Carré d’As zeigt ein barockes Spiegelkabinett der Eitelkeiten

Carré d’As Portraits musicaux  klassik-begeistert.de, 7. Juli 2026

CD-Besprechung:

Das Label Château de Versailles Spectacles hat ein besonderes Händchen für kluge Konzepte, und dieses hier ist fast schon ein musikalisches Detektivspiel. Das Trio Les Timbres stellt vier Heroen des französischen Barock – Couperin, Forqueray, Marais und Rameau – in einer raffinierten Galerie wechselseitiger Porträts vor. „Carré d’As“ heißt das Unterfangen, und es ist weit mehr als eine bloße Sammlung von Stücken: Es ist eine verschachtelte Anthologie des barocken Gesellschaftsspiels, bei dem Komponisten sich gegenseitig huldigen, necken, imitieren oder übertrumpfen.

Carré d’As
Portraits musicaux

Couperin – Forqueray – Marais – Rameau
Les Timbres

Château de Versailles, CVS 175

von Dirk Schauß

Das Prinzip ist ebenso simpel wie reizvoll: Jeder der vier Großen hinterließ ein musikalisches Selbstporträt und wurde von den anderen porträtiert – flankiert von einer Schar von Kleinmeistern, die eifrig mitmischten. Das Ergebnis ist ein funkelndes Spiel aus Spiegelungen und Ehrerbietungen, bei dem die Perücken wackeln und die Egos leuchten.

Yoko Kawakubo (Violine), Myriam Rignol (Viola da gamba) und Julien Wolfs (Clavecin) haben sich für dieses Album durch ein wahres Dickicht an Notenmaterial gewühlt. Das Ergebnis ist eine intime, lebendige Konversation. Die drei Musiker spielen diese Miniaturen nicht wie verstaubte Museumsstücke, sondern frisch mit natürlicher Autorität, die man nur nach jahrelangem gemeinsamen Musizieren entwickelt. Man spürt in jedem Takt die Reife von fast zwei Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit. Die Interpretationen atmen, sie nehmen sich Freiheiten – und genau diese noble Lässigkeit macht sie so köstlich.

Natürlich verlangt ein solches Programm eine gewisse Hingabe an die klangliche Welt des französischen Barock. Das Cembalo dominiert, die Dynamik bleibt im edlen Rahmen des höfischen Salons. Wer hier orchestrale Urgewalten oder dramatische Ausbrüche sucht, wird enttäuscht. Wer sich aber auf dieses subtile Spiel aus Nuancen, Seidenglanz und gepuderter Melancholie einlässt – auf das permanente Imitieren, Necken und Überbieten –, wird reich belohnt.

Besonders eindrucksvoll ist die Wandlungsfähigkeit des Ensembles. Myriam Rignol lässt Antoine Forquerays La Forqueray (aus der Suite in d-Moll) mit ungestümer, ja wilder Energie knurren und singen – ganz im Sinne des streitsüchtigen Gambenvirtuosen, dessen Lebenswandel selbst die Gerichte beschäftigte. Dagegen steht die zarte, scheue Introspektion von François Couperins La Couperin (aus dem vierten Buch der Pièces de clavecin), die Julien Wolfs mit stupender Präzision und gleichzeitig großer Wärme meißelt. Und bei Rameau funkeln die harmonischen Wagnisse, während die drei Musiker die Bälle mit spielerischer Eleganz hin- und herwerfen.

Reizvoll wird die Einspielung vor allem durch die Beiträge der „anderen“. Louis-Antoine Dornel, Louis de Caix d’Hervelois oder Jacques Duphly (der bekanntlich das Orgelspiel aufgab, um seine zarten Hände nicht an den groben Tasten zu ruinieren) steuern ganz eigene Sichtweisen bei. Dornels La Marais schwelgt in wunderbarer Melancholie, Duphlys Hommage an Forqueray besticht durch brillante Virtuosität. Das Booklet zählt penibel auf: drei Porträts von Couperin, sechs von Forqueray, vier von Marais, drei von Rameau. Beim Hören tritt diese Zahlenakrobatik jedoch schnell in den Hintergrund – die Musik selbst ist einfach zu einnehmend.

Die Aufnahme in der intimen Akustik der Kirche Saint-Léger in Pompierre-sur-Doubs fängt das barocke Instrumentarium wunderbar direkt ein: das Kratzen des Bogenhaars, das feine Schnappen der Cembalokiele, das Atmen der Musiker. Das nimmt der Musik jede museale Distanz und rückt sie ganz nah ans Ohr.

Les Timbres haben kein steriles Lexikon-Eckchen eingespielt, sondern ein hoch lebendiges, atmendes Monument französischer barocker Lebensart. Ein Album für Kenner, die sich an den feinen Unterschieden zwischen einem angélique gespielten Marais und einem orageux auffahrenden Forqueray erfreuen. Das Carré d’As gewinnt diese Partie souverän – ohne Bluff, ohne falsches Pathos, mit viel Charme.

Dirk Schauß, 07. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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