Foto: Anna Lapwood (c) Nick Rutter
Man stelle sich vor, der Saal ist prall gefüllt, alle warten auf Anna Lapwood (31), Jungtalent und Stargast des Abends, die aktuell auf Tournee durch Europa die Herzen berauscht und in den sozialen Medien ein Millionenpublikum für die Orgel begeistert. Und dann tritt mit mehreren Minuten Verspätung der Veranstalter auf die Bühne und verkündet das maximal Verheerendste: Die Orgel ist ausgefallen. Was wie der schlimmste Alptraum aller klingt, wird an diesem Mittwoch in Köln Realität.
Kölner Philharmonie, 16. September 2026
Philharmonia Orchestra
Kerem Hasan, Dirigent
Mädchenchor am Essener Dom
Steffen Schreyer, Einstudierung
Anna Lapwood, Orgel
Hans Zimmer – Chevaliers de Sangreal (aus „The Da Vinci Code“, 2006) und Suite aus der Filmmusik zu Interstellar (2014) – jeweils für Orgel arrangiert von Anna Lapwood
Kristina Arakelyan – Toccata (2025)
Max Richter – Cosmology (2025)
Camille Saint-Saëns – Sinfonie Nr. 3 C-Moll op. 78 „Orgelsinfonie“ (1886)
Zugabe:
John Powell – “Test Drive” aus “Dausrachenzähmen leicht gemacht“ (2010), für Orgel arrangiert von Anna Lapwood
von Daniel Janz
Kurz vor dem Start droht das größtmögliche Debakel
Man merkt direkt, wie schwer der Schock gesessen haben muss. Am Mittag habe das WDR Sinfonieorchester noch erfolgreich an der Orgel geprobt (vermutlich Le Poème de l’Ecstase, das diese Woche Freitag gespielt wird), doch dann habe das Instrument den Dienst versagt. Unter Hochdruck suchte man Alternativen, Tschaikowskis fünfte sei bereits als kleines Trostpflaster spontan einstudiert worden. Und dann – der Vorraum der Philharmonie ist bereits in Scharen gefüllt – findet ein Techniker endlich den Defekt. Anna Lapwood arbeitet noch Sekunden vor der Saalöffnung an der Registrierung und mit einer viertel Stunde Verspätung startet dann das Konzert.
Dramatischer geht es nur im Film! Es ist ja nicht das erste Mal, dass in der Kölner Philharmonie technische Probleme auftauchen. Aber wenn ausgerechnet die inzwischen weltbekannte und berühmte Organistin der Royal Albert Hall und erste weibliche Stipendiatin des Magdalen College hierherkommt und dann das größte und wichtigste Instrument im Saal streikt: Was sagt das über dieses Konzerthaus aus?

Zum Start des Konzerts fühlt es sich deshalb auch an, als würde der ganze Saal zittern. Doch als Anna Lapwood die Finger auf die Klaviatur der Orgel legt und der erste Ton erklingt, entführt sie mit der Musik von Hans Zimmer direkt in sphärische Welten. Sofort fällt Lapwoods feine Registrierung auf. Wie sie Wechsel aber auch die Lautstärke an der Orgel justiert – so weich und völlig fließend – erlebt man selten. Glockenschläge und pathosgeladene Hornmotive leiten ihr Spiel in den ersten Höhepunkt des Abends. Und das, obwohl die Musik (typisch für Hans Zimmer) nicht optimal instrumentiert ist, denn Harfen und Klavier sind überhaupt nicht zu hören.

Ähnlich ergreifend geht es in der Suite zum Film Interstellar weiter. Auch diese bereits zum Klassiker gewordene Filmmusik gestaltet Lapwood zum sphärischen Freudenfest. Als dann mitten in der Suite zur leisesten Stelle auch noch das Publikum die Handys zückt und – wie Lapwood gebeten hatte – die Taschenlampen anschaltet, ergibt das glatt ein Bild wie am Sternenhimmel. Galaktisch, fantastisch, bewegend!
In weite Fernen und wieder zurück: das alles kann die Orgel!
Das technische Problem an der Orgel bleibt zwar nicht folgenlos, so wird Kristina Arakelyans Toccata leider gestrichen (und wer das Werk kennt, vermisst es auch). Dennoch bereiten die Filmmusiken von Hans Zimmer das Publikum optimal auf Max Richters „Cosmology“ vor. In dem viersätzigen Werk für Orgel, Orchester und Frauenchor stellt er eine Reise durch den Kosmos und wieder zurück zur Erde dar.
Das weckt Interesse, ist aber kompositorisch äußerst simpel umgesetzt. Alle vier Sätze bestehen im Prinzip aus einem einfachen Harmonieschema, dass sich mehrfach wiederholt und dabei in unterschiedliche Klangfarben und Lautstärke gekleidet wird, ohne verarbeitet zu werden. Liebhaber vom Boléro dürften ihre Freude haben.

Trotz dieser Schwächen am Werk zaubern die Beteiligten daraus ein Erlebnis. Der erste Satz bildet einen wunderbar warmen Einstieg, zu dem der Mädchenchor kristallklare Töne hervorbringt. Als würde ein Astronaut gerade in die Unendlichkeit des Alls aufbrechen. Völlig entschleunigt, dadurch aber auch mit gewissen Längen, malt Satz 2 den Orionnebel aus verträumten Klängen von Horn und Flöte, zu denen der Chor pure Sehnsucht versprüht. Satz 3 wird zum Paradestück für Lapwoods Fingerfertigkeit an der Orgel. Mir gefällt dieser „Pleiaden“ genannte Abschnitt am meisten. Und der vierte Satz führt zu einem versöhnlichen Abschluss, zu dem der Chor bis in engelsgleiche Höhen mit der Orgel und dem Orchester intim ausklingen. Einfach Klasse! Und das gegen ein Publikum, das es trotz Lapwoods expliziter Bitte nicht schafft, Zwischenapplaus und damit einhergehende Störungen zu unterlassen.

Saint-Saëns Orgelsinfonie wird zum Kracher
Das Hauptwerk des Abends wird dann zur Kür für das bisher eher im Hintergrund aktive Orchester. Schon die ersten Töne verzücken. Dirigent Kerem Hasan (34) legt einen sensiblen Ansatz an das Werk an. Gerade in den leisen Stellen fällt die dezente Abmischung der Stimmen positiv auf, die er dem Ensemble abverlangt. Das geschieht zwar auf Kosten der Dramatik; so fehlt dem ersten Satz noch ein wenig die Lautstärke, die ab Satz 3 endlich durchdringt. Dafür sind die Motive im tiefen Blech und auch der ein oder andere Hornruf sehr plastisch herausgearbeitet. Satz 2, in dem Lapwood dann mit äußerster Finesse die Orgel einbringt, gelingt dadurch besonders bewegend.

Emotionales Kernstück bleiben aber die Sätze 3 und 4, in denen ein Höhepunkt den nächsten jagt. Als die Orgel zum Finale erneut einsetzt, ist die Spannung nicht mehr auszuhalten. Die Streicher rasen förmlich, das Holz brilliert, die Bläser glänzen und das alles zum bombastischen Klang der Orgel. Das hier ist pure Kraft, Dramatik, ein Feuerwerk der Musik. So gut hat man diese Sinfonie lange nicht mehr gehört. Ganz der Partiturangabe „Maestoso“ entsprechend endet sie in einem majestätischen Finale, in dem Pauke, Orgel und Blechbläser jeden Ton regelrecht zelebrieren. Kein Wunder, dass es danach das Publikum buchstäblich aus den Stühlen reißt. Minuten lang hält tosender Applaus an; alle feiern sie zurecht eine phänomenale Glanzleistung.
Und Lapwood schiebt dem Spektakel noch ein Kleinod hinterher. Bereits während des Konzerts hat sie sich mit ihren Werkeinführungen, viel Charme und persönlichen Grußworten als absoluter Publikumsmensch gezeigt. So verwundert auch nicht, dass sie ihre ergreifende Zugabe einem von ihr namentlich genannten Pärchen widmet, das kommendes Wochenende vor den Traualtar treten wird. Was für ein traumhaft schönes Geschenk an die Bald-Vermählten! Da darf man auch mal neidisch sein.
Damit endet ein Konzertabend, der haarscharf an einem technischen Fiasko vorbeigeschrammt ist, in einem gigantischen Erfolg. Wer Anna Lapwood bisher noch nicht auf dem Radar hatte, dürfte spätestens nach diesem Auftritt hellauf begeistert von ihrem Talent und ihrer publikumsfreundlichen Art sein. Kein Wunder, dass sie in den „sozialen Medien“ so viele Follower hat. Dieser Abend hat gezeigt: All ihr Ruhm ist absolut verdient. Bitte, liebe Anna Lapwood, kommen Sie schnell wieder nach Köln. Nicht zuletzt auch, damit die Technik hier im Haus endlich besser gewartet wird…
Daniel Janz, 17. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Anna Lapwood, Orgel-Queen Dom St. Petri, Bremen, 3. September 2026
Meine Lieblingsmusik 67: Camille Saint-Saëns, Sinfonie Nr. 3 in c-moll „Orgelsinfonie“ (1886)
Gürzenich-Orchester Köln, Andrés Orozco-Estrada Kölner Philharmonie, 6. Juli 2026