CD-Besprechung:
Für alle jene, die neugierig auf abseitigeres Repertoire sind: Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker haben alle Sinfonien des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů eingespielt. Großartige Musik auf drei CDs!
Bohuslav Martinů (1890-1959) – Sinfonien Nr. 1-6
Bamberger Symphoniker
Jakub Hrůša, Dirigent
Deutsche Grammophon, DG 486 7810
von Brian Cooper
Der tschechische Dirigent Jakub Hrůša, Jahrgang 1981, ist Music Director am Royal Opera House, designierter Chefdirigent und Musikdirektor der Tschechischen Philharmonie (ab der Spielzeit 2028/29), und auch seit nunmehr zehn Jahren Chefdirigent der Bamberger Symphoniker.
Mit diesem Orchester hat er nun für die Deutsche Grammophon alle sechs Sinfonien seines Landmanns Bohuslav Martinů eingespielt, allesamt im wunderbaren Joseph-Keilberth-Saal der Bamberger Konzerthalle. Hrůša ist bekannt dafür, immer wieder selten gespielte Werke tschechischer Komponisten wie Antonín Dvořák und eben Martinů aufs Programm zu setzen, und das völlig zu Recht: Es gibt eben mehr als nur Dvořáks Neunte, so schön sie auch ist. Jakub Hrůša ist allein deshalb zu danken, dass er uns auch mit abseitigerem Repertoire konfrontiert und beglückt.
Martinůs Sinfonien 1 und 2 wurden bereits im Dezember 2023 in Bamberg aufgeführt und aufgenommen, die Dritte im Oktober des folgenden Jahres, und die weiteren drei im Jahr 2025. Im Februar 2025 hatte auch das Kölner Publikum Gelegenheit, die Fünfte zu hören.
Alle sechs Sinfonien wurden in den USA geschrieben. Die Sinfonien 1-4 entstanden während des zweiten Weltkriegs, und schon der düstere dritte Satz der Ersten – ein Auftrag von Serge Koussevitzky – beeindruckt sofort durch eine betörend dichte Atmosphäre, die der Dirigent dem Orchester entlockt. Das Massaker von Lidice, dem der Komponist auch ein separates Werk gewidmet hat, war nur ein paar Wochen vorher verübt worden und schwingt möglicherweise auch in diesem 1942 komponierten Werk mit. Der ungemein dichte Streicherklang beeindruckt, der große Klavierpart ist in der gesamten Sinfonie prominent.
Die eher heitere Zweite ist mit etwa 25 Minuten Spieldauer die kürzeste der sechs Sinfonien, wurde im Sommer 1943 in Connecticut komponiert und im Oktober desselben Jahres vom Cleveland Orchestra unter Erich Leinsdorf uraufgeführt: Vier in Cleveland ansässige Exiltschechen hatten sie in Auftrag gegeben. Sie dürften über die vom Barock inspirierte reduzierte Form und den lyrischen langsamen Satz sehr glücklich gewesen sein. Der Finalsatz ist pure Lebensfreude, was angesichts des Kompositionsjahrs ein wenig paradox anmutet.
Schon ein Jahr später schrieb Martinů seine wesentlich komplexer und dramatischer daherkommende dreisätzige Dritte, die diesmal kein Auftragswerk war und dem Boston Symphony Orchestra und dessen Chefdirigenten Serge Koussevitzky gewidmet ist. In dieser womöglich „sperrigsten“ aller sechs Sinfonien fesselt insbesondere das unerbittlich voranschreitende Drängen im Largo.
Die in Konzertprogrammen ab und zu – selten genug! – auftauchende Vierte entstand im Frühjahr 1945. Martinů beendete sie gut einen Monat nach Kriegsende. Auch sie ist beim ersten Hören nicht so zugänglich wie die ersten beiden Sinfonien, aber ein gewisser Optimismus ist durchaus zu hören.
Die Fünfte ist der Tschechischen Philharmonie gewidmet, die das Werk 1947 beim Prager Frühling uraufführte. Ein wenig Copland flattert vorbei, und das schrieb ich, ohne meine eigene Rezension – oben verlinkt – im Kopf zu haben, in der ich Aaron Copland erwähne. Das Klavier ist wieder prominent. Der dritte Satz, wieder ein Largo, wird unglaublich intensiv, souverän und absolut fesselnd musiziert.
Was für ein tolles Orchester sind doch die Bamberger. Auch die Sechste steht den Vorgängern in nichts nach. Wie die Dritte und die Fünfte ist sie dreisätzig, sie hat eine ganz eigene Tonsprache und trägt den Beinamen Fantaisies symphoniques. „Ein Werk ohne Form“, schrieb Martinů: „Und doch hält sie [die Sechste] etwas zusammen, ich weiß nicht, was, aber es hat eine einzige Linie, und ich habe etwas in ihm ausgedrückt.“
Die Sechste entstand in den Jahren 1951-1953. Zwischen 1942 und 1946 hatte der Komponist seine ersten fünf Sinfonien zu Papier gebracht, für diese Sechste ließ er sich mehr Zeit. Die Bamberger Symphoniker verleihen dem Werk unter Jakub Hrůša eine drängende Intensität.
Es sind vor allem tschechische Dirigenten wie Václav Neumann und Jiří Bělohlávek, die von diesen Sinfonien beeindruckende Zyklen vorgelegt und sich immer wieder für diese Werke eingesetzt haben. Diese neue Einspielung Jakub Hrůšas ist jedoch nichts weniger eine audiophile Referenzaufnahme. Es ist eine wahre Freude, diesen sinfonischen Zyklus in Gänze zu entdecken. Děkuji!
Brian Cooper, 9. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD/Blu-ray Rezension: Bohuslav Martinů, The Greek Passion klassik-begeistert.de, 18. August 2024
Schweitzers Klassikwelt 10: Wo Bohuslav Martinů seine Kindheit verbrachte
Wiener Philharmoniker, Dirigent Jakub Hrůša Wiener Konzerthaus, 11. Dezember 2025
Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, Dirigent Kölner Philharmonie, 23. November 2025