Nachgelesen - Interviews von klassik-begeistert.de
Fazil Say

Nachgelesen – Interviews von klassik-begeistert.de Fazil Say

Foto: ©Marco Borggreve
„Sich der Sogwirkung von Musik hinzugeben …
daran glaube ich“

Interview vom 26. Februar 2018

Fazil Say ist weltweit gefeierter Pianist und Komponist in Personalunion. Populär wie kaum ein anderer, steht der 1970 in Ankara geborene Künstler nicht nur für absolute musikalische Grenzüberwindung, sondern auch für das Streben nach gesellschaftlicher Freiheit. Der kosmopolitische Humanist verriet klassik-begeistert.de in Amsterdam, warum er für das Komponieren und Klavierspielen kein Klavier braucht, wo er zur Ruhe kommt, und dass er sich gerade an die Einspielung aller Beethoven-Sonaten wagt.

 Musik ist die Sprache der Gefühle. Sie vermag Unaussprechliches auszudrücken und spiegelt die menschliche Seele wider…

Herr Say, Sie gehören der rar gesäten Gattung des komponierenden Pianisten an. Was fühlen und bezwecken Sie beim Komponieren?

Fazil Say: Nun, ich habe mit beidem sehr früh angefangen, um genau zu sein im Alter von fünf Jahren. Sowohl Komponieren als auch Klavierspielen begleitet mich somit schon durch mein ganzes Leben. Es erweist sich geradezu als Notwendigkeit. Und natürlich spielt auch Emotion eine große Rolle! Viele Leute fragen mich übrigens, woher ich überhaupt die Zeit dafür finde. Wissen Sie, ich brauche sowohl für das Komponieren, als auch für das Klavierspielen nicht unbedingt ein Klavier. Ich arbeite sehr viel im Kopf und kann mich so im Laufe eines Tages gut beidem widmen. Das ist sehr befreiend.

Mir kommt es ja manchmal so vor, als ob Sie gegen emotionale Verarmung und Verrohung ankomponieren würden…

Fazil Say: Vielleicht. Meine Kompositionen geben oft Ereignisse meines Lebens wieder, erzählen von Begegnungen mit allerlei Menschen… oder eben Städten.

 Wohl wahr, „Städtevertonungen“ machen einen wichtigen Teil Ihres Oeuvres aus. Welcher Klang hat Amsterdam für Sie?

Fazil Say: Amsterdam ist auf jeden Fall ein schöner Klang zu eigen. Aber um diesen exakt einzufangen, müsste ich mich weit länger hier aufhalten, als ich es momentan tue!

Träumen Sie Musik?

Fazil Say: Ja, das kann man so sagen!

Wann hat Musik Sie zuletzt zum Weinen gebracht?

Fazil Say: Das passiert mir in bestimmten Augenblicken durchaus. Aber man ist ja überhaupt nicht am Weinen interessiert (schmunzelt), sondern viel mehr am Lachen und daran etwas auszudrücken! Es gibt bestimmte Punkte, an denen der absolute Wille zur Emotion während des Komponierens, oder Spielens eines Stückes regelrecht zu einer Art von „Emotionswut“ heranwächst. Das Weinen kommt dann ganz automatisch. Allerdings nicht im Konzertsaal. Wenn, dann geschieht so etwas meistens zu Hause und alleine.

Welches Verhältnis haben Sie zur Einsamkeit?

Fazil Say: Ein Künstlerleben dreht sich natürlich viel um Einsamkeit. Unsereins ist oft abgeschieden, zumindest im Vergleich zu vielen anderen. Allein dem Akt des auf der Bühne Stehens haftet bereits beträchtliche Einsamkeit an. Ebenso wie dem Üben davor. Außerdem ist man ständig auf Reisen und hält sich sehr viel in Hotels, Konzertsälen, oder Flughäfen auf. Das ist ebenfalls eine einsame Angelegenheit.

Wird Ihnen das alljährliche Pensum manchmal zu viel? Zwei Drittel des Jahres auf Tournee zu sein, stelle ich mir sehr kräftezehrend vor…

Fazil Say: Nun, es ist auf jeden Fall viel!

Warum tut sich das ein Mensch an, können Sie nicht anders?

 Fazil Say: Ja, wahrscheinlich kann ich nicht anders…

Zeit, vor allem für Dinge fernab der Musik, wird bestimmt zu einem kostbaren Gut. Schaffen Sie es trotz allem Ihre Tochter Kumru oft genug beim Reiten zu bewundern?

Fazil Say: Doch schon. Es ginge zwar bestimmt noch öfter, aber können tue ich es auf jeden Fall!

Ihr Lebensmittelpunkt Istanbul ist als überfüllte, facettenreiche 16 Millionen Stadt nicht gerade ein Hort der Ruhe. Wo kommen Sie denn endlich zur Ruhe?

Fazil Say: Meine Wohnung ich glücklicherweise sehr ruhig. Obwohl sie sich in der Stadtmitte befindet, habe ich das Privileg sehr, sehr ruhig zu leben. Sogar mit einem kleinen Garten. Gerade dort ist es unheimlich idyllisch. Ich fühle mich dann wahrhaftig zu Hause und kann zur Ruhe kommen. Ohnedies bleiben wir sehr viel zu Hause, laden unsere Freunde zum Essen und Trinken ein. Wir haben Spaß am Leben.

Was verdanken Sie Ihrem ersten Lehrer Mithat Fenmen? Hat er Ihnen eine gewisse Klangsprache und -vorstellung mitgeben können?  

Fazil Say: Er war ein Pianist der alten Schule. Ein Schüler von Alfred Cortot, damals in Paris. Für ihn zählten ein sehr deutlicher Klang und wenig Pedal, sehr klassisch eben. Ich war noch jung als er gestorben ist. Sonderlich viel Poesie kann ein Kind dem Klavier zwar noch nicht entlocken, dennoch war das Improvisieren über alltägliche Motive vor den eigentlichen Lektionen wunderbar! Später kam dann vieles von alleine, und mit Hilfe anderer Lehrer. Die frühe kreative Auseinandersetzung mit dem Klavier hat mir aber sicherlich bei vielem sehr geholfen. Meinen letzten Unterricht bei Fenmen hatte ich übrigens im Alter von elf Jahren. Ich weiß es noch genau, ich habe eine Französische Suite von Bach und eine der ersten Beethoven Sonaten vorbereitet. Eine Woche darauf starb er.

Gulda sagte einmal „nicht ich, sondern es spielt“. In Ihrem Spiel wirken Sie immer äußerst entrückt, nehmen Sie Ihr Publikum dennoch bewusst wahr?

 Fazil Say: Bei mir nimmt Instinkt eine große Rolle ein. Loslassen und Kontrolle stehen in engem Wechselspiel. Für uns Menschen ist die Kraft der Musik so überbordend, es braucht oft ein innerliches über sich Hinauswachsen, um der Situation Herr zu werden. Gulda beschreibt wahrscheinlich diesen Prozess. So etwas kann man natürlich weder üben, noch erklären. Aber man kann damit arbeiten. Den Notentext stur herunterzuspielen, wäre ja viel zu langweilig. Sich der Sogwirkung von Musik hinzugeben… daran glaube ich. Mein Publikum nehme ich dennoch gut wahr!

 Haben Sie feste Rituale vor einer Aufführung?

Fazil Say: Natürlich. Jeder Mensch hat seine Rituale, seien sie noch so merkwürdig. Rituale ändern sich aber auch oftmals. In meinem Fall bin ich über die letzten zwei, drei Jahre sehr ruhig geworden. Am Tag des Konzertes baut sich kein Druck oder gar Stress auf. Als ich beispielsweise 26 war, verhielt sich das natürlich völlig anders. Da braucht es noch gewisse Rituale um an Sicherheit zu gewinnen. Wenn man jung ist, steht ein Künstler quasi noch im steten Kampf mit sich und der Welt. Man hat sich zu beweisen und die Konkurrenz ist groß. Hat man dies überstanden, stellt sich eine Zeit der Ruhe ein, in der man naturgemäß viel produktiver ist. Die Zwanghaftigkeit geht verloren, was schnellere musikalische Durchdringung zur Folge hat.

Ihre Vorliebe für Mozart haben Sie schon oft bewiesen, doch wie steht es mit Haydn, oder gar Beethoven?

Fazil Say: Beide mag ich sehr! Vor einigen Jahren habe ich Haydn eingespielt und führe nach wie vor viele seiner Sonaten auf. Momentan habe ich mich allerdings ganz Beethovens Sonaten verschrieben. Bis zum Beethovenjahr (Anm. 2020 ist Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag) will ich diese komplett aufnehmen. Das ist natürlich sehr, sehr viel Arbeit. Ich muss mehr Aufwand als für jegliche Mozart oder Haydn Sonaten betreiben. Alleine schon aus Gründen der Quantität.

 Wie viel Individualismus vertragen Ihre Eigenkompositionen. Stören Sie sich an abweichenden Interpretationen fremder Pianisten?

 Fazil Say: Niemand hat je mit den Großen Ihrer Zunft, wie beispielsweise Mozart gesprochen. Wir wissen nicht um seine tatsächlichen Klangvorstellungen, Tempi oder Gefühlsintentionen. Selbst wenn ich meine eigenen Stücke spiele, bin ich nicht immer texttreu. Vieles entwickelt sich erst im Nachhinein. Komponieren ist ein Produkt des Moments! Man entdeckt konstant Neues. Der im Augenblick der Niederschrift aufkommende Gedanke, etwas Letztgültiges geschaffen zu haben, verfliegt schnell. Komponisten wie Beethoven haben deswegen ihre alten Stücke oft gar nicht gespielt, oder immer nur die neuesten zur Aufführung gebracht. So verfahre ich auch öfters. Und wenn es darum geht wie ich empfinde, wenn andere meine Stücke abgeändert spielen… Das ist eigentlich keine große Sache. Manchmal freut es mich sogar! Natürlich gibt es auch Versionen mit denen ich ganz und gar nicht d’accord bin. Aber im Endeffekt bin ich immer dankbar für alles. Die Leute sollen interpretieren und fühlen wie sie wollen. Selbstverständlich unter der Prämisse, dass ihre Gefühle echt sind!

Ein gutes Beispiel für die musikalische Freiheit, die Sie Interpreten zugestehen, ist die Soloimprovisation für das Kanun in Ihrer Istanbul-Sinfonie…

 Fazil Say: Genau! So etwas heißt auf Türkisch Taksim. Zwischen dem 5. und 6. Satz habe ich ein Taksim eingefügt, da kann jeder machen was er will. Ich habe keine Richtung vorgegeben. Man ist völlig frei. Speziell bei Instrumenten wie dem Kanun ist normalerweise nur der Spieler selbst fähig, Notation korrekt einzusetzen. Einzig und allein sie wissen, wie man schreibt oder spielt.

Noch ein paar letzte Worte zum heutigen Konzert? Sie spielen unter anderem eigene Werke wie das „Silk Road“ Klavierkonzert, oder ein Stück über Nietzsche und Wagner…

Fazil Say: „Nietzsche und Wagner“ ist ein Auftragswerk, das ich im Rahmen der Bayreuther Festspiele komponiert habe. Es ist ein zweisätziges Stück, das sich der Beziehung von Wagner und Nietzsche und umgekehrt widmet. „Silk Road“ habe ich die letzten 20 Jahre über oft gespielt. Hier wurden Klänge der Seidenstraße vertont… Ich gebe übrigens auch ein Werk von Henryk Gorecki. Seine „Tristan Nachspiele“ werden eine Premiere für mich sein. Mal sehen, wie ich sie zum Klingen bringen werde!

Antonia Tremmel-Scheinost, 26. Februar 2018
für klassik-begeistert.at

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