Sommereggers Klassikwelt 19: Mein schönes, altes Trichtergrammophon

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Vor einigen Jahren wurde ich auf einem Berliner Flohmarkt fündig und erstand ein Grammophon mit großem Metalltrichter. Die dazugehörigen Platten fanden dann wie von selbst zu mir, ich möchte sie nicht mehr missen, wenn sie natürlich auch einen erheblichen Platzbedarf einfordern. Jeder Musikfreund sollte sich zumindest einmal diesen besonderen Klang gönnen, gleichzeitig muss man davor warnen: es besteht hohes Suchtpotential!

von Peter Sommeregger

Die kommerzielle Tonaufzeichnung und deren Wiedergabe fand zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch ganz ohne Zuhilfenahme der Elektrizität statt. Bei Gesangsaufnahmen wurden die Sänger so nahe wie möglich vor einem Trichter postiert. Die nach einem komplizierten Verfahren hergestellte Schellack-Platte konnte man dann auf einem Gerät abspielen, bei dem der Klang aus einem ähnlichen Trichter strömte, wie er zuvor für die Aufnahme benutzt wurde. „Sommereggers Klassikwelt 19
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Sommereggers Klassikwelt 18: Malwina, Wagners erste Isolde, und ihr leeres Grab in Dresden

Der Grabstein des in Wahrheit leeren, für Malwina vorgesehenen Grabes trägt die Inschrift:

Tod, du trenntest uns dereinst,
Nun uns immerdar vereinst,
Von dem Lebenswerk hienieden
Heimgekehrt zum ewgen Frieden.

von Peter Sommeregger (Text und Foto)

Als Wagners vielleicht bedeutendste Oper „Tristan und Isolde“ 1865 endlich in München uraufgeführt werden konnte, verkörperte ein Ehepaar die beiden Hauptrollen. Lange hatte Wagner nach Sängern Ausschau gehalten, die diesen extrem schwierigen Rollen gewachsen waren. In dem erst 29-jährigen Ludwig Schnorr von Carolsfeld und seiner Ehefrau Malwina, geborene Garrigues, die reichlich zehn Jahre älter war als er, fand er sie schließlich.

Es existieren zahlreiche Berichte über die Uraufführung am 10. Juni 1865 im Münchner Nationaltheater, der noch drei weitere Aufführungen folgten. Die vierte und letzte, von König Ludwig zusätzlich anbefohlen, soll Zeitzeugen zufolge die beste gewesen sein. Als Ludwig Schnorr von Carolsfeld am 21. Juli des gleichen Jahres völlig unerwartet nach kurzer Krankheit in Dresden starb, führten dies nicht wenige Menschen auf die „mörderische“ Anstrengung durch die Tristanpartie zurück. Ein Mythos, der sich bis heute gehalten hat.

Richard Wagner war über den Tod des Freundes tief bestürzt, eilte sofort nach Dresden, kam zur Beisetzung Ludwigs aber um Stunden zu spät. Der Vater des Sängers, Julius Schnorr von Carolsfeld war ein bedeutender und in seiner Zeit sehr populärer Maler der Schule der Nazarener. Bis heute trifft man häufig auf seine Bibel-Illustrationen. Nach Ludwigs Tod gestaltete er dessen Grabstein auf dem Dresdener Annen-Friedhof, und plante eine Grabanlage auch für sich, seine Frau, und Malwina.

Letztere hatte den Tod Ludwigs nie wirklich verwunden. Die gebürtige Dänin portugiesischer Abstammung, 1825 in Kopenhagen geboren, war eine Schülerin Manuel Garcias, des berühmtesten Gesangspädagogen seiner Zeit. Nach einer beachtlichen Karriere nahm sie schließlich ein Engagement am Karlsruher Hoftheater an, wo sie auch ihren späteren Mann kennenlernte. Die Ehe galt als glücklich, die verwitwete Malwina hat auch nicht wieder geheiratet. Ihre Bühnenauftritte wurden immer seltener und sie wandte sich mehr und mehr der Lehrtätigkeit zu.

Als ihr Schwiegervater Julius 1872 starb, wurde er in der selbst entworfenen Grabanlage in Dresden beigesetzt, und zwar neben seinem Sohn. Die Grabstellen für die beiden Ehefrauen waren auf der gegenüberliegenden Seite vorgesehen. Malwina war darüber entsetzt, sie war davon ausgegangen, nach ihrem Tod neben ihrem Gatten begraben zu werden.

Malwina zog sich nach dem endgültigen Ende ihrer Karriere in den 1870er-Jahren nach Karlsruhe zurück, wo sie sich einen guten Ruf als Pädagogin erwarb. Als sie hoch betagt im Jahr 1904 starb, erinnerten sich Nachfahren ihres verstorbenen Ehemannes an ihren Kummer, das Dresdener Familiengrab betreffend. Sie veranlassten die Einäscherung Malwinas in Heidelberg, da Karlsruhe damals noch nicht über ein Krematorium verfügte. Die Urne wurde nach Dresden überführt, und dort im Grab Ludwigs beigesetzt, in dessen unmittelbarer Nähe sich auch das Grab Minna Wagners, des Komponisten erster Ehefrau befindet. Der Grabstein des in Wahrheit leeren, für Malwina vorgesehenen Grabes trägt die Inschrift:

Tod, du trenntest uns dereinst,
Nun uns immerdar vereinst,
Von dem Lebenswerk hienieden
Heimgekehrt zum ewgen Frieden.

Peter Sommeregger, 15. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.de

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

Sommereggers Klassikwelt 17: Der rosafarbene Blick auf die Oper

Es verwundert nicht, dass der engagierte Berliner Querverlag nun einen explizit schwulen Opernführer herausbringt. Die äußere Aufmachung im magentafarbenem Samt und dem Titel Casta Diva scheinen auf den ersten Blick sämtliche schwule Klischees zu bedienen. Aber schon die Namen der beiden Herausgeber, Rainer Falk und Sven Limbeck, beides anerkannte Wissenschaftler, rücken dieses Bild sofort gerade. Die große Affinität innerhalb der LGBT zur Oper ist allgemein bekannt, ihr Anteil an den Zuschauern jeder Aufführung unübersehbar groß. Aber braucht man wirklich einen schwulen Opernführer?

von Peter Sommeregger

Wir leben in einer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft immer stärker individualisiert, auch Randgruppen der Gesellschaft vehement ihre Anerkennung einfordern und mit einem neuen Selbstbewusstsein ihre Besonderheit leben. Diese Entwicklung, die grundsätzlich zu begrüßen ist, hat natürlich längst auch kommerzielle Begehrlichkeiten geweckt. Kaum ist die Bedeutung des Wortes „vegan“ im allgemeinen Bewusstsein angekommen, gibt es bereits entsprechende Supermärkte, Kochbücher und Restaurants. „Sommereggers Klassikwelt 17
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Sommereggers Klassikwelt 16: Philharmonischer Jahresauftakt – zur Geschichte des Wiener Neujahrskonzertes

Seit Jahren kann man im Internet bereits am Tag des Konzerts das Cover der wenig später erscheinenden CD bewundern – und die Silberscheibe bestellen. Eine Lizenz zum Gelddrucken. Gespannt wartet man in Wien auf die Verkündung des Dirigenten für das Konzert 2021. Nach dem Neujahrskonzert ist vor dem Neujahrskonzert!

von Peter Sommeregger

Als der lettische Stardirigent Andris Nelsons an diesem Neujahrsmorgen 2020 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins den Stab zum Auftakt des traditionellen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker hebt, reiht er sich in eine Kette berühmter Vorgänger ein. „Sommereggers Klassikwelt 16
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Sommereggers Klassikwelt 15 / 2019: Ein Autounfall im Grunewald: Das Ende der großen Sängerin Johanna Gadski

Bildquelle: Wikimedia

Bestechend ist die Stilsicherheit, die aus ihren Aufnahmen spricht, man kann Gadski mit gutem Gewissen als eine der wenigen „kompletten“ Interpretinnen bezeichnen, damals wie heute eine seltene Tugend.

von Peter Sommeregger

Das elegante, mit vier Personen besetzte Automobil bog von der Rathenauallee just in dem Augenblick in die Königsallee ein, als sich ein Wagen der Straßenbahnlinie 176 in voller Fahrt näherte. Die Lenkerin des Autos reagierte zu spät, und der schwere Wagen krachte mit Wucht in die Straßenbahn. Die schnell herbei geeilten Helfer bargen drei schwer verletzte Frauen und einen Mann, die sämtlich in das Martin-Luther-Krankenhaus gebracht wurden. „Sommereggers Klassikwelt 15 / 2019
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Sommereggers Klassikwelt 14 / 2019: Lionel Maplesons Zylinder – die akustischen Schätze vom Schnürboden

Die Unmittelbarkeit des zu Hörenden fasziniert. Es öffnet sich ein Zeitfenster in eine versunkene Welt. Das New York des beginnenden 20. Jahrhunderts und sein verwöhntes Opernpublikum ist durch den mitgeschnittenen Applaus dokumentiert und wird für Augenblicke wieder lebendig.

von Peter Sommeregger

Die Sopranistin krönt das Finale von Gounods Faust mit einem strahlenden, lange gehaltenen hohen c, frenetischer Applaus rauscht auf. Was daran ungewöhnlich ist? Diese Aufführung fand am 15. Februar 1902 an der Metropolitan Opera New York statt. Zu dieser Zeit war es zwar bereits möglich, Tonaufnahmen auch von Gesangsnummern herzustellen, dies war aber nur im Studio mit Klavierbegleitung möglich. „Sommereggers Klassikwelt 14 / 2019,
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Sommereggers Klassikwelt 13/2019: Palästina sehen und sterben

Im Frühling 1929 tritt Adolf Weißmann eine Vortragsreise nach Palästina an. In Haifa angekommen, zeigt er sich begeistert von der Schönheit des Landes – und erliegt noch am gleichen Tag einem Herzinfarkt. Man bestattet ihn auf dem alten Friedhof in Haifa, was bestimmt in seinem Sinne gewesen wäre.

von Peter Sommeregger

In Musikbibliotheken, aber auch bei historischen Recherchen im Bereich klassischer Musik stößt man immer wieder auf den Namen des Journalisten und Buchautors Adolf Weißmann (1873-1929).

Der gebürtige Oberschlesier mit jüdischen Wurzeln studierte Musik und Philosophie in Breslau, Innsbruck, Florenz und Bern. Im Jahr 1900 lässt er sich in Berlin nieder und beginnt seine journalistische Tätigkeit als Musikkritiker beim Berliner Tageblatt. In den Folgejahren schreibt er für verschiedene Berliner Zeitungen, von 1916 bis zu seinem Tod für die Berliner Zeitung am Mittag. „Sommereggers Klassikwelt 13/2019
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Sommereggers Klassikwelt 12 / 2019: (K)ein Liebestod in Charlottenburg  

Die Umstände ihres Todes taugen aber wenig zu romantischer Verklärung, vielmehr waren ihm zermürbende Streitigkeiten um Geld, Alkohol und eine bevorstehende Scheidung vorausgegangen. Gesungen hat Gertrud Bindernagel den Liebestod meisterhaft, aber ihr eigenes Ende war definitiv kein Liebestod in Charlottenburg.

von Peter Sommeregger

„Leuchtende Liebe, lachender Tod“: Mit dem Liebesduett geht die ausverkaufte Siegfried-Aufführung der Städtischen Oper Charlottenburg an diesem 23. Oktober 1932 zu Ende. Die Brünnhilde der Aufführung, Gertrud Bindernagel, wird vom Publikum besonders gefeiert. Sie ist im Begriff, sich als erste Hochdramatische an diesem Haus zu etablieren, praktisch als Gegenpol zu der an der Staatsoper Unter den Linden wirkenden weltberühmten Frida Leider. „Sommereggers Klassikwelt 12 / 2019
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Sommereggers Klassikwelt 11/2019: Von der Entdeckung weißer und anderer Damen

Ein kurzer Besuch in einem Antiquariat, und schon befindet man sich auf einer Zeitreise, die bis zurück ins 18. Und 19. Jahrhundert führt. Es lohnt sich, nicht immer nur dem aktuellen Mainstream zu folgen…

von Peter Sommeregger

Vor einiger Zeit entdeckte ich zufällig ein kleines Musikantiquariat in einem Ostberliner Stadtbezirk. Der Laden hatte ganz offensichtlich bessere Tage gesehen, die Regale waren bereits halb leer und es sah sehr nach Abverkauf aus. Das Angebot an Vinyl und CDs schien mir schon sehr geplündert zu sein, also konzentrierte ich mich auf Bücher und Noten. „Sommereggers Klassikwelt 11/2019
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Sommereggers Klassikwelt 10/2019: Gold, Brokat, Samt, Seide, Schönheit – was der Oper heute fehlt

Foto: © Wilfried Hösl

Interesse weckt nur, was authentisch ist. Keiner will verstaubten Plüsch und Rampensingen zurück haben, aber der derzeit beschrittene Weg führt unausweichlich zum Untergang dieser Kunstform. Wer wagt sich an neue Konzepte? Wer schafft eine Synthese aus alt und neu?

von Peter Sommeregger

Ihre erste Hochblüte erlebte die Musikgattung Oper im Barock und Rokoko. Ein Zeitalter, das für Prunk, üppige Gestaltung von Bauten, Innenräumen, Kleidung stand. Natürlich wurden auch Opernproduktionen optisch aufwändig und das Auge erfreuend gestaltet. Auf alten Stichen und Aquarellen kann man noch heute bewundern, welchen Stellenwert Schönheit und Ästhetik auf der Bühne in dieser Zeit hatten. „Sommereggers Klassikwelt 10/2019
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