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Grafenegg, Wolkenturm, 14. August 2026
Grafeneggs Intendant Rudolf Buchbinder feiert dieses Jahr mit seiner „Herzensangelegenheit“, das Grafenegg-Festival, sein zwanzigjähriges Jubiläum. Wer von Anfang an dabei war, kann nur sagen, dass dieses Experiment bestens gelungen ist. Hier gaben sich weltberühmte Ensembles und Musiker die Klinke in die Hand – das dichte Programm bot kaum Zeit, all die großartigen Momente zu verarbeiten.
Ludwig van Beethoven:
Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c-moll op. 80
Carl Orff:
„Carmina Burana“
Szenische Kantate für Soli, gemischten Chor, einstimmigem Knabenchor und Orchester (1937)
Solisten:
Rudolf Buchbinder, Klavier
Nikola Hillebrand, Sopran
Nicholas Phan, Tenor
Germán Olvera, Bariton
Wiener Singverein, Wiener Chormädchen ((Mädchenchor der Wiener Sängerknaben)
Philharmonia Orchestra London
Christian Mäcelaru, Dirigent
von Herbert Hiess
An einem der schönsten Plätze in Niederösterreich; zirka 45 Autominuten nordwestlich von Wien entfernt, liegt in einem eindrucksvollen und erfrischenden Ambiente das Schloss Grafenegg, das Tassilo Metternich-Sándor gehört und schon allein ein bilderbuchartiges Aussehen hat. Und in dem großen Schlosspark wurde vor 20 Jahren der berühmte „Wolkenturm“ gebaut; ein imposantes Open-Air-Gebäude, das seinesgleichen sucht. Mit einer zeitlos modernen Architektur und einer speziellen, weil nicht ungefährlichen Akustik (dazu noch später) , ist dieses Gebäude sozusagen die Trade-Mark des Festivals.
An diesem Jubiläums-Festival gab sich der Hausherr Rudolf Buchbinder die Ehre, setzte sich (erwartungsgemäß) selbst ans Klavier und musizierte gemeinsam mit dem Philharmonia Orchestra London unter Cristian Beethovens beeindruckende Chorfantasie in c-moll.

Das Werk beginnt mit einem markanten Soloteil in Moll und geht dann ins Hauptthema in Dur über, wo auch das Orchester einsetzt. Da wird dann das Hauptthema in Variationen gespielt (herausragend hier die Soloflöte) und geht dann in den Teil mit Chor, Klavier und Orchester über.
Zu Beginn des Chores singen weibliche und männliche Solostimmen; bei den weiblichen ließ es sich leider erahnen, was dann bei Orffs „Carmina Burana“ zu erwarten ist. Und diese Erwartungen wurden völlig erfüllt, was die Sopranstimmen betrifft und sogar noch übertroffen.
Auf alle Fälle wurde die „Chorfantasie“ ein Riesenerfolg; schon allein Buchbinder und das Philharmonia Orchestra machten Fest daraus.
Übrigens ist das Philharmonia Orchestra London nicht nur eines der weltweiten Spitzenorchester, sondern auch ein geschichtsträchtiges Ensemble. Es wurde 1945 von einem EMI-Mitarbeiter namens Walter Legge (übrigens der Ehemann der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf) als vorerst reines Studioorchester gegründet. Wirklichen Weltruf erlangte es durch die intensive Zusammenarbeit mit Herbert von Karajan, der viele unvergleichliche Produktionen mit dem Orchester schuf.
Und dieses Spitzenorchester zeigte nicht nur bei der Chorfantasie, sondern auch bei Carl Orffs „Carmina Burana“ sein Können. Unvergleichlich bei allen Instrumentengruppen – besonders beeindruckend aber bei den Holzbläsern.
Carl Orffs Werk ist mittlerweile ein Evergreen im Konzertleben; aber nicht nur in Konzerten hört man es; es wird auch gerne wegen seiner eindrucksvollen Rhythmen für Filmmusiken verwendet.
Hier brillierte das Orchester regelrecht; angefangen von den Streichern über die virtuosen Holzbläser bis hin zum monumentalen Schlagzeug und den Blechbläsern.
Maestro bot kaum mehr als eine ‚sehr brave‘ Lesart; in puncto Rhythmik und Artikulation wäre hier noch reichlich Luft nach oben gewesen
Erstmals in Grafenegg hörte man die „Wiener Chormädchen“ (die weibliche Abteilung der Wiener Sängerknaben), die sogar auswendig sangen – und das ganz exzellent.
Leider weniger exzellent war da der Wiener Singverein. Der Wiener Musikverein und das Konzerthaus haben eine Akustik, die vieles verzeiht und nivelliert. Aber wie oben erwähnt, die Akustik des Wolkenturms ist extrem gefährlich; etwas trocken und vor allem direkt. Jede Unsauberkeit ist hier deutlich zu hören. Und die gab es leider bei den Sopranen in der „Carmina“.
Im Teil „Floret Silva“ beispielsweise erklangen manche Pianopassagen an der Erträglichkeitsgrenze. So was kann schon passieren; das große und unverzeihliche Manko war jedoch die Textundeutlichkeit des gesamten Chores. Das ist hochgradig unprofessionell und hier wurden auch viele Akzente und das Spielerische ausgelassen.
Nicht so bei den Solisten. Das Ereignis des Abends war der Mexikaner Germán Olivera. Mit seinem einprägsamen Bariton bewältigte er nicht nur die mehr als anspruchsvolle Partie, die sogar über mehrere Oktaven geht; man hörte bei ihm die Spielfreude. Und er sang nicht nur, er interpretierte und ließ alle Facetten der Partie hören.

Exzellent auch der Sopran von Nicola Hillebrand und der Tenor Nicholas Phan, der in der extremen Partie sein Schicksal als „gebratener Schwan“ beklagte.
Alles in allem ein beeindruckendes Konzert.
Hätte Dirigent Măcelaru tiefgründiger interpretiert und der Chor auf dem Niveau des Orchesters gesungen, wäre es eine wahre Sternstunde gewesen.
Herbert Hiess, 16. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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