Das Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada ist eine Meisterklasse für sich

Gürzenich-Orchester Köln Andrés Orozco-Estrada  Kölner Philharmonie, 6. Juli 2026

Foto: Orchesterfoto 2025 (c) Astrid Ackermann

Am Ende ergibt das die beste Aufführung dieses Werks, die man in Köln seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten erleben durfte. Was für ein beeindruckendes Statement eines Orchesters, das mal wieder zeigen konnte, wie gut es wirklich ist. Kann also trotz turbulentem Drumherum gute Musik gelingen? In Köln definitiv.

Gürzenich-Orchester Köln
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent

Maria Dueñas, Violine

Johannes Brahms – Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 (1878)

Thomas Adès – Ouverture aus: The Tempest op. 22a, Oper in drei Akten (2004)

Igor Strawinsky – Le Sacre du printemps (1910–13)

Kölner Philharmonie, 6. Juli 2026

von Daniel Janz


Kann man das Gürzenich-Orchester noch toppen?

Hip, einladend, modern – nicht nur die Philharmonie in Köln möchte sich so präsentieren. Auch das Gürzenich-Orchester Köln gibt sich zuletzt immer moderner. Es scheint, als hätte man neuerdings Social Media für sich entdeckt, wenn man die zuletzt immer präsenteren Auftritte auf Instagram, Tiktok und Co oder die um Publikums-Interviews buhlenden Kamerateams im Foyer so einordnen kann. Als hätte sich mit dem neuen Chefdirigenten auch die Marketing-Strategie geändert. Aber gelingt bei so einem turbulenten Drumherum auch noch gute Musik?

Brahms, Adès, Strawinsky – die Gürzenicher wollen es wissen!

Die Frage nach der Qualität stellt sich bereits bei der Komponistenauswahl. Denn dieses Orchester präsentiert heute die Meisterklasse: Mit Brahms und Strawinsky stehen gleich zwei auf dem Programm, die selbst gestandene Orchester immer wieder in die Knie zwingen. Das Ganze auch noch gewürzt mit Thomas Adès hat das Potenzial, zum fulminanten Erfolg oder zur krachenden Bruchlandung zu werden.

Brahms‘ Violinkonzert ist so ein (überbewerteter) Klassiker, der alles abverlangt. Überpräsent im Konzertbetrieb stellt es sich als Sammlung kreativer Ideen dar, klingt in Teilen aber doch recht spröde. Als hätte der Komponist sich wie bei seiner ersten Sinfonie im Spiel der Funktionsharmonik verrannt, anstatt Motive hervorzuheben.

Was dem Werk in seiner Veranlagung fehlt, müssen also die Künstler ausgleichen. Und was das Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada (48) daraus macht, ist eine Meisterklasse für sich. Wie ein sich für die Solistin öffnender Vorhang zelebrieren sie die Einleitung in den ersten Satz, der gerne zehn Minuten kürzer hätte sein dürfen. Wuchtig spielen sie ihr einen idealen Klanguntergrund zu. Ständig zwischen energischem Spiel und hauchzarten Sehnsuchtsmomenten pendelnd, holt das Orchester alles aus diesen Werk, was menschenmöglich ist.

© Werner Kmetitsch: Andrés Orozco-Estrada

Und Solistin Maria Dueñas (23) – meine Güte, was die junge Spanierin aus ihrer Geige streicht, grenzt an Magie! So fein gelingt ihr die Balance zwischen energischen Einsätzen und Filigranität, dass selbst die sperrigsten Passagen wie Gemälde der Klangkunst erscheinen. In so einem Werk, das ihr das Durchkommen gegen den Orchesterapparat nicht immer leicht macht, zeigt das Weltklasse. Als hätte sie schon Jahrzehnte lang Brahms gespielt. Da ist nicht nur in ihrer Solokadenz Gänsehaut garantiert. Auch der zweite Satz wird zum Kleinod der Intimität – nicht zuletzt auch, weil die erste Oboe zum Holzbläserchoral mit einem fantastischen Solo einleitet. Als würden alle Beteiligten einen Traum erschaffen wollen.

Fotografie Tam Lan Truong

Im Schlusssatz findet sich dann die größte Steigerung. Nicht nur ist er am besten komponiert. Orchester und Solistin gelingt auch eine Glanzleistung. Kann man dieses in Teilen sperrige Stück überhaupt besser aufführen? Wenn man dem Publikum glaubt, dann nicht; so furios ist der in Teilen sogar stehende Applaus. Von so einem Spiel kann man aber auch nicht genug kriegen, weshalb Dueñas‘ herrliche Zugabe, mit der sie auch noch ihre sensible Seite am Instrument hervorhebt, eine Wohltat ist.

Maria Duenas (c) Allan Cabral
Nicht perfekt – aber extrem nah dran!

Das erste Werk nach der Pause stammt aus der Kategorie „Ist das noch Kunst oder kann das weg“. Thomas Adès Musik fiel bereits im März negativ auf. Leider ändert auch die heute von ihm aufgeführte Ouverture aus der Oper „The Tempest“ nichts an diesem Eindruck. Das ist Chaosmusik, der jegliche Form und Wiedererkennbarkeit fehlen. Hat man die ersten 4 Takte gehört, hat man alles gehört. Es startet mit robusten Klängen voller Schlagzeugeffekten und kennt immerhin eine Entwicklung vom brachialen Krawums zu einem in sich gekehrten Ende. Dass Orozco-Estrada es ohne Unterbrechung in die ersten Klänge vom Sacre münden lässt, ist wohl der beste Einfall zu diesem Stück. Immerhin nimmt es so nichts vom Rest der Aufführung weg.

Ganz anders präsentiert sich der ewige Orchesterschreck aus Strawinskys Feder. Wer den „Sacre du printemps“ zuletzt in Düsseldorf miterleben durfte, wird noch in Erinnerung haben, was bei diesem Werk alles schiefgehen kann. Dass man sich nur zwei Monate später in Köln auch daran versucht, ist mindestens mutig. Zumal man auch hier schon etliche leidvolle Erfahrungen mit diesem Werk machen musste.

Aber manchmal ist der Dirigent das Zünglein an der Waage. Schon ab dem ersten Ton des hohen Fagotts stellt sich Gänsehaut ein. Und von da an geht es nur noch bergauf. Als wollten die Gürzenicher erneut ihren Stand als bestes Orchester im Rheinland beweisen. Das heute ist keine Qualaufführung, das heute ist eine Kür! So gut hat man den Sacre noch nicht in diesem Saal gehört! Das hat Pepp, das hat Feuer, das hat Energie und mündet in einem Finale, das das Publikum aus den Stühlen reißt. In Anbetracht des kürzlichen, noch sehr präsenten Reinfalls unter Semyon Bychkov und der Tschechischen Philharmonie in Düsseldorf beeindruckt das umso mehr.

Foto: Andrés Orozco-Estrada ©  Werner Kmetitsch

Wollte man kritisch sein, wäre anzumerken, dass Trompeten und Hörner die ersten Einsätze etwas zurückhaltend spielen. Und auch die erste Violine hätte ihr Solo im „Frühlingsreigen“, der für den Geschmack des Rezensenten wieder zu schnell gerät, prominenter spielen dürfen. Aber das alles verblasst im Lichte der Gesamtleistung.

Beeindruckend, ja, fast perfekt zelebrieren die Holzbläser jeden Ton. Besonders Flöten, Klarinetten und das Englischhorn sind stets eine Freude. Die Streicher finden die ideale Balance zwischen zart flirrenden Momenten, Klangklarheit und wuchtigem Stampfen. Nach den ersten zurückhaltenden Tönen legen Trompeten und Hörner eine beispiellose Steigerung hin, spätestens zur „Prozession des alten Weisen“ sorgen sie für Beben im Saal. Die Posaunen und zwei Tuben schaffen mit jedem Einsatz eine unerschütterliche Klangbasis im Bass. Und das Schlagzeug – meine Güte, hat das Wucht. Es kracht und rumst genau da, wo es sein soll. Und sonst bereichern sie diese ohnehin spannungsgeladene Sternstunde der Aufführungskunst mit ihren Effekten.

Am Ende ergibt das die beste Aufführung dieses Werks, die man in Köln seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten erleben durfte. Was für ein beeindruckendes Statement eines Orchesters, das mal wieder zeigen konnte, wie gut es wirklich ist. Kann also trotz turbulentem Drumherum gute Musik gelingen? In Köln definitiv.

Daniel Janz, 7. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Berner Symphonieorchester, Krzysztof Urbański / María Dueñas Casino Bern, 20. Februar 2026

Gürzenich-Orchester Köln Andrés Orozco-Estrada, Dirigent, Christiane Karg Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026

Grigory Sokolov, Beethoven und Schubert  Kölner Philharmonie, 29. Juni 2026

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