Fotos © Joe Laschet
Die Mailänder Scala hat unlängst einen Dresscode eingeführt. Nicht gar zu streng, aber immerhin. An der Hamburgischen Staatsoper dagegen heißt es schnöde come as you are („Komm, wie du bist“) – Sie könnten dort gerne mal vom Strand direkt in die Oper rübermachen, ohne Probleme zu bekommen… Wer hat Recht, die Intendanz in Mailand oder Hamburg? Ich habe mich dazu mit Joe Laschet unterhalten, Autor und Blogger rund um das Thema Bekleidungskultur und gutes Benehmen – also der perfekte Gesprächspartner. Und ehe Sie fragen: Ja, Armin Laschet (CDU) ist sein Vater.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Joe Laschet
Als Joe Laschet die Osterfestspiele Baden-Baden 2026 besucht hat – es gab Lohengrin von Richard Wagner – trug er ein weißes Dinnerjacket und seine Frau ein langes Abendkleid. Und die anderen Zuschauer, wie hielten die es mit der Bekleidungskultur, habe ich gefragt. Ebenfalls gut gekleidet? Ja, war die Antwort. Aber: „Jeans und T-Shirt zuweilen auch dort.“
Zu einer Opernpremiere würde Joe Laschet einen Smoking tragen, bei einer schnöden Wiederaufnahme zum Beispiel einer Mozart-Oper darf es auch mal Anzug mit Krawatte sein. Aber wenn ihm danach ist, dann doch Smoking… Immer aber gute rahmengenähte Leder-Schuhe: „Keine Sneaker bitte!“

Sozusagen als Gegenprobe habe ich wissen wollen, was man auf einem Rockkonzert trägt. Da sind Jeans und T-Shirt angesagt? Mich hat die Antwort des Influencers (über 100.000 Follower auf Instagram) überrascht: „Nicht unbedingt, vor vielleicht einem Jahr war ich im Anzug auf einem Konzert von Rammstein. Das gab viele Komplimente. Aber man sollte den Anzug dem Event anpassen, vielleicht ein schwarzes Hemd unter grauem Anzug. Das ganze ohne Krawatte…“ [Anm. Jörn Schmidt: Rammstein ist eine deutsche Band, die Musik ist recht brachial…]
Wenn ich in die Oper gehe, beginnt mein Opernabend nicht erst um 19:30 Uhr: Ich beschäftige mich mit dem Werk, lese das Programmheft usf. Vorher ein Abendessen, dazu guter Wein. Auch bei der Wahl der Garderobe spielt die Oper eine Rolle. Denn ich möchte dem Abend den Status des Besonderen verleihen. Joe Laschet sieht das ähnlich und hat ergänzt: „Wer gut angezogen ist, fühlt sich gleich besser. Es macht regelrecht Spaß, einen Smoking zu tragen – probieren Sie es aus.“

Die eigene Befindlichkeit ist aber längst nicht der einzige Aspekt, betont Joe Laschet: „Bekleidungskultur sollte immer auch Ausdruck einer inneren Haltung sein, in der Anstand und Ehrerbietung eine wichtige Rolle spielen. In der Oper zum Beispiel Respekt vor Werk, Aufführenden und Konzertbesuchern. Das können Sie in der Oper nur durch Applaus ausdrücken – oder aber, wie Sie sich kleiden“
Manchem muss offensichtlich auf die Sprünge geholfen werden. In einer Mitteilung auf der Webseite der Mailänder Scala heißt es: „Das Publikum wird höflich gebeten, sich aus Respekt vor dem Theater und den anderen Zuschauern dem Rahmen des Hauses entsprechend zu kleiden.“ Wer Shorts oder ärmellose T-Shirts trägt, dem wird der Zutritt zum Zuschauerraum verwehrt, und zwar ohne Rückerstattung der Eintrittskarten.

Joe Laschet positioniert sich als Befürworter von Opern-Dresscodes à la Scala und sieht darin auch keine Bevormundung: „Für den einen oder anderen Mann kann das eine große Hilfe sein. Du hast dann nicht mehr das Problem, overdressed zu sein – oder aber eben underdressed… obwohl: Den Begriff overdressed gibt es ja eigentlich gar nicht…“

Damit war geklärt, dass Joe Laschet kein Freund des come-as-you-are-Dresscodes („Komm, wie du bist“) ist, wie ihn Tobias Kratzer, der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, ausgerufen hat. Ich habe nachgefasst, was denn noch dagegen spräche, direkt von der Eisdiele in die Oper zu wechseln. Genau das, meint Joe Laschet: „Weil Sie dann Ihren Alltag in die Oper tragen.“
Kleidung ist nur ein Aspekt des Oper-und-Konzert-Knigge. Hier bei klassik-begeistert wird oftmals von störendem Verhalten mancher Zuschauer berichtet: Während der Aufführung reden, sein Mobiltelefon benutzen, an der falschen Stelle klatschen. Oder aber zu viel oder zu wenig Eau de Toilette… Die Liste ließe sich fortsetzen, you name it.
Es ist ja für Influencer geradezu Pflicht, am laufenden Band Content für Instagram zu produzieren. Was hält Joe Laschet davon, während der Vorstellung das Mobiltelefon für Video oder Selfie zu nutzen – die Follower würden das sicher gerne sehen? Sie ahnen die Antwort: „Niemals würde ich das tun! Auch, weil mich das vom Kunstgenuss, von all diesen großartigen Werken ablenken würde.“
Kein Interview ohne Human Interest. Welche ist Ihre Lieblingsoper, welche Ihre liebste Sinfonie? Nun, so einfach ist das nicht. Joe Laschet bezeichnet sich als Emotionshörer, da hat man keine Lieblinge. Aber: „Tschaikowski und Brahms, die höre ich oft… Für die Oper gewonnen hat mich Richard Wagner.“

Für unsere Hamburger Leser habe ich dann noch gefragt, warum Hamburg die stilvollste deutsche Stadt ist: „Ob Hamburg die stilvollste Stadt Deutschland ist, das hängt vom persönlichen Stilempfinden ab. Jede Stadt hat ihren eigenen Stil… Ich kann aber bestätigen, dass man in Hamburg von sehr viel Stil und Ästhetik umgeben ist. Und tatsächlich kann Hamburg das besser als viele andere Städte.“
Wenn Sie mehr zum Thema Bekleidungskultur und Haltung wissen möchten, greifen Sie bitte zu Joe Laschets höchst lesenswertem Buch „Gentleman Bold: Ein Traum von Mode, Stil und Höflichkeit.“
Jörn Schmidt, 6. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Sommereggers Klassikwelt 291: Das Opernpublikum klassik-begeistert.de, 13. August 2025
Auf den Punkt 94: Der große PR-Text-Realitäts-Check Elbphilharmonie, Großer Saal, 4. Juni 2026
In der letzten Ballettwerkstatt erschien ein Besucher in Shorts und Badelatschen.
Aber Tobias Kratzer sollte sich lieber mal ernsthaft damit beschäftigen, dass sein Haus schon seit längerer Zeit nicht einmal zur Hälfte besetzt ist.
Auch die Pressestelle müsste sich doch darum kümmern. Aber die sitzen offenbar auf so hohem Ross, dass sie es nicht einmal nötig haben einem zu antworten. Die Programmhefte sind seit der neuen Intendanz dürftig gegenüber den früheren, u.a. keine Angabe aller vergangenen Aufführungen mit Besetzung, was ich immer sehr interessant fand. Das dicke Saisonvorschauheft und die Monatsprogramme sind sehr unübersichtlich und das stets besonders informative Journal gibt’s gar nicht mehr.
Hartmut Funke
Lieber Herr Funke,
100 Prozent Zustimmung zu Ihrem Kommentar!!
Sie können sicher sein, dass Herr Kratzer so weitermachen wird wie bisher. Das Publikum interessiert diesen Kerl doch gar nicht. Er ist der geeignete Mann, um die Hamburgische Staatsoper gegen die Wand zu fahren. Und vielleicht wurde er dafür sogar aus höherer Ebene in Stellung gebracht.
Schon Elisabeth Schwarzkopf sagte uns vor über 20 Jahren voraus, dass die falschen Leute in den Intendanzen sitzen und sie uns auf eine Tragödie vorbereiten müsse. Damals waren die Tendenzen schon entsprechend, aber es blieb vielleicht noch ein Funken Hoffnung, dass es nicht ganz so schnell noch tiefer bergab gehen würde. Aber man sieht: Die Talfahrt nimmt kein Ende.
Vielleicht wird den Hamburgern allmählich ja mal bewusst, was für einen Schaumschläger sie sich da eingefangen haben. Aber dann ist es vermutlich schon zu spät, nochmal etwas Gutes aufzubauen.
Kirsten Liese
Wenn ich für einen besonderen Anlass normale Kleidung trage, kann es nicht besonders werden.
Keep calm and dress up
Michael Rieckhof
Manche Leute gehen in die Oper wie andere zum Wirten. Also mehrmals wöchentlich. Der „besondere Anlass“ ist somit noch immer besonders, aber Routine. Zu erwarten, dass man sich jedes Mal in Schale wirft, ist nicht zeitgemäß.
Fußballtrikots, Shorts und Flip Flops sind fehl am Platz. Jeans, Sneakers und weißes T-Shirt vollkommen okay. Der Besucher soll sich wohlfühlen. Wenn er sich in eine Verkleidung zwängt à la Anzug, ist ihm damit nicht geholfen.
Dress up ist somit relativ und subjektiv.
Liebe Grüße
Jürgen Pathy
Lieber Herr Pathy, kommt auf das Alter und die Figur an. Mit 60 und Schmerbauch ist ein T-Shirt eine Zumutung für die daneben Sitzenden. Es ist meiner Auffassung nach auch nicht so, dass die Jüngeren fehlgekleidet sind, das betrifft vorwiegend die ältere Generation beiderlei Geschlechts, denen die Wirkung auf ihre Mitmenschen völlig egal geworden ist.
Liebe Frau Liese, soweit würde ich nicht gehen, Kratzer hat bisher sehr gute Inszenierungen auf die Bühne gebracht und das feste Ensemble wird immer besser, wie heute Abend Annika Schlicht als Brangäne zeigte, und unter Omer Meir Wellber zeigt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg Höchstleistungen, wie wir sie seit Jahren nicht mehr erleben durften.
Lieber Herr Funke, ich stimme Ihnen hinsichtlich der Programme und des unsäglichen Jahresheftes und auch des Internetauftritts der Hamburgischen Staatsoper völlig zu.
Ganz abgesehen davon liegt die schlechte Auslastung der Oper meiner Meinung nach aber nicht an dem Dargebotenen. Die ausgezeichnete Luisa Miller-Serie wurde trotz mehrfacher Aufführungen von weniger Leuten besucht als der Ballettabend des Hamburger Kammerballetts in zwei Aufführungen an einem einzigen Tage. Die Elbphilharmonie wirkt auf das Hamburger Kulturleben wie ein riesiger Staubsauger, dessen Sogwirkung auch die Hamburgische Staatsoper nicht außen vor lässt.
Um ehrlich zu sein, wenn es in München eine solche Elbphilharmonie mit so einem phantastischen Blick aus den Foyers auf Stadt, Elbe und Hafen, mit einer solchen beeindruckenden Architektur und einer solchen ungewöhnlich klaren Akustik gäbe, würde ich als gelegentlicher Stadtbesucher einen Philharmoniebesuch auch einer Opernaufführung vorziehen. Für beides fehlt dann das Geld. Das gilt übrigens nicht für das Ballett. Dabei handelt es sich genauso wie bei den Sprechbühnen um ein anderes, im Falle des Balletts sogar um ein treues, auch jüngeres Fanpublikum. Und Fans ziehen offenbar nur noch Jonas Kaufmann oder Anna Netrebko ins Opernhaus.
In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war für Männer in der Wiener Staatsoper das Tragen von Krawatten oder Mascherln (Fliegen) noch Pflicht. Dann kam Otto Schenk im Rollkragenpullover und es war aus mit dieser Vorschrift.
Übrigens kann man Rucksacktouristen schwerlich einen Opernbesuch verwehren. Nur sollen sie sich in ihrer legeren Kleidung nicht zu provokant in den Pausen benehmen.
Lothar Schweitzer