Dieser Jan Bosse-Don Giovanni ist überaus hörens-, aber weniger sehenswert

Mozart, Don Giovanni  Hamburgische Staatsoper, 19. September 2026

Anne Müller (Amor/Tod, Schauspielerin), Kady Evanyshyn (Zerlina), Hubert Kowalczyk (Masetto), Michèle Losier (Donna Elvira), Krzysztof Baczyk (Leporello), Andrzej Filonczyk (Don Giovanni), Omer Meir Wellber (musikalische Leitung), Elbenita Kajtazi (Donna Anna), Dovlet Nurgeldiyev (Don Ottavio), Morris Robinson (Komtur) (Foto: RW)

Mozarts Don Giovanni ist ein großartiges Werk, welches sich mit Grundfragen des menschlichen Daseins beschäftigt und auch über Jahrzehnte nicht altert. Daran können auch noch so eingreifende inszenatorische Überstülpungen nichts ändern. Deshalb ist auch die Inszenierung von Jan Bosse zu ertragen, zumal so gut gespielt und gesungen wurde wie gestern Abend.

Don Giovanni, Drama giocoso in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: Lorenzo da Ponte
Inszenierung: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber

Hamburgische Staatsoper, 19. September 2026

  1. Vorstellung seit der Premiere am 20.10.2019

von Dr. Ralf Wegner

Bei zwei Operngestalten legt auch der durchschnittliche Besucher nicht nur Wert auf die stimmliche Leistung, sondern auch auf die optische Wahrhaftigkeit: Es handelt sich um Carmen und Don Giovanni. Zwar gibt bzw. gab es ganz wenige Sänger, die allein mittels ihrer Stimme Gefühle wie Verlangen, Sehnsucht oder auch Triebhaftigkeit glaubhaft transportieren, wie zum Beispiel Luciano Pavarotti, so dass die optische Präsenz ganz in den Hintergrund tritt bzw. trat. Auf die alltäglich im Operngeschäft eingesetzten Sänger trifft das aber in der Regel nicht zu. Deshalb war eine immer noch wunderbare Sängerin wie Teresa Berganza in ihren späten Jahren keine glaubwürdige Carmen mehr.

In der aktuellen, 2019 premierten, von Jan Bosse inszenierten Aufführung erwies sich Andrè Schuen nicht nur als herausragender Sänger des Don Giovanni, sondern auch als glaubwürdiger Verführer. Ihm stand selbst die von Kathrin Plath entworfene glitzernde Kostümierung. Der gestrige Sänger des Don Giovanni wirkte auf mich dagegen in seinem Glitzerkostüm und dem übergroßen roten, von Leporello übernommenen Trainingsanzug wie ein freundlicher Teddybär, von dem sich die Frauen möglicherweise wärmen, aber weniger glaubhaft verführen lassen. Dabei gab es an der Gesangsleistung und an dem Spiel von Andrzej Filonczyk als Don Giovanni überhaupt nichts auszusetzen. Er hätte nur dieses lächerliche Glitzerkostüm nicht tragen sollen und sich auch nicht immer wieder die überlange rote Hose Leporellos hochziehen müssen.

Der ihn um Haupteslänge überragende, noch junge 36-jährige polnische Bass Krzysztof Baçzyk überzeugte mit seiner gesanglichen Darstellung des Dieners Leporello und erhielt vom Publikum schon bei der sog. Registerarie Madamina, il catalogo è questo längeren Zwischenbeifall. Die herausragende Sängerin des Abends war Elbenita Kajtazi als Donna Anna. Wie sie die stimmlich fordernden dramatischen Passagen ebenso wie die schnellen Koloraturen der zweiten Arie Non mi dir mit Schönklang und Wahrhaftigkeit füllte und mit welcher Legatokultur sie ihren Gesang beseelte, war zum Niederknien beeindruckend; jedenfalls wenn sich nicht währenddessen ständig die Bühnendekorationen gedreht und von hinten immer wieder helles grünes Scheinwerferlicht die Zuschauer geblendet hätte. Was mag der Regisseur Jan Bosse sich dabei gedacht haben. Die nach der Aufführung im zweiten Rang stattfindende Diskussion mit dem Stellvertretenden Chefdramaturgen Christopher Warmuth ergab dazu auch keine einleuchtende Erklärung. Kurz zusammengefasst, das gehöre zum nicht veränderbaren künstlerischen Konzept.

Hubert Kowalczyk und Kady Evanyshan (Foto: RW)

Den vom Typus her eher etwas langweiligen Don Ottavio, in dessen Armen sich Donna Anna nach dem draufgängerisch-verführerischen Don Giovanni sehnt, sang Dovlet Nurgeldiyev mit schön timbriertem, makellosen Tenor. Er ist in dieser Rolle ein würdiger Nachfolger der herausragenden Vorgänger Rainer Trost und davor Peter Schreier. Letzterer gehörte zum Ensemble der ersten von mir erlebten, für mich seitdem maßstabsetzenden Don Giovanni-Besetzung im Jahre 1966 in der Hamburgischen Staatsoper: Theo Adam als Don Giovanni, Ernst Wiemann als Komtur, Louisa Bosabalian, eine viel zu wenig gewürdigte Sängerin, als Donna Anna, Peter Schreier als Don Ottavio, Melitta Muszely als Donna Elvira, Heinz Blankenburg als Leporello, Edith Mathis als Zerlina und Hans Sotin als Masetto. Die musikalische Leitung hatte Leopold Ludwig.

Mit der stimmlichen Leistung von Sängerinnen der Donna Elvira haderte ich häufig. Die zahlreichen Tonsprünge, die Mozart für sie komponiert hat und wohl für ihre emotionale Wechselhaftigkeit stehen, lassen die Stimme oft metallisch glatt, manchmal auch grell erscheinen. Die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier konnte diesen Eindruck weitgehend vermeiden und überzeugte mit einer intensiven Darstellung. Zerlina wurde von Kady Evanyshyn mit schönem Timbre, aber für mein Empfinden mit leicht hartem, wenig rundem Stimmansatz und einem zu deutlichen Vibrato gesungen. Hubert Kowalczyk erwies sich wie auch bei seinen anderen Rollen für die Partie des Masetto als stimmlich sichere Bank, ebenso der Bass Morris Robinson, der mit seinen Don Giovanni-Rufen am Ende der Oper imponierte. Während mich Omer Wellbers Dirigat der Ouvertüre noch nicht so recht beeindruckte, steigerte sich die Orchesterleistung bis zum Schluss und Dirigent und Orchester wurden schließlich vom Publikum einhellig bejubelt.

Elbenita Kajtazi und Dovlet Nurgeldiyev sowie Michèle Losier und Krzysztof Baçzyk (Foto: RW)

Zurück zur Inszenierung, bei der Schlussbesprechung im zweiten Rang wurde sie mehr oder weniger als stimmig angesehen. Die Soziologin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. Vera King hat sich da durchaus zurückhaltender geäußert und schlussendlich zu Recht betont, dass sich die großen Werke der Kunst mit den grundlegenden Problemen des Menschseins befassen und damit zeitlos wären, jedenfalls habe ich sie so verstanden. Christopher Warmuth vertrat dagegen die aus seiner Sicht als angestellter Dramaturg nachvollziehbare Ansicht, jedes Werk müsse immer wieder auf seine Gültigkeit für die heutige Zeit abgeklopft werden.

Den Einwand eines Zuschauers, was wohl Mozart zu der Inszenierung gesagt hätte, wenn er es könnte, sozusagen virtuell, würgte er relativ schnell ab, das wäre nur zu vermuten. Über die Bedeutung des Gesangs für die Wirkung und Deutung einer Oper, hier von Don Giovanni, wurde überhaupt nicht gesprochen. Man hatte gar den Eindruck, dass Warmuth es bedauerte, bei Opern, er sprach diesbezüglich von Musiktheater, nicht nach Belieben kürzen oder verändern zu können, wie es im Theater ja gängig sei. Etwas befremdete, dass er das Libretto von Lorenzo da Ponte, Warmuth sprach nur vom Text der Oper, für, sinngemäß, ich will mich da vorsichtig ausdrücken, nicht mehr erträglich hielt.

Insgesamt war es ein interessanter Einblick in die Denkweise von Dramaturgie. Wobei ich die von mir nie geliebte Bosse-Inszenierung mittlerweile für altbacken und wegen der zahlreichen Ablenkungen, nicht nur der Scheinwerferblendungen, der andauernden Filmeinspielungen und der albernen Kostümierungen wegen für dringend erneuerungsbedürftig halte. Aufschlussreich wäre es, wie der Intendant und Regisseur Tobias Kratzer einen Don Giovanni in Szene setzen würde. Denn Kratzer will nicht, wie er jüngst in einer Fernsehsendung berichtete, provozieren um des Provozierens willen. Das hätten andere schon vor ihm getan, man sehe auch bei ihm immer etwas Neues, aber das hieße ja nicht, auf ein schönes Dekor zu verzichten.

Dr. Ralf Wegner, 19 September 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Mozart, Don Giovanni, Iván Fischer, Dirigent klassik-begeistert.de, 1. September 2026

Wolfgang Amadeus Mozart, Le nozze di Figaro / Don Giovanni / Così fan tutte klassik-begeistert.de, 7. Juni 2026

W.A. Mozart, Don Giovanni Wiener Staatsoper, 1. November 2025

 

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