(Verdi Requiem mit Eleonora Buratto, Elina Garanca, Benjamin Bernheim, Riccardo Zanellato; Foto Patrik Klein)
Ein Doppelkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der ausverkauften Elbphilharmonie Hamburg wurde unter dem Dirigat von Daniele Gatti zum Stresstest der Langeweile – mein Fazit: ich werde künftig einen Bogen um seine Dirigate machen – sorry.
Sächsische Staatskapelle Dresden
Dirigent: Daniele Gatti
Elbphilharmonie, 2./3. Juni 2026
von Patrik Klein
Bereits letztes Jahr in Bayreuth bei den Meistersingern von Nürnberg kam nicht nur mir ein Schub erheblicher Zweifel angesichts des flauen Dirigats, das auf dem Grünen Hügel mit vielen Buhs im Publikum goutiert wurde. Damals tat ich das ab als, naja so schlimm war es nun doch nicht. Man hatte sich an den großen Stimmen, vor allem an der des neuen Stolzings Michael Spyres genüsslich hören können.
In Hamburg platzte mir dann nach dem Doppelkonzert doch der Kragen und ich verließ den Großen Saal so unglücklich wie lange nicht mehr.
Am zweiten Abend des besuchten Europatourneedoppelschlags des Orchesters wurden wir von der freundlichen Türsteherin gebeten, doch rechtzeitig in den Saal zum Konzertbeginn zu gehen, denn heute Abend gibt es auf Bitten des Orchesters keinen Nacheinlass mehr. Meine Gattin und ich zuckten und mir fiel spontan ein: „Es wäre doch mal nett, wenn das der Intendant für JEDEN Abend wünschen würde, oder?“ Wir blickten in ein Gesicht, das wirklich nichts verstand, aber auch gar nichts. Soweit zum Thema Organisation im Hause der Elphi.
Selbstverständlich waren wir rechtzeitig im Saal und es gab tatsächlich keinen Nacheinlass bei Verdis Meisterwerk Messa da Requiem.
In den sozialen Medien poste ich ja beinahe jedes Konzert, welches besucht wurde und an meinen kurzen kritischen Bemerkungen über Gattis Leistung spalteten sich auch hier die Meinungen und Feststellungen. Das ging von „das war in Frankfurt auch so!“ bis „was mir denn einfiele, so schlecht zu kritisieren, denn in Wien war das Weltklasse!“
Mir ist so etwas ja ziemlich wurscht, denn ich versuche immer mit offenen Ohren in kulturelle Veranstaltungen zu gehen und wertfrei meine Emotionen kundzutun. Auch war mir wurscht zu lesen, dass Gatti bei den Amsterdamern rausflog wegen irgendwelcher „Metoo“ Vorwürfe. Ferner hörte ich, dass zwei Produktionen in München vom Publikum abgelehnt wurden dank seines Dirigats.
So what, aber gewiss werde ich kein “Daniele Gatti-Fan” nach den zwei aufeinanderfolgenden Konzerten in meinem zweiten Wohnzimmer.
Mir fiel es bei Verdi schwer, wenige Wochen nach Gianandrea Nosedas Interpretation an selbiger Stelle mit dem Chor und Orchester der Oper Zürich und ebenso namhaften Solisten, an der gestrigen Aufführung etwas Nahrhaftes zu finden. Ich hatte die Züricher noch präsent in meinen Ohren, war damals begeistert und hatte Gänsehaut an Stellen, die mir vorher nie so wichtig waren. Man konnte es kaum glauben, wie anders die gut disponierten Musiker aus Dresden auf dem Podium im Chor, im Orchester und als internationaler Solist sich bemühten und ihr Bestes gaben.
Immerhin waren die vier Solisten, allen voran Elina Garanca stimmlich mehr als präsent. Integriert in den Chor aus Dresden und damit akustisch optimal im hinteren Podium positioniert, kamen sie mit den vorgegebenen Tempi zurecht und sorgten immerhin für einen stimmlichen Hochgenuss.
Aber der 90-minütige Abend glänzte mit gähnender Langeweile, seltsamen Phrasierungen, die jeden innerlichen Gänsehauteffekt im Keim erstickten, viel zu öden Tempi und mir völlig fehlenden Spannungsbögen.

Auch darf man die 2100 Leute im Saal nicht unterschätzen, denn dort sitzen neben Spontanbesuchern, Touristen und Konzertfreaks immerhin 4200 Ohren, die nicht immer alles als atemberaubend mit Standing Ovations quittieren. So gab es „nur“ höflichen Applaus, nicht mehr und nicht weniger und scharenweise den Saal sofort verlassende Personen unterstrichen den mauen Abend. Auf den Korridoren und in den Fahrstühlen schnappte man dann auch einige Bemerkungen anderer auf, die in Richtung meiner Denke wiesen.
Am Vortage flüsterte mir meine englischsprechende Nachbarin in der Pause zu: “What a boring Wagner interpretation!”
Auch hier konnte ich ihr nur recht geben. Das Vorspiel zu den Meistersingern klang flau, breiig, viel zu langsam an vielen Stellen, kaum Spannung erzeugend und bei Parsifals Karfreitagszauber nach der Pause wurde es nicht viel besser. Dazu kamen dann doch noch etliche Unsauberkeiten im Blech, dass man sich fragte, ob das hier eine Probe oder ein Konzert sein soll.
Zum Glück gab es ja noch zwei weitere Komponisten aus Frankreich mit großartiger Unterstützung durch den Weltklassecellisten Gautier Capucon. Fantastisch wie er Saint-Saens Cellokonzert Nr. 1 beherrschte und zusammen mit dem hier besser disponierten Orchester harmonierte. Der Gipfel des Genusses war dann die Zugabe mit allen Orchestercellisten, als man eine Bearbeitung von Delibes Blumenarie aus der Oper Lakme gab. Das war rührend und berührend.

Das Meeresrauschen Debussys in all seinen Facetten machte dann auch im zweiten Teil die üble Wagnerlaune wieder wett. Debussy vom Feinsten gelang dann dem Maestro und seiner Truppe doch, klangvoll, präzise und markerschütternd.
Von den anderen Tourstationen wusste man, dass noch eine Zugabe aus Tristan und Isolde folgen sollte. Mit guten impressionistischen Klängen wollte ich dann doch das Konzert verlassen.
Nee, Herr Gatti – ich werde künftig einen Bogen um Ihre Dirigate machen – sorry.
Patrik Klein, 4. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Sächsische Staatskapelle Dresden, 2. Juni 2026
Gautier Capuçon Violoncello
Dirigent: Daniele Gatti
Richard Wagner
Vorspiel zu »Die Meistersinger von Nürnberg« WWV 96
Camille Saint-Saëns
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33
Zugabe: Arrangement aus Delibes Lakme für Celli; Blumenarie
Richard Wagner
Vorspiel und Karfreitagszauber aus der Oper »Parsifal« WWV 111
Claude Debussy
La mer / Drei sinfonische Skizzen
Sächsische Staatskapelle Dresden, 3. Juni 2026
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Dirigent: Daniele Gatti
Eleonora Buratto,Sopran
Elīna Garanča,Mezzosopran
Benjamin Bernheim,Tenor
Riccardo Zanellato,Bass
Giuseppe Verdi
Messa da Requiem

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
Klein beleuchtet kurz 73: Wenn der Teodor in die Elphi kommt Elbphilharmonie, 12. Mai 2026
Klein beleuchtet kurz 72: Monteverdis L’Orfeo Elbphilharmonie, 28. April 2026