Keine Angst vor Neuer Musik: Kapstadt serviert echte Klarinetten-Farben

Clarinet Colours, Maria du Toit, Klarinette  klassik-begeistert.de, 19. Mai 2026

CD-Besprechung:

Für den Connaisseur der Holzbläserliteratur, der die ausgetretenen Pfade der Romantik verlassen möchte, bietet diese CD eine erfrischende Entdeckungsreise abseits des europäischen Mainstreams.

Clarinet Colours
Maria du Toit, Klarinette

Cape Town Philharmonic Orchestra
Arjan Tien, musikalische Leitung

Channel Classics, CCS47926

von Dirk Schauß

Südafrika lockt musikalisch meist mit mächtigen Chören oder den erdigen Rhythmen des Jazz. Dass am Kap der Guten Hoffnung auch eine vitale, hochkomplexe Avantgarde für den Konzertsaal gedeiht, zeigt das niederländische Label Channel Classics mit einer bemerkenswerten Veröffentlichung.
Unter dem Titel „Clarinet Colours“ präsentiert die südafrikanisch-niederländische Klarinettenvirtuosin Maria du Toit drei maßgeschneiderte Solokonzerte zeitgenössischer Tonsetzer ihrer Heimat. Flankiert vom Cape Town Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Arjan Tien entfaltet sich hier ein Panorama, das gängige Hörgewohnheiten europäischer Prägung elegant aufmischt. Die Werke, allesamt Novitäten auf dem Tonträgermarkt, fordern das Instrument in all seinen Facetten und emanzipieren sich gekonnt von den altbekannten Genregrenzen.

Den Auftakt macht Conrad Asman, Jahrgang 1996, der mit seinem „Colour Concerto“ das Konzept der sogenannten Mechanomorphie untersucht. Asman nutzt die Struktur von Maschinen als ästhetische Metapher, um rein menschliche, organische Affekte zu generieren. Hier begegnen sich die Farb- und Klangtheorien von Isaac Newton und Johann Wolfgang von Goethe auf augenzwinkernde Weise. Das einsätzige Werk hebt im feinsten Pianissimo an: Virtuelle Windböen streichen durch den Raum, ehe sich die Streichernoten aus dem Nichts heranschleichen.

Die Klarinette agiert in diesem Geflecht als chamäleonartiger Akteur. Sie wirft sich in furiose, überbordende Holzbläserfigurationen und bricht die traditionelle Hierarchie zwischen Solist und Kollektiv rigoros auf. Das Orchester murmelt nicht bloß im Hintergrund, sondern zwingt die Solistin in dichte, akkordische Mehrklänge und deutliche Rhythmen, bei denen das Instrument seine ureigene lyrische Natur phasenweise zugunsten einer metallischen Härte aufgibt. Ein Bravourstück intellektueller Spielfreude, das die traditionellen Rollen von Führung und Begleitung genüsslich torpediert.

Einen ästhetischen Gegenpol bildet das Schaffen von Roelof Temmingh, der bis zu seinem Ableben im Jahr 2012 als einflussreicher Ordinarius in Stellenbosch lehrte. Als gebürtiger Niederländer mied Temmingh die explizit politische Programmatik vieler südafrikanischer Zeitgenossen und suchte den rein persönlichen Ausdruck.

Sein spätes Klarinettenkonzert aus den Jahren 2009 bis 2011 lebt von der permanenten Spannung zwischen existenziellem Ernst und britisch anmutendem Humor. Der erste Satz, ein düsteres „Lamentoso“, konfrontiert den Hörer mit einer schwermütigen Klanglandschaft. Die Klarinette flüstert geheimnisvoll über einer dunklen Orchesterfarbe. Die Ökonomie der Mittel besticht hier: Temmingh verzichtet auf barocken Pomp und setzt auf nackte, emotionale Direktheit. Wie radikal sich dieser Tonfall wandeln kann, beweist das anschließende „Scherzando“. Hier mutiert die Klarinette zur kapriziösen Diva, tänzelt keck durch die Register und fängt sich vom Orchester bewusst ruppige Antworten ein. Dieses verschrobene Rondo fordert ein Höchstmaß an virtuoser Artikulation und zeigt Temmingh als Meister der feinen musikalischen Ironie.

Der Brite im Geiste, David Earl, komplettiert das Trio mit einem formal klassisch dreisätzigen Werk aus dem Jahr 2012. Earl bettet sein Soloinstrument in einen Orchesterapparat ein, der durch Harfe, Celesta und reichhaltiges Schlagwerk eine beinahe impressionistische Leichtigkeit verströmt. Nach einem feinen, dialogischen Kopfsatz und einem brütenden „Adagio“ von nächtlicher Grundstimmung, zieht im Finale der pure Schalk ein. Earl variiert das spätmittelalterliche Chanson „L’homme armé“ – jene berühmte Weise vom gewappneten Mann, deren Ursprung man wahlweise in einer populären Schenke oder in der kriegerischen Realität der Epoche vermutet. Die metrischen Verschiebungen dieses historischen Materials nutzt der Komponist für ein amüsantes Fangspiel zwischen Solistin und Orchester. Hier funkelt das Glockenspiel, da zaubern die Holzbläser, während die Klarinette mit unbändiger Energie durch die Taktarten stürmt.

Dass diese drei stilistisch so heterogenen Konzerte wie aus einem Guss wirken, verdankt die Produktion der stupenden Meisterschaft von Maria du Toit. Die Künstlerin, die ihre Ausbildung in Kapstadt begann und an renommierten Instituten in Manhattan, Utrecht und Sofia verfeinerte, gilt zu Recht als führende Stimme ihres Instruments auf dem afrikanischen Kontinent.

Dreizehn Jahre lang drückte sie dem Cape Town Philharmonic Orchestra als Soloklarinettistin ihren Stempel auf, heute wirkt sie beim Mzansi National Philharmonic Orchestra. Ihr Spiel zeichnet sich durch eine stupende Wärme im Ton aus, die selbst in den extremsten Registern und bei halsbrecherischen Sprüngen niemals scharf oder brüchig wird. Ihre Artikulation bleibt stets lupenrein, die Intonationssicherheit makellos. Sie erweist sich als ideale Sachwalterin dieser anspruchsvollen Partituren, die ihr allesamt persönlich zugeeignet sind.

Am Dirigentenpult garantiert Arjan Tien die nötige Transparenz. Er führt das Kapstädter Orchester mit sicherer Hand durch die metrischen Klippen der Partituren und erweist sich als hochengagierter, hellwacher Begleiter, der der Solistin den nötigen interpretatorischen Atemraum überlässt.

Das Orchester selbst gefällt durch einen homogenen, farbreichen Klangkörper. Die Tontechnik des Labels fängt das Geschehen mit einer wunderbaren Plastizität ein, die jedes orchestrale Detail hörbar macht.

Für den Connaisseur der Holzbläserliteratur, der die ausgetretenen Pfade der Romantik verlassen möchte, bietet diese CD eine erfrischende Entdeckungsreise abseits des europäischen Mainstreams.

Dirk Schauß, 17. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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