Alexander Ivanov © st.-severin.de
Wenn als Insulaner unterwegs auf dem Festland, werde ich häufig auf Sylt angesprochen. Öfter als man denkt ist St. Severin Thema, die Kirche der Keitumer. Ich bin dann immer ein wenig verblüfft, denn es geht in den Gesprächen nicht um Religion oder die Geschichte der wunderschönen Kirche, sondern um die Kirche als Eventlocation. Klar, u.a. haben Christian Lindner (FDP) und Franca Lehfeldt dort geheiratet. Die Liste der Prominenten ließe sich fortsetzen. St. Severin ist indes viel mehr. Insbesondere gibt es dort Kirchenmusik vom Feinsten – mit dem Keitumer Kirchenmusiker, dem großartigen Organisten Alexander Ivanov, dem phantastischen Countertenor Dmitry Egorov und vielen fabelhaften Gästen.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Pastorin Susanne Zingel und Kirchenmusiker Alexander Ivanov (Teil I)
klassik-begeistert: Als Verkündigung im engeren Sinn wird die Predigt in einem Gottesdienst bezeichnet, vor allem im evangelischen Sprachgebrauch. Steht bei Wikipedia. Kein Wort zur Kirchenmusik. Da fehlt doch was?
Susanne Zingel: In der Tat fehlt da etwas. Aber auch das Internet ist lernfähig und kann die Erkenntnis speichern, dass ein lutherischer Gottesdienst ohne Musik nicht vollständig ist. Der Gemeindegesang ist immer Bekenntnis und Gebet. Eine singende Gemeinde geht miteinander und mit Gott in Resonanz. Im gemeinsame Singen feiern wir Gott, der uns hört und eine Gemeinschaft befördert, in der sich jeder einbringen kann.
klassik-begeistert: Welchen Stellenwert hat Kirchenmusik in Ihren Gottesdiensten, sind Predigt und Musik aufeinander abgestimmt?
Susanne Zingel: Herr Ivanov und ich bereiten jeden Gottesdienst miteinander vor und sind gut aufeinander eingespielt. Da die Themen im Kirchenjahr immer wiederholt werden, ist es ein großer Schatz, dass wir seit mehr als 20 Jahren zusammen Gottesdienste gestalten. Es gibt einen großen Fundus, aus dem wir schöpfen können, aber jeder Gottesdienst wird neu entworfen. Ich liebe die Herausforderung, dass die Gemeinde sich mit Gästen von nah und fern jeden Sonntag ganz neu zusammenfindet. Man kann nicht einfach voraussetzen, dass alle den Ablauf, die Liturgie des Gottesdienstes beherrschen. Darum halten wir es schlicht und klar, aber immer vielstimmig.

klassik-begeistert: Kann man sagen, dass Johann Sebastian Bach ein weltlicher Musiker war, der erst aus monetären Gründen Kirchenmusiker wurde? Als es in Köthen nicht mehr so gut lief…
Alexander Ivanov: Dass Bach aus monetären Gründen Kirchenmusiker geworden wäre – so möchte ich nicht verstanden werden. Es ging Bach um beides: gute Musik zu machen und Geld zu verdienen. Die Musik war eine Gabe an den Höchsten sowie zur Erbauung und zum Trost der Menschen.
klassik-begeistert: Warum hat Bach keine Oper hinterlassen? Am fehlenden Gespür für Vokalmusik kann es nicht gelegen haben. War ihm Oper zu weltlich?
Alexander Ivanov: Es fehlte Bach an Gelegenheit. Stellen Sie sich vor, es hätte in Köthen eine Oper gegeben?
klassik-begeistert: Bach hat weltliche Kantaten als Material für kirchliche Musik verwendet. Wie kam es zu der heutzutage unter Komponisten recht strikten Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Musik?
Alexander Ivanov: Die Texte lassen die Musik scheinbar leicht als weltlich oder geistlich einordnen. Aber sind die Goldberg-Variationen weltlich? Und die Kunst der Fuge? Brahms’ Symphonien… das sind echte Fragen. Ist Verdis oder Berlioz’ Requiem geistliche Musik, nur weil die Texte aus der alten Sequenz stammen? Beim Stabat Mater von Pergolesi oder Rossini sind Duktus von Musik und Text ganz unterschiedlich. Es ist ein großes Thema. Da verweise ich gern auf Theodor Adorno und seine Abhandlungen zur Musiksoziologie, seine Gedanken zur seriösen und leichten Musik finde ich bemerkenswert.

klassik-begeistert: Ihr Konzertzyklus „Mit Bach durch das Jahr“ orientiert sich am Kirchenjahr. Wäre es nicht spannend, dem Programm jeweils ein Werk des weltlichen Bach gegenüberzustellen?
Alexander Ivanov: Es geht mir um Bachs Orgelmusik, das sind rund 20 Stunden Musik – Aufgabe genug für ein Jahr. Und dann sind da ja noch Kammermusik und Chor…
klassik-begeistert: Eines Ihrer ersten Konzerte, das ich auf Sylt besucht habe, war Messiaen pur. Ich hatte gehofft, es zieht mehr zeitgenössische Musik in St. Severin ein. Hat Sie der Mut verlassen?

Alexander Ivanov: Ich finde, es ist wichtig, dem Publikum eine gute Mischung anzubieten – weil wir in St. Severin sehr verschiedene Menschen antreffen und ich zu allen sprechen möchte. Ich liebe es, Messiaen in St. Severin zu spielen. Übrigens halte ich Messiaen gar nicht mehr für so schräg und riskant, da braucht man keinen Mut – im Gegenteil, ich bekomme immer großes Lob, wenn ich ihn aufführe. Indes, für einen Abend ausschließlich mit Messiaen fehlt es in St. Severin indes vielleicht an Nachhall.
klassik-begeistert: Sylvain Cambreling hat mir mal in den Block diktiert: Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie habe mit Religion nichts zu tun. Ist das wirklich so?
Alexander Ivanov: Alles bei Messiaen hat etwas mit dem Subjektiven und Unbewussten zu tun, mit etwas schwer Fassbarem. Er ist ein Mystiker, auch wenn es um die Natur, die Vögel oder das Universum geht.
klassik-begeistert: Sie sind in Keitum mit vielen großen Künstlern aufgetreten. Mit welchen Konzerten verbinden Sie besondere Erinnerungen?
Alexander Ivanov: Ich hatte großes Glück, mit vielen sehr guten Musikern aufzutreten. Besondere Erinnerungen gelten Begegnungen mit ganz jungen Musikern, die später bekannte Solisten wurden. Das fand ich sehr aufregend. Desgleichen bleiben mir die gemeinsamen Auftritte mit meinem Vater in Erinnerung. Aber natürlich auch Abende mit Sabine Meyer (Klarinette), Almuth Rößler, John Scott, Olivier Latry, Matthias Höfs, Robin Pharo, Dmitry Egorov, Johanna Pichlmair und vielen anderen.
klassik-begeistert: Mögen Sie eine schöne Anekdote von einem der vielen Kirchenkonzerte teilen?
Susanne Zingel: Es ist immer eine Herausforderung, die Probenzeiten der Konzertorganisten in Einklang mit den Gemeindeveranstaltungen zu bekommen. Am einfachsten ist es, wenn sie einfach weiterspielen. So erinnere ich eine wunderschöne Trauung mit Frederic Blanc, dem Titularorganisten der Pfarrkirche Notre-Dame d’Auteuil in Paris und eine ergreifende Trauerfeier mit Sebastian Küchler Blessing, dem Domorganist am Essener Dom. Am schönsten ist es aber, wenn die Künstler selbst Feste feiern. Unvergesslich bleibt allen, die dabei waren, die Trauung von Shin-Young Lee und Olivier Latry in St. Severin.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 7. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Pastorin Susanne Zingel und Kirchenmusiker Alexander Ivanov lesen Sie Montag, 8. Juni 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.
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