Salzburg: Thielemann zaubert Brahms’ Clara-Liebe aus der Ersten!

Christian Thielemann, Augustin Hadelich, Johannes Brahms  Großes Festspielhaus, Salzburg, 22. August 2026

Wiener-Philharmoniker-Thielemann © SF / Marco Borrelli

Salzburger Festspiele 2026

Trotz ein paar kleineren Schönheitsfehlern entfesselten die Wiener Philharmoniker mit Christian Thielemann am Pult die erste Symphonie von Brahms und weckten dieses Stammwerk der Klassikliteratur zu neuem Leben. Selbst das musikalisch verwöhnte Salzburger Publikum zeigte sich mit einem Applausfeuerwerk grenzenlos begeistert!

Wiener Philharmoniker
Augustin Hadelich, Violine
Christian Thielemann, Dirigent

Johannes Brahms: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77, Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68

Großes Festspielhaus, Salzburg, 22. August 2026

von Johannes Karl Fischer

Ganz so parteiisch wie beim Wiener Christian-Thielemann-Fan-Club geht es in Salzburg zwar nicht zu. Soll heißen, dessen im Musikverein übliche und sehr umstrittene Bravo-Stürme vor dem ersten Ton blieben heuer im Festspielhaus aus. Doch ließ sich der umjubelte Strauss- und Wagner-Gott davon nicht beeindrucken und setzte am Pult der Wiener Philharmoniker seine musikalische Handschrift souverän auch auf die erste Symphonie von Johannes Brahms. Nach ein paar kurzen Schönheitsfehlern zu Beginn der berühmten langsamen Einleitung ließen die Musiker den Strudel dieser Musik kraftvoll durch den Saal ziehen und verzauberten das Publikum in den siebten Klassik-Himmel. Bis in die letzten Reihen der Parterrelogen spürte man das Meer an Brahms-Melodien um sich schwärmen.

Orchester mit saftigem Brahms-Sound

Mit viel musikalischer Liebe und brillantem Brahms-Sound stürzte sich das Orchester in dieses Mammutwerk der klassischen Sinfonien. Der Chef am Pult steigerte schon den ersten Satz spannungsvoll und fast unaufhaltsam nach vorne. Sein sehr kontrastreicher Orchesterklang zünde im Laufe der Sinfonie immer mehr den Brahms-Turbo und fesselte das Publikum an die Stuhlkante. Jedes einzelne Fortissimo baute er mit Feingespür aus einem leisen, farbenfrohem Streicherklang auf und weckte das musikalische Leben dieser Sinfonie auf völlig neue Art und Weise.

Auch in den deutlich ruhigeren Mittelsätzen ließ er jede einzelne Note zu klangvollem Brahms-Zauber aufblühen, selbst den kleinsten Bläsereinsatz hatte er mit seinem sehr engagierten Dirigat sichtbar sattelfest im Griff. Einzig das Konzertmeistersolo von Volkhard Steude geriert ein ganz wenig zu eifrig, sein an sich sehr brillanter und ausdrucksvoller Klang wirkte inmitten dieser idyllischen Oboenmelodien doch ein wenig zu sperrig. Anscheinend hätte er lieber Heldenleben gespielt.

Spitzenklasse: Thielemanns Finale mit viel Clara-Liebe

Zum Highlight des Abends wurde aber das ohnehin grandios komponierte Finale, welches Christian Thielemann in eine fast frenetisch rasende Passion entfesselte. Bis zum Ende sprudelten diese Klänge mit höchster Emotion von den Instrumenten, man spürte Brahms’ sehr passionierte Gefühle für Clara Schumann hautnah ins pochende musikalische Herz eindringen. Auf diese musikalische Sensationsleistung folgte völlig verdient ein donnerndes Applausfeuerwerk, wie verwandelt verließ man das Festspielhaus in die heitere Salzburger Mittagssonne.

Hadelich segelt durch das Violinkonzert

So viel zur zweiten Konzerthälfte, vor der Pause gabs ja noch Brahms’ Violinkonzert mit Augustin Hadelich als Solist. Zwar spielte er alle haarstäuben Läufe seiner Partie atemberaubend, brillant und vortrefflich sauber, doch ließ er die musikalische Intensität und Dramatik des Konzerts insbesondere im ersten Satz ein ganz wenig auf der Strecke liegen. Sein edler klang strahlte sonnenhell durch die Ränge, doch klang das Werk insgesamt eher luftig und locker. Als würde stets ein Mozart-Lüftchen durch diesen Satz wehen, vielleicht auch einfach der Geist dieser Stadt?

Frenetischer Beifall für alle Beteiligten

Umso eindrucksvoller blühte dann die musikalische Magie der letzten beiden Sätze auf, insbesondere im Finale ließ Augustin Hadelich die Melodien mit Freude über die Bühne tanzen. Auch das Orchester mischte sich wunderbar in den strahlenden Klang der Solostimme und ließ dem Solisten mehr als genug Platz um seine Melodien zu entfalten. Zurecht gab es auch für diese Konzerthälfte äußerst begeisterten Applaus, das war immer noch eine mehr als exzellente Aufführung. Nur zeigte Christian Thielemann eine halbe Stunde später eben, wie man diese Musik noch berührender, noch mitreißender spielen kann.

Eine Sache kann ich leider nicht unkommentiert lassen: Während der gesamten Aufführung waren immer wieder mehrere brummende, elektronische Geräusche wahrnehmbar, als würde man einen Roboterarm in eine andere Position verschieben. Könnte das Kamerateam vom ORF das nächste Mal ihre Gerätschaft während des Konzerts bitte stillhalten? Vor allem an den sehr zahlreichen langsamen Stellen störte das doch sehr.

Johannes Karl Fischer, 22. August 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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