CD-Besprechung:
Georg Friedrich Händel
Inexorable Amour
Cantate Virtuose
Marie Lys, Sopran
Orchestre de l’Opéra Royal
Gaétan Jarry, musikalische Leitung
Château de Versailles Spectacles
CVS168
von Dirk Schauß
Rom im frühen achtzehnten Jahrhundert muss ein göttliches Pflaster für all jene gewesen sein, die das Glück besaßen, den purpurnen Mantel eines Kardinals zu tragen oder zumindest in dessen üppig möblierten Salons zu verkehren. Man stelle sich vor, wie die herrschaftliche Elite der Ewigen Stadt, berauscht von arkadischer Poesie und klerikalem Standesbewusstsein, den heißen römischen Sommerabenden lauschte, während ein junger, ungestümer Sachse namens Georg Friedrich Händel am Cembalo saß und die High Society mit weltlichen Kantaten in kollektive Schnappatmung versetzte.
Das war kein harmloser Zeitvertreib für gelangweilte Aristokraten, sondern ein Laboratorium der Leidenschaften, in dem Händel das psychologische Rüstzeug für seine späteren Opernerfolge schmiedete.
Das französische Label Château de Versailles Spectacles legt nun unter dem Titel „Inexorable Amour“ eine Einspielung vor, die genau diesen Hitzegrad einfängt. Man reibt sich verwundert die Ohren, wie frisch und wie unakademisch diese Musik klingen kann, wenn sich die richtigen Protagonisten zusammenfinden. Die Schweizer Sopranistin Marie Lys wirft sich mit einer Verve in diese Partituren, die jeden Gedanken an verstaubte Archivarbeit im Keim erstickt. Unterstützt wird sie vom Orchestre de l’Opéra Royal unter der umsichtigen Leitung von Gaétan Jarry.
Schon das Prachtstück „Il delirio amoroso“ gerät hier zu einer Demonstration vokaler und instrumentaler Souveränität. Hier entfaltet sich ein Seelendrama von beträchtlicher Tragweite. Marie Lys verfügt über ein Organ, das in den lichten Höhen wie fein geschliffenes Kristall funkelt, ohne jemals an Substanz zu verlieren. Wenn sie im großen Rezitativ „Da quel giorno fatale“ anhebt, ist das kein steriles Deklamieren, sondern echtes, schmerzhaftes Erleben. Sie meidet jede Form von künstlichem Vibrato, das die klaren Melodiebögen Händels verwaschen würde. In der Arie „Un pensiero voli in ciel“ schleudert sie die Notenkaskaden mit spielerischer Leichtigkeit in den Raum.
Jarry hält das Orchester auf einem wunderbar federnden Kurs. Kein schwerfälliges Dahintrotten, sondern ein atmender, flexibler Klang, der die Solistin trägt und bisweilen sanft anstachelt. Vor allem in den tänzerischen Passagen versteht er es, das Vorwärtsdrängende dieser Musik herauszuarbeiten, ohne je ins Gehetzt-Mechanische zu kippen.
Einen köstlichen Kontrast bildet die kleine Rarität „Sans y penser“, Händels einzige französische Kantate, vermutlich komponiert für seine Muse Margherita Durastanti. Hier herrscht das galante, augenzwinkernde Chanson-Idiom vor. Marie Lys wechselt mühelos die stilistische Maske und serviert das kokette Spiel mit Leichtigkeit, die beweist, dass barocker Liebeskummer durchaus mit einem ironischen Lächeln ertragen werden kann. Man spürt förmlich den Duft des Versailler Schlossparks, auch wenn das Stück von einem Sachsen in Italien konzipiert wurde.
Weiter geht die wilde Fahrt durch die Gefühlswelten mit „Un’alma innamorata“. In „Io godo, rido e spero“ darf die Sopranistin nach Herzenslust jubeln, lachen und hoffen – und sie tut dies mit einer Vitalität, die man so schnell nicht vergisst.
Das abschließende „Crudel tiranno amor“, entstanden Jahre später in London für ein Benefizkonzert der Durastanti, bildet den reifen Schlusspunkt. Die Arie „O dolce mia speranza“ wird von Marie Lys mit feinem Legato zelebriert. Hier zeigt sich die eigentliche Meisterschaft der Sängerin: nicht nur die virtuose Koloratur, sondern der lange, schwebende Atem, der Händels Melodien unsterblich macht.
Man verzeiht der Aufnahme bereitwillig die kleinen rauen Kanten im Orchesterklang – sie machen das Ergebnis nur menschlicher und entheben es der klinischen Sterilität manch anderer Hochglanzproduktion. Diese CD ist kein Pflichtkauf fürs staubige Regal, sondern ein pulsierendes Plädoyer für einen Händel, der auch heute noch unmittelbar aufwühlt und Freude macht.
Dirk Schauß, 17. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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