Fotos: Bayreuther Festspiele 2026 Brünnhilde brennt (c) Enrico Nawrath
…eine Welturaufführung anlässlich des 150. Geburtstags der Bayreuther Festspiele
Die Welturaufführung dieses Musiktheaterstücks über und nahe an Richard Wagner ist gelungen. Und dennoch bleibt der Kopf, anders als beim Meister vom grünen Hügel, etwas unbefriedigt zurück. Das post-avantgardistische Stück ist schwierig – für die Sängerinnen und Sänger, für den Dirigenten und auch für des Publikum.
Brünnhilde brennt
konzertant im Friedrichsforum, Bayreuth
Komposition: Bernhard Lang
Libretto: Michael Sturminger
Musikalische Leitung: Jonathan Stockhammer
von Dr. med. Gerald Hofner
Es hat wenig, was die dopaminergen Zellen des Gehirns mitschwingen lassen. Und dennoch regt das Stück das Gehirn an – musikintellektuell und durch die Tiefe des Librettos. Vielleicht gut, dass es im Bayreuther Friedrichsforum lediglich konzertant uraufgeführt wurde (bevor es demnächst als komplettes Musiktheaterstück in Dortmund auf die Bühne kommt), um nicht auch noch die szenische Regie mitdenken zu müssen.
Kurz – diese Auftragsarbeit der Bayreuther Festspiele an Bernhard Lang (Musik) und Michael Sturminger (Libretto) zum 150 jährigen Bestehen dieser Festspiele erfüllt ihren Auftrag unerwartet schlüssig, wird aber dennoch kein Kassenschlager werden.
Das „musikalische Spiel mit dem Feuer“ ist eigentlich ein Spiel verschiedener Ebenen – und das sowohl im Musikalischen als auch in der Handlung des genialen Librettos. In der Handlung stehen sich die Realität einer konkreten Wagner-Opernproduktion („Oper in der Oper“) mit den Träumen und Albträumen der Darstellerin Brünnhilde gegenüber – zunächst noch scharf abgrenzbar aber zunehmend verschwommen, bis die Durchdringung von Darstellerin und Rolle zum unausweichlichen Verbrennen führt. Fast würde man sich in einer Murakami-Erzählwelt fühlen, wären da nicht die erheiternden, ästhetischen und scharfsinnigen Aphorismen, die Sturmingers Libretto wie Sternschnuppen erhellen.

„Brünnhilde, dein Los ist nicht von schlechten Eltern.“
Wohl durchdacht auch die Mehrfachbesetzung der Rollen – neben der Hauptdarstellerin Catherine Foster (Hermine/Brünnhilde) am plausibelsten die des Opernregisseurs, der parallel in der Traumwelt Richard Wagner ist, und als solcher Brünnhilde den Ring schenkt.
„Was passiert hier? Wir sind im falschen Stück.“
Auch andere Transformationen werden sprachlich betont.
„Alberich … Albe-Rich … Albe-Richard … Richard“
Damit fügt sich das Libretto ideal mit der Loop-Technik Bernhard Langs zusammen, vielleicht seinem bekanntesten Kompositionsmerkmal. Diese repetitiven Strukturen sind aus Pop, elektronischer Musik und minimal music vertraut, und bereits seit den Beatles populär. Sie betonen und treiben an, lassen das Stück aber auch unruhig wirken, weil sich die Auflösung dieses Antreibens selten einstellen will. Das betont Lang noch weiter durch die häufig harten Sprünge insbesondere für Brünnhilde – oft in Loops mehrfach wiederholt.
Auch ansonsten spielt die Post-Avantgarde-Komposition Langs in verschiedenen Sequenzen Musikepochen der letzten 150 Jahre ein, die die Wagner Festspiele überdauert haben – von der Opera Buffa über die Operette mit ihrer Walzer-Freude im ¾ Takt bis hin zu Jazz- und Big-Band-Klängen und nicht nur zum Schluss elektronischer Musik, die Brünnhilde dann eingestreut auch zum Hip-Hop-Sprechgesang zwingt. Selbst buddhistische Meditationsklänge und Pink-Floyd-Anleihen (die Marschmusik der „Wall“, „Comfortably Numb“) konnte man erahnen. Aber auch die vielen Wagnerianischen Sequenzen waren überraschend plausibel.

Dass diese schnell wechselnde Vielfalt eine Herausforderung für Dirigent und Sängerinnen und Sänger sein musste, war von Anfang an klar. Die Solistinnen und Solisten wurden vom offensiv führenden US-amerikanischen Dirigenten Jonathan Stockhammer genau wie das kleine, aber elektronisch verstärkte Orchester hervorragend geleitet. Die Präzision in diesem schwierigen Stück war erstaunlich. Lediglich die Synchronizität der drei Dramaturginnen fiel einmal kurz auseinander.
Die Sängerinnen und Sänger, alle eigentlich aus dem dramatischen Fach, konnten sich auf das Gesangliche konzentrieren, hatten sie doch kaum zu spielen.
Lediglich Catherine Foster, Morgan Moody (Alberich), Joachim Goltz (Richard Wagner/Regisseur) und Tanja Christine Kuhn (Dramaturgin/Walküre/Rheintochter) hatten auflockernde kleinere mimische oder szenische Höhepunkte.

Gesanglich wurden alle Darstellerinnen und Darsteller dem schweren Stück gerecht. Die Grande Dame Catherine Foster war Zugpferd dieser Veranstaltung und somit mit Vorschusslorbeeren bedacht. Zugleich hatte sie aber auch die schwierigsten Passagen und eine hohe Anforderung zu erfüllen – an sängerische Flexibilität weit abseits des Hochdramatischen, ihres Kerngeschäfts. Mit ihrer abgeklärten Coolness überzeugte sie auch in den ihr merkbar ungewohnten Elementen.
Wohltuend waren Wotan Mandla Mndebele (Bariton) und der Tenor Sungho Kim (Siegfried), deren Rollen etwas Ruhe und Tradition in die zerrissene Musik brachten – klangstark, wenn auch durch Mikrophone unterstützt. Dass alle trotz der hohen stimmlichen Anforderungen sichtbar Spaß an der Aufführung hatten, trug wesentlich zum Gelingen bei – auch hier angeführt von Catherine Foster.
„Ein Geschenk von Richard, weil ich immer so schön sing.“
Das Orchester aus Mitgliedern der Dortmunder Philharmoniker war klein und wirkte groß. Die einfache Stimmbesetzung wurde durch Tonabnehmer und technische Dopplungen wettgemacht. Das war wohl nötig, um ein Gegengewicht zum klassischen Synthesizer im Moog-Stil zu geben (der seinen Hauptauftritt im Abklang am Ende des Stücks hatte, als er mit Sample-Sequenzen das Orchester anführte) und zu den beiden Schlagzeugen. Kompliment an die behutsame Tontechnik, die den Charakter des orchestralen Stücks nicht aufhob, sondern eine Synthese zwischen den modernen Tönen und der klassischen Besetzung herstellen konnte. Sparsam eingesetzte Effekte wie Reverb und Hall erzeugten mitunter zusätzlich sakrale und oratoriumshafte Stimmung.

„So kann endlich alles bleiben, wie es niemals gewesen ist.“
Das Stück ist ein Leckerbissen für intellektuell aufgeschlossene Musikfans, die mehr als nur Richard Wagner entdecken und denken wollen, trotzdem Wissen zum zentralen Wagner-Zyklus haben, aber keine Angst vor zeitgenössischen Klängen. Dann ist so viel darin zu entdecken, dass ein einmaliger Besuch kaum ausreicht, um die verschachtelte Komplexität zu erfassen. Man darf gespannt sein, wie sich „Brünnhilde brennt“ szenisch in Dortmund präsentiert.
Dr. med. Gerald Hofner, 4. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wagner Open Air, Pablo Heras-Casado, Dirigent Festspielpark-Open-Air, Bayreuth, 2. August 2026
Eröffnung Bayreuther Festspiele, Beethovens Neunte Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2026