Kein Beifall für Brahms’ Requiem: So hat es sich Currentzis gewünscht  

Musikfest Bremen: Brahms’ Requiem, Teodor Currentzis, Dirigent  Dom St. Petri zu Bremen, 24. August 2026

Utopia, Teodor Currentzis © Patric Leo

Musikfest Bremen: Brahms’ Requiem

Teodor Currentzis, einer, der als Dirigent immer wieder für mancherlei Aufsehen und Bohei gesorgt hat. Das scheint diesmal nicht der Fall zu sein. Currentzis lässt vorab ansagen, Beginn und Ende der Veranstaltung mögen in Anbetracht des Ortes und der Besonderheit des Werkes stillschweigend erfolgen: ohne Beifall. Was, kaum zu glauben, tatsächlich funktioniert.

Programm:
Johannes Brahms   
Ein deutsches Requiem op. 45

Utopia Orchestra
Utopia Choir 
(Einstudierung: Vitaly Polonsky)
Iveta Simonyan   
Sopran
Matthias Winckhler   
Bariton
Teodor Currentzis   
Dirigent

Dom St. Petri zu Bremen, 24. August 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Das „deutsche Requiem“ von Johannes Brahms ist gewiss eines der beliebtesten und ergreifendsten geistlichen Chorwerke, obwohl es tatsächlich nicht wie ein „echtes“ Requiem kirchlich-liturgischen Vorgaben folgt. Uraufgeführt unter der Leitung des Komponisten (allerdings noch ohne den Satz „Ich will euch trösten“) am Karfreitag 1868 im imposanten Dom zu Bremen, haben sich inzwischen unzählige gute Chöre mehr oder weniger erfolgreich mit diesem Werk befasst.

Jetzt also, auch diesmal im Bremer Dom, Teodor Currentzis, einer, der als Dirigent immer wieder für mancherlei Aufsehen und Bohei gesorgt hat. Das scheint diesmal nicht der Fall zu sein. Currentzis lässt vorab ansagen, Beginn und Ende der Veranstaltung mögen in Anbetracht des Ortes und der Besonderheit des Werkes stillschweigend erfolgen: ohne Beifall. Was, kaum zu glauben, tatsächlich funktioniert.

Überwältigende Freude und deprimierende Wahrheiten

Die Aufstellung des Utopia Orchestras und des Utopia Choirs, von Currentzis gegründeten Ensembles, mit denen er schon etliche erfolgreiche Projekte realisiert hat, erfolgt verhalten, nahezu geräuschlos; Dirigent und Solisten erscheinen Momente später. Dann, wie aus weiter Ferne in die Stille hinein, der wie mystisch anmutende Beginn der tiefen Instrumente und ein ätherisch sanfter Chorgesang: „Selig sind, die da Leid tragen“. „Ziemlich langsam“ lautet Brahms’ Vorgabe, und so wählt Currentzis ein ausgesprochen entschleunigend wirkendes Metrum. Die durchweg jungen Stimmen intonieren glasklar, steigern sich beim „… und kommen mit Freuden“ zum schier überwältigenden Fortissimo. Bei jeder dynamischen Änderung, jedem machtvollen Aufwallen oder dem Zurückfallen in ein hauchfeines Pianissimo, agieren Chor und Orchester in perfekter Homogenität.

Utopia, Teodor Currentzis © Patric Leo

Bereits beim Eingangschor wird deutlich, dass Currentzis hier in keinerlei Weise Selbstdarstellung betreibt, sondern offensichtlich bestrebt ist, mit seiner Interpretation die universale Bedeutung der biblischen Textaussagen und deren geniale Vertonung in ganzer Tiefe auszuloten.

So auch beim zweiten Chor: Wie aus Grabestiefe heraus dröhnen eingangs dumpf die Kontrabässe und Paukenschläge, und wie bei einem Leichenbegängnis formt der Chor pianissimo die illusionslosen, zutiefst deprimierenden Worte  „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras …“. Um es indes kurz darauf in bedrohlich donnerndem Fortissimo herauszuschmettern, als sei just das Jüngste Gericht angebrochen.

Doch Brahms ging es weit mehr um Tröstung als um die theatrale Darstellung fegefeuriger Höllenqualen. Und so wendet sich die Stimmung abrupt zum triumphalen Fortissimo-Jubelgesang, mit dem der Chor samt maximaler orchestraler Unterstützung das ewig bleibende Wort des Herrn und die Freude der Erlösten besingt.

Utopia, Matthias Winckhler, Teodor Currentzis © Patric Leo
Ein Sopransolo, tröstlich wie eine liebevolle Umhüllung

Derlei starke Kontraste, allerdings durchweg ganz eng am Wortlaut des Textes orientiert, bestimmen den weiteren Verlauf. Auch seitens der solistischen Abschnitte. Bariton Matthias Winckhler präsentiert seinen Part („Herr, lehre doch mich“) ungekünstelt, aber sehr bestimmt und eindringlich mit tragfähiger, sonorer Stimme. Die abschließende, mit Emphase vorgetragene Chorsequenz „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand“ lässt Currentzis bis hin zur finalen Fermate in sportlich straff drängendem Tempo angehen.

Einen ganz besonderen unter zahlreichen emotionalen Höhepunkten erleben die atemlos lauschenden Zuhörer mit dem Sopransolo der in Nowosibirsk gebürtigen Iveta Simonyan. Dezent begleitet vom sordinierten Orchesterklang, singt die junge Sopranistin äußerst einfühlsam und ausdrucksintensiv von Traurigkeit und mütterlichem Trost; ihre ganz natürlich anmutende Gestik dazu unterstreicht die ohnehin schon zutiefst zu Herzen gehende Wirkung ihres wunderschön vorgetragenen Gesangs. Es ist wie ein liebevolles Einhüllen, ein sicherer Schutz vor aller Unbill dieser Welt. Auch vor der oft und gerne verdrängten Wahrheit „… denn wir haben hier keine bleibende Stadt“, die der Chor in Teil VI anstimmt.

Utopia, Iveta Simonyan © Patric Leo
Emotionaler Overflow beim Triumph über Hölle und Tod

Doch diese gerade geäußerte, wahrhaft bittere Realität wird gleich darauf umso stärker konterkariert von der Verwandlungs- und Auferstehungshoffnung, die, im Wechselgesang von Bariton und Chor vorgetragen, als grandiose Zukunftsvision in totenerweckend emphatischem Fortissimo enthusiastisch jauchzend verkündet wird, begleitet von dem mit unbändiger Wucht wie in gemeinsamem Aufruhr agierenden Orchester. Es ist das ultimative Triumphlied, ein emotionaler Overflow von grenzenlosem Ausmaß, das das Ende von Tod und Hölle besiegelt und mit Nachdruck hinweist auf die Würdigkeit des Schöpfers, Preis und Ehre zu nehmen.

Utopia, Teodor Currentzis © Patric Leo

Eigentlich ein grandioses Finale. Aber Brahms endet feierlich, mit der tröstlichen Gewissheit, dass „die Toten, die in dem Herren sterben“ von nun an selig seien; dass sie ruhen von ihrer Arbeit. Feinfühlig schlicht kommt dieser letzte Abschnitt in nur angedeuteten dynamischen Wechseln, um dann wie eine auslaufende Welle in einem lang gehaltenen Schlussakkord zu enden.

Derart packend wie an diesem Abend hat man Brahms’ hochromantische Komposition bislang noch kaum erleben können.

So verhalten, wie sie hereingekommen sind, verlassen die Ausführenden den Kirchenraum, dieweil die Zuhörer nach dieser ungemein ergreifenden Aufführung in tiefer Stille verharren. Doch schließlich drängt alles, weitestgehend ohne Lärm, hin zum Ausgang, zurück in die Realität.

Dr. Gerd Klingeberg, 25. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ludwig van Beethoven, Missa solemnis Dom St. Petri in Bremen, 31. Oktober 2025

Utopia Ensemble, Teodor Currentzis Philharmonie Berlin, 10. April 2025

Jean-Philippe Rameau, Castor et Pollux, Teodor Currentzis, Conductor Palais Garnier, 1. Februar 2025

Klein beleuchtet kurz 48: Teodor Currentzis und das Utopia Orchester

Utopia Orchestra Teodor Currentzis, musikalische Leitung Philharmonie Berlin, 23. Oktober 2024

3 Kommentare zu „Musikfest Bremen: Brahms’ Requiem, Teodor Currentzis, Dirigent
Dom St. Petri zu Bremen, 24. August 2026“

    1. Wenn der Applaus nach gefühlt (und vermutlich tatsächlich) zwei Minuten Stille losbricht, wie nach Mahlers Neunter unter Abbado in Luzern, dann kann das etwas ganz Besonderes sein.

      Aber die unendliche Stille zuvor … Ich spreche noch heute davon, 16 Jahre später, weil so ein kollektives Innehalten so selten und daher kostbar geworden ist. Der Maestro selbst war ergriffen und überwältigt. Man sieht es auf der DVD. Bei ARTE hat man diese wertvollen Sekunden rausgeschnitten, wenn ich mich recht entsinne.

  1. Ein sehr ergreifender Abend im Dom.
    Die Energie der Musizierenden und insbesondere des Dirigenten kam bei den Zuhörern deutlich an. Die musikalische Umsetzung dieses Requiems war vom feinsten.
    Welche Wohltat die Stille nach dem Konzert!

    Margarete Preisser

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