Sommereggers Klassikwelt 52: Uwe Heilmann zum 60. Geburtstag

Sommereggers Klassikwelt 52, Uwe Heilmann zum 60. Geburtstag,  klassik-begeistert.de

von Peter Sommeregger

Nach dem frühen, tragischen Tod des Tenors Fritz Wunderlich 1966 war die Musikwelt auf der Suche nach einem Sänger, der diesen Ausnahmekünstler hätte ersetzen können. Es dauerte viele Jahre, bis wieder ein lyrischer Tenor heranwuchs, der  an Schönheit des Timbres und technischer Brillanz  an Wunderlich heran reichte.

Der 1960 in Darmstadt geborene Uwe Heilmann, ausgebildet in der Laubacher Knabenkantorei, schwankte anfangs noch zwischen einer Karriere als Profi-Fußballer und einer musikalischen Laufbahn. Nach der Entscheidung für Letzteres hatte er bereits mit 21 Jahren erste, aushilfsweise Auftritte am Landestheater Detmold, immerhin in Rollen wie Tamino und Don Ottavio. Der Dirigent Wolfgang Gönnewein verpflichtete ihn 1985 an das Stuttgarter Opernhaus, wo er zuerst in kleineren Rollen auftrat, dann aber als Tamino seinen Durchbruch erlebte.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entwickelte sich seine Karriere rasant, Gastspiele führten ihn nach München, die Wiener Staatsoper und zu den Salzburger Festspielen. Gefragt war er vor allem mit seinen Mozart-Partien Tamino, Belmonte und Don Ottavio. Als Belmonte trat er 1990 auch an der Metropolitan Opera New York auf. Bei den Ludwigsburger Festspielen war er als Max in Webers „Freischütz“ zu erleben, davon existiert auch ein Video. Auch als Konzert- und Liedersänger machte er sich schnell einen Namen. Ich erinnere mich noch gut an einen „Messias“ in der Mozart-Bearbeitung in München, Ende der 1980er-Jahre.

Zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits für zahlreiche Plattenaufnahmen eingesetzt. Seine Mozart-Partien nahm er mit Georg Solti (Tamino), Christopher Hogwood (Belmonte, Titus) und den Ottavio mit Barenboim und Abbado auf. Seine hinreißende Interpretation von Schuberts „Schöner Müllerin“ spielte er mit James Levine am Flügel ein. Seine vielleicht beste Aufnahme sind die „Great Sacred Arias“, unter niemand Geringerem als Peter Schreier mit dem Gewandhausorchester Leipzig aufgenommen. Hier kann Heilmann alle Register seiner technisch hervorragend gebildeten Stimme ziehen und verbreitet eine Stunde lang betörenden Wohlklang. Es verwundert nicht, dass diese CD antiquarisch zu hohen Preisen gehandelt wird.

Mitte der Neunzigerjahre brach eine unerwartete Katastrophe über den Sänger herein: nicht operable Missbildungen an den Stimmbändern zwangen Heilmann, seine Karriere aufzugeben. Es ist kaum zu ermessen, wie schwer das einen Künstler treffen muss, der den Gesang zu seinem Lebensinhalt gemacht hat, und der auf dem Höhepunkt einer internationalen Karriere steht.

Uwe Heilmann hat diese Sinnkrise nicht nur bewältigt, er hat für sich einen neuen Weg gefunden, weiter mit Musik leben zu können, indem er in der Heimat seiner Ehefrau, der japanischen Sopranistin Tomoko Nakamura, die er im Stuttgarter Ensemble kennenlernte, als Chorleiter und Gesangspädagoge tätig ist. An der Internationalen University of Kagoshima hat er eine erfolgreiche Lehrtätigkeit entwickelt, die ihm nach eigener Aussage tiefe Befriedigung verschafft. Seine Schüler sängen nun gleichsam an seiner Stelle, sie dahin geführt zu haben, tröstet über den Verlust der eigenen Stimme.

Heilmanns zahlreiche Einspielungen sind teilweise noch heute in den Katalogen zu finden, jedem Freund klassischen Gesangs seien sie ans Herz gelegt. In den bald 25 Jahren, seit denen Heilmanns Stimme verstummt ist habe ich keinen Mozart-Tenor erlebt, der an ihn heranreichen würde. Am 7. September konnte er seinen 60. Geburtstag feiern. Dazu sei ihm mit aller Herzlichkeit gratuliert!

Peter Sommeregger, 8. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

2 Gedanken zu „Sommereggers Klassikwelt 52, Uwe Heilmann zum 60. Geburtstag,
klassik-begeistert.de“

  1. Lieber Peter,
    es freut mich, dass wenigstens sich irgendwer medial an Uwe Heilmann erinnert. Ich habe ihn oft bei Aufnahmesitzungen in Wien erlebt und mich mit ihm sehr nett unterhalten. Schade, was mit seiner Stimme passiert ist.

    Auch ich habe immer wieder gesagt, dass er ein legitimer Wunderlich-Nachfolger ist.
    Schade um ihn als Sänger!
    Aber die Tondokumente erinnern immer an seine tatsächliche Größe.

    Herbert Hiess

  2. Mich freut das auch! Lustige Koinzidenz: Kürzlich schrieb mir ein ehemaliger Schüler von Uwe Heilmann, André Fritzemeier, der mir interessante Dokumente über ihn zuspielte und mich wissen ließ, dass Heilmann wiederum Meister-Schüler von Elisabet Schwarzkopf war. Wusste ich gar nicht.

    Kirsten Liese

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