Klein beleuchtet kurz 76: Der Liebestrank im Teatro alla Scala macht  richtig Laune

Klein beleuchtet kurz 76, Der Liebestrank  Teatro alla Scala, Milano, 14. September 2026

Bühnenszene aus L`Elisir d`Amore;
Foto Brescia – Amisano © Teatro alla Scala

Eine neue Scala Produktion von Donizettis L`Elisir d`Amore verabschiedet sich von der traditionellen Produktion eines Franco Zeffirelli und setzt statt auf prunkvoll ausgestatteter historischer Bauernkomödie auf eine junge, frische, gefühlsbetonte und  farbenfrohe Inszenierung, bei der die Scala ihre eigene Akademie und die nächste Generation von Künstlern in den Mittelpunkt stellt.

von Patrik Klein

Da verweilt man nur wenige Kilometer weiter nördlich am Lago di Como in seinem Urlaubsdomizil, hat den Geburts-, Wirkungs-, und Grabesort Gaetano Donizettis Bergamo besucht, hat sein Geburtshaus staunend betrachtet, seine Originalpartituren im örtlichen Donizettimuseum bestaunt, an seinem Grabmal in der Basilica di Santa Maria Maggiore still und stumm die Gedanken schweifen lassen und schließlich das Teatro Gaetano Donizetti in der Unterstadt Bergamos besucht. Kopfschüttelnd musste man feststellen, dass neben dem im November stattfindenden Donizetti Festival mit drei Produktionen des Meisters in der kommenden Saison nur! vier Opernaufführungen Puccinis und Verdis auf dem Plan stehen. Insgesamt also sieben Abende mit musikalischen Werken in einem wunderschönen Haus, das fast 1200 Besucher fasst.

Wird uns dieser kulturelle Kahlschlag in Deutschland bei weiterem Sparkurs der Kommunen und dem Erstarken der rechtsextremen  politischen Kräfte auch irgendwann blühen?

 Szene aus dem ersten Akt; Foto Teatro alla Scala

Der Besuch im Teatro alla Scala erschien folgerichtig und machte richtig Laune. Der aufmerksame Zuschauer und Zuhörer konnte eine frische, umwerfende und klar verständliche Neuinszenierung erleben, die Donizettis Komik nicht konterkarierte und gleichzeitig die erzählte Lovestory ernst nahm.

In dieser neuen Inszenierung gelang es der Regisseurin Maria Mauti, die Oper nicht als eindimensionale historische Bauernkomödie zu sehen, sondern die gefühlsbetonte und sentimentale Seite der Geschichte in den Fokus zu stellen. Passend dazu wurde die Einführung zur Premiere an der Scala ausdrücklich unter dem Titel „Una commedia sentimentale“ angekündigt.

Das Bühnenbild von Marco Rossi bestand im ersten Akt aus einem weiten Getreidefeld, das fast den gesamten Bühnenraum einnahm. Man hatte den Eindruck, dass die Geschichte statt im italienischen Dorfmilieu im amerikanischen wilden Westen mit Prärie, Jeans, Latzhosen und weitem Horizont spielte. Im zweiten Akt war dann die Ernte geschehen und die Handlung spielte auf nacktem Acker.

Um den Fortgang der Liebesgeschichte visuell zu begleiten, führte die Lichtregie von Peter Van Praet zu zeitlichen Veränderungen des Himmels vom hellen Mittag über den Sonnenuntergang bis zur Nacht und zum Morgengrauen.

Die Regie ließ gelegentlich Licht in den Zuschauerraum fallen, um zu pointieren, dass man im Theater sitzt und die Grenzen zwischen Bühne und Publikum nicht völlig geschlossen sind. Da tauchte Dulcamara im Orchestergraben auf, klopfte dem Maestro am Pult auf die Schultern und begann seine Aktivitäten auf der Bühne. Auch der Chor bekam eine gewisse spielerische, fast kommentierende Funktion. Lebendiges Theater löste Rampensingen in statischen Bildern angenehm ab.

In der Choreografie von Stefania Ballone erschien der Chor bei „Quanto è bella, quanto è cara“ äußerst beweglich in seiner Erscheinung. Auch im zweiten Akt gab es eine ausgesprochen spielerische Szene um den Ritualbaum  „Palo della cuccagna“ mit bunten Bändern und ansprechender Choreografie.

Ensemble beim Schlussapplaus; Foto Patrik Klein

Musikalisch war der Abend mehr als beachtlich. Die gesamte Sängerbesetzung stammte aus der Akademie „Lyric Opera Soloists der Accademia Teatro alla Scala“. Vergleichbar mit Hamburgs Opernstudio bekamen junge Hoffnungen für die Zukunft eine Chance sich zu bewähren.

Die junge italienische Sopranistin Sabrina Sanza gab eine Adina mit hervorragender  Belcantotechnik, flexibler Stimmführung, getragenem Legato und darstellerischer Intelligenz. Besonders bei „Il mio rigor dimentica“ wirkten die Läufe und Verzierungen exakt und nahezu mühelos. Auch die Spitzentöne gelangen ihr ohne Druck und vor Allem ohne Schärfe.

Die scheinbar einfache, tatsächlich aber sehr anspruchsvolle Tenorpartie des Nemorino lag in den Händen des jungen Chilenen Cristobal Campos Marin. Mit seinem warmen und lyrischen Timbre unterstrich er die Eigenschaften des etwas unbeholfenen, verliebten Jünglings. Beim berühmten „Una furtiva lagrima“ wirkten die Phrasen wie ein einziger Atembogen. Seine freien, mühelosen Spitzentöne gelangen ihm offen und natürlich, er wirkte rührend, aber nicht kitschig.

Dem Belcore des Geunhwa Lee gelang eine anmutende Mischung aus stimmlicher Autorität und komödiantischer Selbstsicherheit. Mit fein punktierten Rhythmen, präzisen Akzenten sowie einer energischen Phrasierung konnte der junge Bariton beim Publikum punkten.

Besonders hervorzuheben war der Dulcamara des Misha Kiria. Er hatte früher selbst zur Scala-Akademie gehört und verfügt inzwischen über internationale Bühnenerfahrung. Sein Dulcamara war komisch und ausgesprochen theatralisch, ohne in Klamauk oder Karikatur abzugleiten. Souverän meisterte er die Partie mit kräftigem, tragfähigem Bass beweglich und mit klarer Artikulation. Seine Legatolinien auch in den komischen Passagen waren feinst gesungen und kaum deklamiert. Die Koloraturen in den schnellen Passagen wirkten präzise und leicht. In seiner großen Arie „Udite, udite, o rustici“ chargierte er von zunächst seriös und überzeugend zu immer selbstbewusster und grotesker, während dem die Stimme technisch vollkommen unter Kontrolle blieb.

Die Akustik in der obersten Galerie ist umwerfend; Foto Patrik Klein

Der Dirigent Marco Alibrando gab mit dieser Produktion sein Scala-Debüt. Sein Dirigat war  klar, transparent und sehr präzise. Er interpretierte die Partitur nicht einfach als durchgehende Klamauk-Komödie, sondern ließ bereits in der Ouvertüre erahnen, dass er die etwas dunklere und melancholische Seite von Donizettis Musik bevorzugt. Solisten, Chor und Orchester verschmolzen zu einer Einheit musikalischer Noblesse und ließen die Herzen der Zuhörer höher schlagen.

Das Publikum im restlos ausverkauften Haus spendete Riesenapplaus und hatte Spaß am Geschehen, genau wie der Rezensent dieser Zeilen, der die unglaublich feine Akustik auf der oberen Galerie und die hochklassige Aufführung mit Freude genoss.

Programm des Abends; Foto Patrik Klein

Teatro alla Scala di Milano, 14. September 2026

Gaetano Donizetti – L`Elisir d`Amore

Musikalische Leitung: Marco Alibrando
Regie: Maria Mauti
Bühne: Marco Rossi
Kostüme: Nicoletta Ceccolini
Licht: Peter van Praet
Choreografie: Stefania Ballone

Adina: Sabrina Sanza
Nemorino: Cristobal Campos Marin
Belcore: Geunhwa Lee
Dr. Dulcamara: Misha Kiria
Giannetta: Aigerim Altynbek
Chor und Orchester der Accademia della Scala di Milano

Klassik-begeistert-Autor Patrik Klein

klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg erlebt hat, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!

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