Foto: Herbert Blomstedt (c) Stephan Rabold
von Jörn Schmidt
Sie erkennen sofort, ich habe das legendäre Zitat des französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez („Sprengt die Opernhäuser in die Luft“) aus dem Jahr 1967 in die Gegenwart gezerrt. Die Stoßrichtung ist die gleiche: Boulez kritisierte den konservativen, verstaubten Musikbetrieb und das Festhalten an alten Repertoires. Wollte dem ein Ende setzen. Desgleichen muss jetzt endgültig Schluss sein mit dem Maestro-Kult. Raus aus dem Orchestergraben, die Zukunft gehört der Künstlichen Intelligenz (KI). Konkret dem dirigierenden KI-Roboter. Das ist alternativlos – oder doch nicht?
Die Vorteile der KI liegen auf der Hand, und sie wiegen schwer:
Fehler – Haben Sie sich schon mal so richtig über einen Dirigenten geärgert? Andreas Schmidt, Herausgeber von klassik-begeistert, dem ging es mal so. Ein Dirigent hatte massenhaft falsche Einsätze gegeben. Zwei viel beachtete Artikel hat er dazu geschrieben, Sie können das hier bei klassik-begeistert jederzeit nachlesen. Einem KI-Roboter wäre das mitnichten passiert.
Zeitgeist – Den unantastbaren Maestro des 20. Jahrhunderts, den kann man heute keinem Orchestermusiker mehr vorsetzen. Die wünschen sich am Pult einen Teamplayer, damit sie sich und ihre künstlerischen Ambitionen ohne Angst vor Repressalien selber einbringen können. Sie können sich das vielleicht so vorstellen wie Animal, den Schlagzeuger der Muppet Show. Man hatte ihn 1976 gebeten, Rita Moreno zu begleiten. Auf dem Programm stand „Fever“. Animal hatte ganz eigene Vorstellungen von Rhythmik, Dynamik und Timing seiner Soli. Das ging nicht gut aus – sehen Sie sich das gerne bei YouTube an. Auch hier ist KI die Lösung. Wenn es um Musikvermittlung geht, dann gewähre man dem selbstlernenden dirigierenden Roboter ausschließlich Zugang zu Anthroposophie und Waldorfpädagogik von Rudolf Steiner.
Finanzen – Dennis Russell Davies ist ein großartiger Dirigent. Als ein Branchenmagazin im Sommer 2025 veröffentlichte, dass er als Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters im Jahr 2024 rund 420.000 Euro verdiente, gab´s eine teils empörte Debatte. Was das kostet…Da wollen wir uns gar nicht einmischen, sondern, Sie ahnen es, vorschlagen: Ein KI-Roboter kostet sicher eine Stange Geld. Aber in the long run, da ließe sich sicher einiges sparen.
Lernfähigkeit – Günter Wand soll auf die Frage, wie gut er Anton Bruckner und dessen Partituren verstehe, eingeräumt haben, er sei vielleicht bei 95 Prozent der Partitur. Der Rest bleibe ein Geheimnis. Beim Schachspielen schlägt moderne KI seit längerem den Menschen haushoch. Früher oder später weiß KI dann auch mehr als über 95 % von Bruckners Partituren. Denn die Rechenkraft der KI ist einfach größer als die unsrige: Eine Maschine kann Millionen von Texten in kürzester Zeit durcharbeiten, ohne jemals zu ermüden.
KI wird indes niemals zum Geheimnis von Bruckners großartigen Partituren vordringen und dieses Geheimnis auch nicht in eine berührende, bestenfalls zu Tränen rührende Aufführung ummünzen:
Denn KI erkennt Muster in Noten – aber nicht auf menschliche oder philosophische Weise. Ich stelle mir Bruckners Geheimnis insoweit vor wie Dunkle Materie: Die macht rund 85 % der gesamten Materie im Universum aus. Wir wissen, dass sie existiert, und dass ihre Gravitation ganze Galaxien zusammenhält. Aber wir können sie nicht sehen. Weil Dunkle Materie, der Name sagt es, kein Licht aussendet, reflektiert oder absorbiert. An diesem physikalischen Grundsatz kommt auch KI nicht vorbei. Nicht im Weltall und nicht in Bruckners Kosmos.
Das können nur große, altersweise Dirigenten. Oder, um bei der Terminologie meiner Analogie zu bleiben: Auch der größte Maestro sieht Bruckners Geheimnis nicht, er kann es auch nicht fotografieren oder sonst wie sichtbar machen. Aber nach Jahrzehnten der Befassung, da spürt er es – und verfügt zugleich über die Gabe, dies hörbar zu machen. Das ist Magie, die KI niemals beherrschen wird.
Maestro ist ein Job mit Zukunft!
Jörn Schmidt, 16. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026