© Diana Hillesheim
Die Frankfurter Konzertbesucher feiern ihren ehemaligen Generalmusikdirektor für eine echte Sternstunde, die noch lange in der Musikstadt in Erinnerung bleiben wird.
Ludwig van Beethoven Violinkonzert D-Dur op. 61
Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27
Daniel Lozakovich, Violine
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Sebastian Weigle, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 8. Juni 2026
von Dirk Schauß
Als Sebastian Weigle nach drei Jahren der Abstinenz wieder das Podium der Alten Oper Frankfurt betritt, geht eine spürbare Erwartung durch den Großen Saal. Weigle, der über anderthalb Jahrzehnte die musikalischen Geschicke der Stadt so entscheidend geprägt hat, kehrt zum Saisonausklang der Museumskonzerte zurück. Man spürt es sofort: Was an diesem Abend geschieht, ist weit mehr als ein Konzert. Es ist ein Fest der Emotionen, eine wahrhaftige Liebesbeziehung zwischen Dirigent und Orchester, die mit pulsierendem Leben gefüllt wird.
Weigle dirigiert an diesem Abend mit einer Hingabe und Leidenschaft, die einen beinahe atemlos macht. Er wirkt befreiter, gelöster vom schweren Alltag des Opernbetriebs. Seine Gestik ist raumgreifender, offensiver und von einer intensiven mimischen Expressivität getragen, die jeden einzelnen Takt mit neuer, tiefer Bedeutung auflädt. Zuweilen erinnert sein Gestus an einen werbenden Verliebten: voller Zärtlichkeit, Dringlichkeit und leidenschaftlicher Überzeugungskraft.
Das Orchester antwortet ihm wie eine Geliebte, die sich vollkommen hingegeben hat. Der Klangkörper agiert an diesem Abend wie ein einziges, atmendes Instrument – mit einer Einheit und Sensibilität, die selten zu erleben ist. Jeder Wunsch Weigles wird nicht nur erfüllt, sondern mit spürbarer Freude und Liebe zum Klang umgesetzt.
Den Auftakt bildet Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61. Zu erleben als Solist ist der junge Virtuose Daniel Lozakovich, in Frankfurt längst ein Publikumsliebling. Der erst 25-Jährige spielt das Werk mit einer hinreißenden Mischung aus edler Reife und Delikatesse. Sein Ton ist von betörender Wärme und Schönheit, die Artikulation kristallklar und von großer innerer Empfindung.

Lozakovich begreift den monumentalen Kopfsatz als ein tiefschürfendes, intimes Gespräch mit den Musikern. Seine makellose Technik dient einzig der Musik. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche der Klassik entfaltet er eine packende, feurig pulsierende Energie. Das Orchester unter Weigle bereitet ihm ein wahrhaft royales, saftiges und heroisches Fundament, bei gleichzeitig vorzüglicher Balance. Die Interpretation atmet romantische Freiheit: deutliche Kontraste, ein Larghetto, das sich bis an den Rand des völligen Stillstands zurücknimmt, und ein finales Rondo voller tänzerischer Leichtigkeit und unbändigen Schwungs. Mit einer innigen Bach-Zugabe besänftigt Lozakovich die erhitzten Gemüter – ein sakraler Moment der Stille und Schönheit.
Nach der Pause wird der Abend endgültig zum hochemotionalen Gefühlsbad. Sergej Rachmaninows zweite Sinfonie e-Moll op. 27 liegt Weigle besonders am Herzen – und das hört man. Der Dirigent widersteht jeder Versuchung, das monumentale Werk zu beschneiden, und zelebriert es in voller, ungekürzter Pracht mit allen Wiederholungen. Wer hier nur spätes romantisches Schmelzen erwartet, wird überrascht: Weigle gestaltet mit großer Freiheit, nutzt die Wiederholungen für dramatische Steigerungen, variiert Tempi und Dynamik mit inspirierter Kühnheit und lässt jede Verästlung der Partitur minutiös aufleuchten. Die zahllosen Rubati und plötzlichen Beschleunigungen wirken organisch, ja zwingend – geboren aus einer tiefen Liebe zur Musik und zum Orchester.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester wächst in diesem russischen Klangkosmos zu wahrhaft großer Form. Die Streicher weben einen dichten, edlen und samtigen Klangteppich, auf dem sich die Holzbläser mit hinreißender Sangeskunst entfalten. Das Adagio wird zu einem wahren Fest der Solisten: Die Klarinette singt ihre unendlich lange Melodie mit einer Hingabe, die zu Tränen rührt, gefolgt von einem berührenden, zarten Dialog zwischen Oboe und Englischhorn.
Weigle meidet jede Gefahr des Süßlichen und setzt stattdessen auf ein nobles, tief erzählendes Pathos, das Ekstase und Charakterkraft wunderbar verbindet. Die russischen Seelenlandschaften werden mit großer plastischer Kraft hörbar. Zuvor im Scherzo und im triumphalen Finale explodiert dann die volle, akkordische Lebensfreude – das Schlagzeug setzt mit umwerfender Präzision Akzente, und der Abend mündet in einen wahren rauschhaften Hörerlebnis. Das Auditorium zeigt sich hingerissen.
Am Ende blickt man in ein Meer glücklicher, bewegter Gesichter – auf dem Podium wie im Publikum. Das Orchester applaudiert Weigle stark, der mit einem Herzsymbol, das er mit beiden Händen formt, antwortet.
Die Frankfurter Konzertbesucher feiern ihren ehemaligen Generalmusikdirektor für eine echte Sternstunde, die noch lange in der Musikstadt in Erinnerung bleiben wird.
Dirk Schauß, 9. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Concertgebouworkest, Klaus Mäkelä, Daniel Lozakovich Baden-Baden, Festspielhaus, 1. April 2026
Wiener Symphoniker, Jan Lisiecki, Sebastian Weigle, Wiener Konzerthaus