Daniels Anti-Klassiker 30: Mozart – Arie der Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“ (1791)

Daniels Anti-Klassiker 30: Mozart – Arie der Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“ (1791)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Mozart ist inzwischen zum alten Bekannten in dieser Reihe geworden. Kein Wunder – gehört er doch neben Beethoven und Bach zu den nach wie vor einflussreichsten und immer noch exzessiv gespielten Komponisten. Sowohl kammermusikalisch, als auch sinfonisch und im Bühnentreiben ist er ein unausweichlicher Monolith – so unübersehbar, dass einige seiner Werke zu den reinsten Klischeenummern verkommen sind. Eine weitere dieser Nummern dürfte sich in seiner bekanntesten und meistaufgeführten Oper finden: Die Arie der Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“.

Zugegeben, die Zauberflöte kritisieren zu wollen, ist schon eine heikle Angelegenheit. Wenige Kompositionen sind so ausgereift und so kompositorisch abwechslungsreich, dazu aber gleichzeitig so eingängig, dass man sie nach einmaligem Hören bereits für immer im Gedächtnis trägt. Nein, dieses Werk bietet sich nicht an für einen musikalischen Verriss.

Etwas anderes ist es bei Handlung und Ausdruck. Die Oper beginnt mit Königssohn Tamino, der von einer Riesenschlange verfolgt wird und nur durch Eingreifen von den Dienerinnen der Königin der Nacht gerettet werden kann. Natürlich verlieben sich alle 3 in den Jüngling, der aber nur Augen für Pamina hat, die Tochter der Königin der Nacht, die vom Sonnenpriester Sarastro entführt wurde. Als Tamino diesem gegenübertritt, erfährt er jedoch, dass Sarastro Pamina vor ihrer machtsüchtigen Mutter retten wollte. Die Geschichte endet nach einigem Verwirrspiel im Tempel, in dem Tamino und seine Auserwählte einige Prüfungen bestehen und am Ende heiraten. Die Königin der Nacht, als eigentlicher Bösewicht enttarnt, geht in einem Gewitter unter und am Ende sind alle glücklich und zufrieden.

Eine solch inkohärente Geschichte könnte heutzutage bestenfalls noch als Komödie durchgehen. Nicht nur jagt ein absurdes Detail das nächste Klischee – man denke nur daran, dass sich natürlich gleich jede Frau in den Retter der Geschichte verlieben muss, dass der Text – wie auch bei Verdis „La donna è mobile“ – viel zu oft weibliche Befindlichkeiten lächerlich macht, dass der Held sich in Prüfungen beweisen muss – warum eigentlich? – um das Mädchen zu heiraten, das ihn ja sowieso liebt und dass irgendein magisches MacGuffin die Handlung vorantreibt. Auch das Happy End wirkt vor diesem Hintergrund platt und mehr einem Wunschtraum entsprechend.

Sogar die Rollen des zuerst als böse hingestellten und dann als gut deklarierten Sarastros, als auch die der ambivalenten Königin der Nacht, wirken klischeehaft. Kurz gesagt: Mann gut, Frau schlecht! Figuren, wie Taminos Helfer Papageno oder die „drei Knaben“, die neben der „Zauberflöte“ im Wesentlichen nichts anders als ebenjene zuvor genannten MacGuffins darstellen, machen logisch betrachtet selbst bei Betrachtung aller enthaltenen Freimaurer-Symbolik keinen Sinn – und das, obwohl Mozart sie exzessiv einsetzt. Eine solche an Lächerlichkeit grenzende Handlung lässt sich wohl kaum unterhaltsamer zusammenfassen, als in diesem Video von BR-Klassik:

Bei dieser Vorlage wundert es auch nicht, dass die Musik von Mozart sich immer auf einem schmalen Grad zwischen Ernst, Humor und Albernheit bewegt. Eine Kunst, die bis heute selbst Kritikern – wie mir – Bewunderung abverlangt. Aber auch ein Umstand, der ab und an ins Übertriebene abdriftet.

Und so kommen wir zum eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags. Denn genau dieses Übertriebene muss man auch der zweiten Arie der Königin der Nacht bescheinigen. Diese auch als „Rache-Arie“ bekannte Einlage gehört wohl mit zu den weltweit bekanntesten Operngesängen aller Zeiten und verlangt nicht weniger als reine Perfektion von der entsprechenden Sängerin. Sie ist so bekannt, dass sie es selbst auf die „Golden Voyager Records“ geschafft hat –Schallplatten, die jeweils an den Weltraumsonden Voyager 1 und Voyager 2 angebracht wurden, um außerirdischem Leben einen Eindruck menschlicher Musikkultur zu vermitteln.

Doch wenn wir uns den Text ansehen, muss schon die Frage erlaubt sein, ob diese Form von Gesang dessen Ausdruck trägt. So heißt es beispielsweise „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, Tod und Verzweiflung flammet um mich her“. Die damit einhergehende Dramatik lässt Mozart auch durch das Orchester in schweren und heftigen Stößen ausdrücken. Aber was lässt er die Sängerin tun? Anstatt ihre Wut und Rachlust herauszubrüllen, grenzt diese Passage an hysterisches Gekreische, überdramatisiertes Gejaule und hämisches Gelächter.

Jedem mozartischen Kenner dürfte der höchste Ton – das schrille F – wohl im Ohr liegen. Ein durch Mark und Bein gehender Klang, bei dem die Frage erlaubt sein muss, ob das nicht schon an Körperverletzung grenzt. Die Folge dieser Gesangskunst ist natürlich, dass sie sofort in Erinnerung bleibt. Und mit Sicherheit dürfte es Opernkenner geben, die diese Arie als eine der besten und bedeutendsten schätzen können.

Gleichzeitig stehen ihnen jedoch auch Zuhörer gegenüber – und ich gehöre dazu – , die diese Arie aufgrund ihrer Affektiertheit als Beispiel dafür herhalten, warum klassische Musik von der Lebenswirklichkeit normaler Menschen weit entfernt ist. Ein solch nur auf technische Perfektion abgestimmter Gesang passt jedenfalls wunderbar zum Klischee der auf gekünstelte Form hochpolierten Musik, die darüber hinaus jegliche Authentizität verloren hat. Oder wie kann man satirische Verwendungen dieser Arie, wie im folgenden Werbespot sonst rechtfertigen? Das funktioniert nur, weil sie das Potenzial für eine Komödie selbst mitliefert:

Diese Arie ist damit ein Gesang, an dem sich die Geister scheiden dürften. Der Unterschied zwischen ergreifendem, inbrünstigem Ausdruck und hochpolierter, auf Prestige ausgerichteter Kunst wird hier besonders deutlich. Die einen dürften sich an diesem Beispiel für Gesangsraffinesse zweifelsohne erfreuen. Aber die anderen dürften ihr in der Suche nach authentischem Ausdruck gegenüberstehen, wie ein Michelin-Koch einem künstlich erschaffenen Erdbeereis aus dem Chemielabor. Und solche zwei Lager wieder zu vereinen, anstatt die anhaltende Tendenz zum Klassikverdruss durch Wiederkäuen solcher überstrapazierten Nummern zu beschleunigen, dürfte noch eine große Aufgabe darstellen.

Daniel Janz, 24. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

https://klassik-begeistert.de/daniels-anti-klassiker-29-hector-berlioz-requiem-1837/

Ein Gedanke zu „Daniels Anti-Klassiker 30: Mozart – Arie der Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“ (1791)“

  1. Haha. Danke für den Werbespot. Kannte ich gar nicht. Oper wirkt eben auch aufgrund der Übertreibung. Vermutlich ist das teilweise notwendig. Genauso verhält es sich bei der Kritik. Dass das Stoff für Persiflagen bietet, beweist dieser Clip.

    Als völlig schwachsinnig empfinde ich es jedoch, wenn eine Sterbende oder im Grunde eigentlich schon Tote beginnt zu singen. Verdis Desdemona möchte ich da nur ins Rennen werfen. Weil „Otello“ gerade an der Wiener Staatsoper gespielt wird.

    Liebe Grüße
    Jürgen Pathy

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