Art zu singen wirft einen Schatten auf alle weiteren Meinungen. Zum Vergleich wäre es interessant zu wissen, wie sein Platznachbar die gesamte Aufführung beurteilt hätte.

        Sheryl Cupps

        1. Guten Tag Frau Cupps,

          da ich schon des Öfteren von Ihnen Kommentare gelesen habe, gehe ich davon aus, dass Sie hier auf kb unterwegs sind. Gehen Sie ins Menü, klicken Sie Autoren an und holen Sie sich Ihre Informationen über Herrn Fischer.
          Und ja, heutzutage kann sich (fast) jede/r die Ehre geben, die/der klassische Musik liebt, Ahnung hat und des korrekten Schreibens mächtig ist. Ich finde das wunderbar.
          So entstehen unterschiedlichste Rezensionen, aus ganz verschiedenen Blickwinkeln.
          Schade, dass Sie damit ein Problem haben und nicht die Chancen sehen, die diese Vielseitigkeiten bieten.

          Viele Grüße,
          Kathrin Beyer

          1. Vielen Dank für den Hinweis. Herr Fischer, Jahrgang 1996. Ja, auch ich war einmal 30 Jahre alt. Aber jetzt bin ich 80 und habe den Vorteil Herrn Fischer gegenüber, etwas mehr live erlebt zu haben, auch wenn ich nicht mit 3 Jahren zum ersten Mal in die Oper ging. Wissen Sie, ich bin eigentlich froh darüber, daß ich die Phase der „kindlichen Begeisterung“ nicht erlebt habe, denn wenn man etwa später, gewappnet mit einer musikalischen Ausbildung, ins Operngeschehen einsteigt, ist man selber gefestigter. Mit 30 Jahren hätte ich NIE im Leben das „Stemmen“ von Tönen gut geheißen, die wirklich eine üble Unart ist, und das gleich am Anfang einer Kritik! Das wirft mehr als nur einen Schatten auf alles, was folgt!

            Sheryl Cupps

          2. Liebe Frau Cupps,

            Vielfalt ist die Stärke von kb. Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Autor liegt bei uns mehr als ein halbes Jahrhundert: genau 60 Jahre!
            Arthur Bertelsmann aus Berlin ist 23, Lothar Schweitzer aus Wien 83. Unsere Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, vom Apotheker
            über die Erzieherin bis zum Zahnarzt. Es schreiben auch versierte Journalistinnen und Journalisten.

            Johannes Fischer schreibt seit Jahren pointiert aus europäischen und US-amerikanischen Konzert- und Opernhäusern. Sein Schwerpunkt ist Wien, München,
            Berlin und Hamburg. Er heißt das „Stemmen“ von Tönen nicht gut, sondern benutzt dieses Wort im fünften ! (nicht „gleich am Anfang“) Absatz umgangssprachlich,
            da der Sänger markant laut gesungen hat.

            Herzlich grüßt Sie,

            Andreas Schmidt, Herausgeber

  2. Ich habe das Pseudonym „Flaviano Labò“ gewählt, weil dieser wunderbare Tenor, den ich in Wien zweimal als Don Carlo gehört habe, in wirklich jeder Hinsicht das Gegenteil von Grigolo war. Nun ist das eine Geschmacksfrage, aber was jedenfalls nicht geht, ist von „Arien“ und „stemmen“ zu schreiben. Im Übrigen kann man in Wien aktuell einen ausgezeichneten Tenor hören: Luciano Ganci!

    Clemens Jabloner

    1. Lieber Herr Jabloner,

      vielen Dank für Ihren Kommentar.

      „Arien“ haben wir durch „Partie“ ersetzt; „stemmen“ hat unser Autor genau so empfunden.

      Herzlich,

      Andreas Schmidt, Herausgeber

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