Eine exzellente Sängerriege und Alexander Soddy am Pult machen aus der Walküre ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse. Die kluge Regie von David McVicar überzeugt durch sensible Personenführung.
Richard Wagner
Die Walküre. Der Ring des Nibelungen, erster Tag.
David McVicar, Regie
David McVicar und Hannah Postlethwaite, Bühnenbild
Emma Kingsbury, Kostüme
S. Katy Tucker, Videoprojektion
David Finn, Licht
Gareth Mole, Choreographie
David Butt Philip, Siegmund
Günter Groissböck, Hunding
Vida Miknevičiūtė, Sieglinde
Michael Volle, Wotan
Camilla Nylund, Brünnhilde
Okka von der Damerau, Fricka
Orchestra del Teatro alla Scala
Alexander Soddy, Dirigent
Teatro alla Scala, Mailand, 3. März 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Eine ganz und gar unheile Welt zeigt sich, wenn der Vorhang in der Mailänder Scala sich hebt. Die Inszenierung der Walküre stammt aus dem Jahr 2024 und wird heuer zum ersten Mal im Rahmen des kompletten Ring-Zyklus gezeigt.
Unrecht und Gewalt herrschen unter den Menschen, drastisch verkörpert durch den brutalen Stammeshäuptling Hunding. Günter Groissböck gibt ihn darstellerisch außerordentlich beeindruckend, stimmlich etwas uneben.
Das Leiden der misshandelten, missbrauchten Sieglinde macht Vida Miknevičiūtė in Darstellung und Gesang eindrücklich klar. Sie wird durch die rasch aufflammende Liebe zum Außenseiter Siegmund erlöst.
David Butt Philip spielt und singt ihn mit großem Einsatz und schöner Diktion, die vor allem die lyrischen Stellen in voller Schönheit erblühen lässt. Die Macht von Wagners Musik, unterstützt von der Personenführung des Regisseurs, macht die schicksalsträchtige Liebe der beiden so zwingend, so unaufhaltsam, dass die Erkenntnis, dass sie Geschwister sind, nicht im geringsten beirrt. Um Roger Scruton zu zitieren: “Wenn es so etwas wie die ästhetische Widerlegung eines moralischen Anspruchs gibt, dann ist es dieser erste Aufzug der Walküre.”
Alexander Soddy am Pult führt das Orchester der Scala zu einer höchst respektablen Leistung.
Vom Gewittersturm zu Beginn bis zu den orchestralen Eruptionen des Aktschlusses zieht er alle emotionalen Register, deren das Orchester fähig ist. Kleinere Eigenheiten in der Artikulation, wie das auffallende Vibrato der Holzbläser, überhört man da gerne.
Im zweiten Akt tritt uns in der Gestalt von Michael Volle ein Wotan der Extraklasse entgegen. Sein mächtiges fortissimo wie sein zartestes piano erfüllen alle Wünsche, die man in puncto dramatischer Ausdruckskraft und Textverständlichkeit an einen Sänger richten kann. Große Beweglichkeit auf der Szene ist nicht seine Sache; umsomehr imponiert er durch majestätische Erscheinung.

Die folgende Todesverkündigung zeigt uns die Menschwerdung der Walküre Brünnhilde. Die Paroxysmen der von Schuld geplagten Sieglinde, die liebevolle Sorge Siegmunds um Schwester und Geliebte, die schicksalhafte Auflehnung Brünnhildes werden durch die Kunst von Vida Miknevičiūtė, David Butt Philip und Camilla Nylund zu der Schlüsselszene erhoben, auf der die gesamte weitere Entwicklung der Tetralogie beruht.
In diesem zweiten Aufzug lohnt es sich ganz besonders, gelegentlich die Augen zu schließen und sich auf die innere Handlung, die motivische Arbeit zu konzentrieren, die Soddy mit dem Orchester sorgfältig und inspiriert zum Leben erweckt.

Der Walkürenritt zu Beginn des dritten Aufzugs wird durch das Bühnenbild von Hannah Postlethwaite/David McVicar und die fabelhaften Kostüme von Emma Kingsbury zum aufregenden visuellen Erlebnis neben der barbarisch einprägsamen Musik.
Der Felsen ist ein liegender Kopf, die Walküren tragen Punkfrisuren, und Athleten auf federnden Stelzen zeigen ein Ballett der Rösser, choreographiert von Gareth Mole.

Im langen Zwiegespräch zwischen Wotan und seiner abtrünnigen Tochter zeigen Volle und Nylund noch einmal ihre herausragende Kunst der Charakterisierung, des stimmlichen Ausdrucks widerstrebender und wechselnder Gefühle. Unterstützt durch die subtile Personenführung des Regisseurs wird Wotans Abschied eine überwältigende Szene, in der Soddy das Orchester zu einem wahren Klangrausch animiert.
Ohrenbetäubender Jubel braust durch die Scala, nachdem der Vorhang gefallen ist.
Hunding, Fricka und Siegmund haben sich schon nach dem zweiten Aufzug verabschiedet, und so gilt der Beifall gleichermaßen Wotan, Sieglinde, Brünnhilde und dem Dirigenten. Auch das Orchester wird lautstark gefeiert.
Ein großartiger Abend, der auf einen ebenso gelungenen Siegfried hoffen lässt.
Dr. Rudi Frühwirth, 4. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Die Walküre (1870) Staatsoper Unter den Linden, 7. Oktober 2025
Analyse: Wagners „Ritt der Walküren“ klassik-begeistert.de, 15. Juli 2025
Richard Wagner, Die Walküre Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2025