Daniels Anti-Klassiker 41: Georges Bizet – „Habanera“ aus „Carmen“

Daniels Anti-Klassiker 41: Georges Bizet – „Habanera“ aus „Carmen“ (1875)  klassik-begeistert.de, 27. September 2026

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Was braucht es eigentlich, damit ein Musikstück nicht nur bekannt und berühmt wird, sondern es auch bleibt? Sind es Eingängigkeit, komplexe oder ansprechende Kompositionstechniken, inhaltsstarker Ausdruck oder Tiefe? Sind es die Themenbezüge, ein aussagekräftiger Text, die Aufführungspraxis oder vielleicht eine Kombination aus allem? Das alles mag sicherlich seine Rolle dabei spielen, Musik ins kulturelle Gedächtnis zu rufen und dort zu halten. Doch es gibt noch ein Element, das anscheinend seine Rolle dabei spielt: Der Skandal. Wie sich das auch auf klassische Musik auswirkt, soll heute an einem an und für sich gänzlich skandalfreien Werk betrachtet werden: An der Oper Carmen von Georges Bizet.

Im Zentrum dieses Dramas über das Spannungsfeld von Liebe, Versuchung und Verantwortung steht der Konflikt zwischen dem jungen Don José und der Titelfigur Carmen. Der junge Wachmann, der eigentlich dem Wunsch seiner Mutter entsprechend die zierliche Micaëla heiraten soll, verfällt der Fabrikarbeiterin Carmen und wird durch sie und ihre Zigeunerbande in so große Schwierigkeiten gestürzt, dass er mit ihnen die Flucht ergreifen muss. Sie – erst Don José verfallen – wendet sich nach einer kurzen Affäre von ihm ab und stattdessen dem Stierkämpfer Escamillo zu. Trotz Micaëlas verzweifelter Versuche, Don José zurückzugewinnen, nimmt das Drama seinen Lauf und endet damit, dass er Carmen in purer Eifersucht während eines Stierkampfes ermordet.

Als der in Paris geborene Komponist 1875 seine Oper zur Uraufführung gab, war ihm vielleicht bewusst, was für einen Klassiker er da geschrieben hatte. Selbst heute erfreut sich Carmen breiter Zustimmung und Beliebtheit unter Opernfreunden. Darüber hinaus ist das Werk aber nur wenig in gesellschaftlichen Diskurs präsent, obwohl aus dieser Oper eine der weltweit bekanntesten Arien stammt, die sich auch über die Opernwelt hinaus großer Beliebtheit erfreut: Die Habanera, auch bekannt als „L’amout est un oiseau rebelle“ – auf Deutsch „Die Liebe ist ein wilder Vogel“.

Und tatsächlich hat diese ursprünglich auf El Arreglito von Sebastián de Yradier zurückgehende Arie Ohrwurmcharakter. In chromatisch absteigenden Schritten zu sprunghaft rhythmischen Figuren des Orchesters macht Carmen sich hier im ersten Akt über die von ihren zahlreichen Verehrern entgegengebrachte Aufmerksamkeit lustig. Dabei steigert sich diese zunächst langsam anbahnende Melodie von einem leisen piano bis hin ins fortefortissimo und erlebt dadurch auch eine dramatische Aufladung. Wenn man von dem Umstand absieht, dass Text und Figur geradezu klischeehaft Anziehung und Schwärmerei mit Liebe verwechseln, zeichnet sich hier bereits ihr durchtriebener Charakter ab, der letztendlich zu ihrem Untergang führt:

https://www.youtube.com/watch?v=KJ_HHRJf0xg

So weit so unspektakulär. Für sich genommen rangiert diese Arie in einer ähnlichen Bekanntheitskategorie, wie die (bereits in dieser Kolumne besprochenen) „Nessun dorma“ von Puccini, „La dona è mobile“ von Verdi, die Figaro-Arie von Rossini oder die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte. Und ähnlich, wie diese zuvor genannten Beispiele, blickt auch Bizets Hanabera-Arie inzwischen auf einige Referenzen innerhalb der klassischen Musik zurück.

Was sie jedoch unterscheidet, ist, dass sie bis heute die einzige der hier genannten Arien ist, die es im deutschlandsprachigen Raum auch in die Popmusik-Charts geschafft und damit einen breiten Bekanntheitsgrad über Klassikfans hinaus erreicht hat. Genial – so könnte man sich als Klassik-Freund denken. Denn jede Form von Bekanntheit eines klassischen (und dazu auch noch so ausdrucksstark ambivalent komponierten) Werks ist erst einmal zu begrüßen! So sollte man jedenfalls meinen.

Aber wie hat diese Arie das geschafft? Tatsächlich liegt es nicht an der Musik selbst, denn die Arie erreichte diesen Medienruhm nicht aus eigener Kraft. Sondern Vater dieser Bekanntheit ist ein Umstand, den man handfest als Skandal einordnen muss: Im Jahr 2004 schrieb der in Berlin geborene Popmusiker Melendiz nämlich einen Song, der in mehreren Ländern die Charts stürmte. Der wenig schmeichelhafte und ganz und gar nicht wohlerzogene Titel seines Songs: „Fuck You All you little asses“:

https://www.youtube.com/watch?v=oROx873D6og

In diesem modernen Schmähgesang mit der Melodie von Bizets Habanera fährt Melendiz eine regelrechte Hasstriade auf Politik, Bildung, Rollenverständnisse, Gesellschaft und die Arbeiterklasse ab. Mit extremem Kontrast zu Bizets Anti-Liebeslied schreckt Melendez auch nicht vor der Wiederholung althergebrachter Klischees, einer selbsteingeredeten Opferrolle und einer gehörigen Portion Selbstüberheblichkeit zurück. Ein Song, der wohl damals die Nerven von jungen Menschen getroffen hat, wenn man bedenkt, dass er sowohl im Musikfernsehen als auch in einschlägigen Zeitschriften reichlich Erwähnung fand und sogar zwei englischsprachige Veröffentlichungen zur Folge hatte.

Nun mag man über solche Adaptionen denken, was man will. Positiv lässt sich ja feststellen, dass selbst diese Form von Publicity durch die entstehende Bekanntheit etwas Gutes hat. Aber dass der moderne Ruhm von Bizets Habanera durch so eine unrühmliche Entstellung mindestens mitbestimmt wird, wenn nicht sogar in direkten Zusammenhang gesetzt werden muss, ist ein absolutes Armutszeugnis für unser Kulturverständnis. Denn der Eindruck entsteht, dass klassische Musik in unserer Gesellschaft nur noch im Sinne kommerzieller Ausschlachtung eine Rolle spielt, egal welches Mittel dafür Recht ist. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist jedenfalls auf Dauer mit den Worten „Fuck you all“ verbunden – ein Zusammenhang, der nicht nur dem Werk von Bizet nachhaltig schadet, sondern auch die Musik dauerhaft entstellt.

Klassikliebhaber und Vertreter dieser Kultur sollten sich vor diesem Hintergrund fragen: Wollen wir solchen Auswüchsen das Feld überlassen? Oder liegt es nicht eher an uns, unsere Musik durch Leidenschaft, Offenheit und Vermittlung anderen Menschen näher zu bringen? Wollen wir wirklich, dass sie durch ungeplante Unfälle, wie Melendiz‘ Adaption, verkörpert wird? Dass Menschen sie bekannt machen, denen es in Wahrheit mehr um die eigene Brieftasche und den Ausdruck ihres Frustes geht, als um Kultur und Klassikverständnis?

Wenn sich unsere Kultur und Werte nur noch durch solche Skandale verbreiten und an jüngere Menschen vermitteln lassen, dann muss man fragen, ob sie nicht inzwischen wertlos geworden sind. Denn eine solche Dekonstruktion wird weder den Werken gerecht, noch führt sie zu einer Bereicherung im ethischen oder ursprünglichen Sinne der Musik. Aber ich bin zuversichtlich, dass es auch bessere Wege gibt. Es kommt nur darauf an, sie umzusetzen.

Daniel Janz für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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