CD-Besprechung:
Bomba Flamenca – Les Funerailles imaginaires de Charles Quint
La Tempête/Simon-Pierre Bestion
CD erschienen 2026 bei Alpha Classics, Bestellnummer: 3701624512166
von Dr. Andreas Ströbl
Dass Kaiser Karl V. seine eigene Begräbnisfeier penibel bis hin zu einer Durchlaufprobe geplant hatte, ist belegt. Möglicherweise ins Reich der Legende gehört allerdings das kaiserliche Probeliegen im Sarg, wenngleich die Berührungsängste der Menschen aus vergangenen Jahrhunderten gegenüber der eigenen Vergänglichkeit weitaus geringer ausgebildet waren, als es heute üblich ist.
Simon-Pierre Bestion und sein Ensemble La Tempête haben nun eine Musik zu dieser Begräbniszeremonie entworfen, und so erhebt sich in der Imagination eine sehr lebendige, meist eher lebensfrohe als traurige, schillernde Mixtur aus verschiedenen Stilrichtungen, historisch belegten Aufführungspraktiken und improvisierten Abschnitten, vor allem aber den unterschiedlichen Kulturen, die die iberische Halbinsel bis zur Reconquista in einer fruchtbaren Convivencia prägten und bereicherten.
Dieses Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen beendeten Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon endgültig; das Jahr 1492 markiert den Zeitpunkt, als Juden in Spanien unerwünscht waren und vertrieben wurden. Das königliche Paar versuchte, Orient und Okzident gewaltsam zu trennen, aber spätestens seit Goethe wissen wir, dass das nicht funktionieren kann und wird.
Ein überzeugender Beweis dafür ist, 468 Jahre nach dem Tod Karls V., diese CD, „Bomba Flamenca – Les Funerailles imaginaires de Charles Quint“.
Was man unter einer „flämischen Bombe“ zu verstehen hat, erklärt Bestion im Beiheft. Der Kaiser gründete 1515, also vier Jahre vor seinem Regierungsantritt und im Alter von 15 Jahren, in Madrid eine Kapelle, in der die seinerzeit besten Sänger und Musiker aus Flandern versammelt wurden, geleitet von ebenfalls flämischen Komponisten. Dieses Orchester war für die gesamte Liturgie am Kaiserhof zuständig. Für den Ensembleleiter ist gut vorstellbar, dass dieser Einfluss aus dem Nordosten gleichsam als musikalische Bombe einschlug und die höfische Kultur ganz entscheidend veränderte.
Trotz großer künstlerischer Freiheiten in der Zusammenstellung und reizvoller eigener Interpretationen von Klangfarben und Tempo erklingen auf der CD natürlich auch Werke, die für den kaiserlichen Funus bzw. den Beisetzungsgottesdienst fest eingeplant waren. Dazu gehören die „Missa pro defunctis“ von Pedro de Escobar (daraus das Agnus Dei an entsprechender Stelle in der Liturgie der Totenmesse) und die „Missa Mille regretz“ von Cristobal de Morales, der ein Lieblingslied Karls V. zugrunde liegt. Aus ihr stammen jeweils ein Teil des Kyrie und der Absolutio.
Aus der arabischen Tradition kommt das die Processio einleitende „Taqsim“; die Stücke „Nawa athar“ (hier in trauter Eintracht mit dem christlichen Kyrie-Teil) und „Irme kero madre a Yerushalayim“, mit dem das Offertorium beginnt, sind sephardischen Ursprungs. Die formulierte Sehnsucht der spanischen Juden nach Jerusalem verstärkt hier gleichsam noch die Klage über die Vertreibung aus Al-Andalus.
Zeit- und Lokalkolorit werden durch Schalmeien, Posaunen und Perkussionsinstrumente lebendig; es entsteht dadurch der typische La Tempête-Sound, in der aktuellen Kombination der Stücke zudem ungemein frisch und reizvoll durch das Miteinander-Reagieren der Einzelelemente in ihren charakteristischen Rhythmen und Stimmungen. In das strukturierende Gerüst der Liturgie werden die vielfältigen Formen an Ausdruck und kultureller Eigenheit harmonisch integriert. Zugleich wird eine Brücke vom Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit geschlagen, wenn beispielsweise in der Sequentia der wie ein frohes Tanzlied klingende Pilgergesang aus den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts von zwei Stücken der Renaissancekomponisten Juan del Encina und Thomas Crecquillon gerahmt wird.
Es ist wunderbar, in dieses Requiem einzutauchen, mit seinen so eigenen Klangsprachen und individuellen kulturellen Ausprägungen. Und so ist dies nicht nur eine imaginierte kaiserliche Totenmesse, sondern auch der Abgesang auf ein Miteinander der Religionen, dem durch Hybris, Angst vor dem Anderen und Machtgier ein jähes Ende bereitet wurde. Sozialromantik kann auch im Falle Karls V. nicht aufkommen, denn unter seiner Herrschaft behielt die Inquisition, die vor allem gegen getaufte Juden und Muslime sowie deren Nachkommen vorging, ihre machtvolle Position.
Karl betrieb mit Verve eine Zensur von Büchern und ließ einen Index verbotener Druckerzeugnisse erstellen. Hätte Spanien nicht durch rücksichtlose Ausbeutung der gewaltsam eroberten südamerikanischen Gebiete unfassbare Mengen an Gold und Silber ins Mutterland geschafft, wäre der kulturelle und wirtschaftliche Schaden durch die Vertreibung Andersgläubiger noch viel früher ruchbar geworden.
Umso klarer wird aber auch durch Produktionen wie diese durchweg gelungene CD, dass die einmal aus wenigstens zeitweise friedlicher Koexistenz erwachsenen Früchte ihre verbindende Kraft und die Möglichkeiten der Grenzüberwindungen immer aufs Neue strahlen und wirken lassen können. Unbedingt empfehlenswert!
Dr. Andreas Ströbl, 30. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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