Fazıl Say rüttelt auf – Debussy entführt in faszinierende mystische Traumwelten

Musikfest Bremen: Fazıl Says „Mother Earth“  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 15. August 2026

Fazıl Say © Fethi Karaduman-noresize-

Musikfest Bremen: Fazıl Says „Mother Earth“

In einem Interview erläuterte der türkische Pianist und Komponist Fasıl Say einmal, dass er mit seiner Musik die Absicht verfolge, Geschichten zu erzählen, die Menschen berühren und aufrütteln sollen. Von dieser Intention in ganz besonderem Maße bestimmt ist auch sein seinem 2024 entstandenes Klavierkonzert „Mother Earth“, das in einer Bremer Erstaufführung am Auftaktabend des diesjährigen Bremer Musikfests in der Glocke dargeboten wurde. Als Solist seines eigenen Werkes ist Say dafür gewiss der ultimative Interpret.

Programm:

Claude Debussy  Prélude à l’après-midi d’un faune
Fazıl Say  Klavierkonzert “Mother Earth” op. 111

Fazıl Say  Klavier
Alain Altinoglu Dirigent
hr-Sinfonieorchester

Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 15. August 2026

von Dr. Gerd Klingeberg


Schon bei den ersten Takten des zunächst leise fließenden, melancholisch eingefärbten Klavierparts im Prelude spürt man die ausgeprägte Expressivität und intensive Emotionalität, mit der Fazıl Say mit stupender pianistischer Virtuosität, indes nicht selten äußerst kraftvollem Anschlag seine Sicht auf die Probleme dieser geschundenen Welt auszudrücken vermag. Noch zusätzlich machtvoll unterstrichen wird dies bei den immer wieder aufbrechenden donnernden Fortissimos, den martialischen Paukenschlägen, scharfen Streicherattacken und ungebremst wüsten Turbulenzen, mit denen der große Orchesterapparat in packender Plastizität von drohenden ökologischen Katastrophen und der Ausbeutung und Zerstörung der Erde durch die Menschheit erzählt.

Intensive Klangeindrücke

Um sich hinsichtlich dieser Problematik überzeugend Gehör zu verschaffen, legt der Pianist maximalen Nachdruck in sein Spiel, wird dabei geradezu selbst zum Naturereignis. Dazwischen erinnern aber auch überraschend auftretende Naturlaute, etwa zarte Windgeräusche oder imitierte Vogelstimmen, an die trotz allem noch immer erlebbare Schönheit unseres Planeten.

hr Sinfonieorchester © hr Ben Knabe

Say hat sein Konzert in sieben nahtlos aufeinanderfolgende szenische Abschnitte gegliedert: Prelude, Earth, Forest, Interlude, Sea (Deniz), River, Postlude. Man kann zwar einigermaßen erfolgreich versuchen, die Musik den jeweiligen Satztiteln zuzuordnen, kann die türkischen Wurzeln und die raffinierten Metren dieser Musik deuten und analysieren. Doch weit entscheidender ist es wohl, sich schlicht diesen schier überbordenden Klangeindrücken zu öffnen, sich uneingeschränkt dieser unter die Haut gehenden, immensen Intensität auszusetzen, mit der die Ausführenden – das hr-Sinfonieorchester und Pianist Say unter dem souveränen Dirigent von Alain Altinoglu – den gespannt lauschenden Zuhörern in diesem packenden Event allein mit der hochgradigen energetischen Dichte der Musik eine unmissverständliche Warnung vor finaler Zerstörung unseres Lebensraums vermitteln.

Und die wird offensichtlich auch gehört, was nach dem finalen Verhauchen deutlich zu spüren ist an der kurz andauernden, ergriffen andächtigen Stille im voll besetzten Saal. Dann werden Fazıl Say und das gesamte Ensemble vom wahrhaft enthusiasmierten Publikum mit lang anhaltendem frenetischem Beifallsjubel gefeiert.

Impressionistische Stimmungsbilder

Das hr-Sinfonieorchester hatte sich unter Altinoglus Dirigat eingangs schon mit einem ähnlich programmatischen, aber dennoch gänzlich anders gearteten Werk vorgestellt: dem berühmten „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy. Eingeleitet von einem zarten Flötensolo entführt die perfekt austarierte Darbietung des Orchesters die Zuhörenden der Glocke weg in eine faszinierend stimmungsvolle, mystisch-faunische Traumwelt, erstellt aus einschmeichelnd sanften Harmonien, mitunter überbordend dichten, zwischen samtweich und aufbrausend changierenden Klangwogen, die eine Vielzahl aquarellös impressionistischer Stimmungsbilder generieren.

Das insgesamt nur knapp einstündige Konzert ist ein zauberhaft schönes musikalisches Erlebnis der Extraklasse: ein Auftakt nach Maß bei der in diesem Jahr bereits 25. „Großen Nachtmusik“ mitten im Herzen der Stadt beim mittlerweile 37. Musikfest Bremen.

Dr. Gerd Klingeberg, 16. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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