MASANIELLO - Als der Komponist Michele Carafa aus dem Schatten Rossinis heraustreten wollte

Michele CARAFA MASANIELLO ou LE PÊCHEUR NAPOLITAIN  klassik-begeistert.de, 18. August 2026

 

CD-Besprechung:

Eine neuerliche CD-Aufnahme erschienen beim Label Naxos bestätigt die großen Verdienste des Rossini Opera Festival in Bad Wildbad bei der Entdeckung der Musik von Gioachino Rossini und seinen Zeitgenossen. Diesmal ist es das historische Drama MASANIELLO ou LE PÊCHEUR NAPOLITAIN (Der neapolitanische Fischer) von Michele Carafa, Freund und Wegbegleiter des Komponisten aus Pesaro, das erstmals auf CD erscheint. Hierzu wurde das Konzert in Bad Wildbad im Jahre 2024 mitgeschnitten.

Michele CARAFA (1787-1872)
MASANIELLO ou LE PÊCHEUR NAPOLITAIN
Historisches Drama in vier Akten

Dirigent: Nicola Pascoli
Krakow Philharmonic Chorus
Krakow Philharmonic Orchestra

 Naxos 8.660614-15

von Jean-Nico Schambourg

Das Rossini Opera Festival in Bad Wildbad hat in seiner diesjährigen Edition SÉMIRAMIS, die französische Version von Rossinis SEMIRAMIDE aufgeführt. Der große Maestro hatte damals seinen Freund und langjährigen Wegbegleiter Michele Carafa mit der Adaptation beauftragt und später sogar zu dessen Gunsten auf die Tantiemen verzichtet. Schon bei vorhergehenden Rossini-Opern stammte manche Note aus der Feder von Carafa.

Mit eigenen Werken hatte Carafa weniger Glück. Mit seiner GABRIELLA DI VERGI hatte er 1816  in Neapel sich erfolgreich gegen Rossinis ELISABETTA, REGINA D’INGHILTERRA durchgesetzt und die Wertschätzung und Freundschaft des Komponisten aus Pesaro erlangt. Er wurde aber oft nur als Nachahmer Rossinis angesehen.

Für die Pariser Opéra-comique, bei der er einige Jahre unter Vertrag stand, schrieb er einige Opern ganz im Sinne des italienischen Bel Canto der damals in Paris total “en vogue” war. Am 27. Dezember 1827 löste er sich von diesem Stil und feierte an der Salle Feydeau der Pariser Opéra-comique mit der Uraufführung seiner Oper MASANIELLO einen Triumph, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Am 29. Februar 1828 brachte die Opéra in Paris die Oper LA MUETTE DE PORTICI des französischen Komponisten Daniel-François-Esprit Auber auf dieselbe Geschichte heraus. Die Zeit der Grand Opéra war damit eingeläutet und Carafas historisches Drama verlor an Anziehungskraft.

Die Oper erzählt den Aufstieg und Fall des neapolitanischen Fischers Masaniello, der zuerst vom Volk als Führer gegen die spanische Okkupation erkoren wird, schlussendlich aber dem Wahn verfällt und von seinen Landsleuten erschossen wird.

Mit MASANIELLO hat sich Carafa vom Bel Canto eines Rossini abgewendet, um sich dem Stile der französischen “opéra comique” zuzuwenden. Die Gesanglinien sind wenig verziert, die Melodien haben teilweise volkstümlichen Charakter, wie zum Beispiel Masaniellos Barcarolle “Le ciel n’a plus d’étoiles”.

“À la Rossini” sind allerdings die Finali der verschiedenen Akten komponiert, wo Carafa jeweils die Musik zum dramatischen Höhepunkt vorantreibt. So trägt das Finale des ersten Aktes Züge der Marseillaise, der französischen Nationalhymne.

In seiner Edition von 2024 würdigte das Rossini Opera Festival in Bad Wildbad Michele Carafa mit der konzertanten Aufführung von MASANIELLO. Die Aufführung wurde vom Label Naxos mitgeschnitten und ist in diesen Tagen auf CD erschienen. Sie unterstreicht die großen Verdienste der Verantwortlichen des Festivals in Bad Wildbad bei der Entdeckung der Musik von Gioachino Rossini und seinen Zeitgenossen.

Wenn die CD jetzt meine damalige Auffassung größtenteils bestätigt, so muss ich doch einige meiner Kritikpunkte relativieren. Zwei wichtige Faktoren kommen der CD-Aufnahme gegenüber dem Live-Ereignis zugute.

Da ist zuerst das allgemeine Klangbild, das sich auf der Aufnahme gegenüber der Live-Aufführung deutlich verbessert hat. Die Techniker haben das Gleichgewicht zwischen Graben und Bühne hergestellt, das in der Akustik der Trinkhalle wegen der unglücklichen Disposition Bühne/Orchester abging.

Auch das Weglassen der gesprochenen Dialoge auf dieser CD-Aufnahme ist positiv anzumerken. Außer bei Catherine Trottmann in der Rolle der Léona und Nathanaël Tavernier in derjenigen des Ruffino waren die Dialoge der übrigen Interpreten für Zuhörer mit französischen Sprachkenntnissen eine ziemliche Zumutung.

In der Titelrolle profitiert Mert Süngü enorm von der Aufnahmetechnik, da er im Gegenteil zur Wahrnehmung im Saale der Trinkhalle, problemlos auch in Ensembles zu hören ist. Mit heldischem Klang setzt er sich in allen Szenen problemlos durch. Die Barcarolle singt er dagegen mit viel Gefühl ganz im Stil der “opéra comique”. Beim Singen fallen seine Probleme mit der französischen Aussprache nicht ins Gewicht, ganz im Gegenteil zum gesprochenen Text an dem Abend der Aufführung.

Die Aufnahme bestätigt den guten Eindruck den ich von Catherine Trottmann als Léona hatte: Sie präsentiert eine gut geführte und sichere Sopranstimme. Ebenso bestätigt Nathanaël Tavernier meine damalige positive Wahrnehmung, auch wenn sein Bass live mir noch klangvoller in Erinnerung war. In weiteren Rollen hört man u. a. Luis Magallanes als Graf von Torellas, Juan José Medina als Masaniellos Bruder Matteo, Camilla Carol Farias als dessen Frau Thérésia. Auch sie kommen auf der Aufnahme besser über das Orchester hinweg.

Orchester und Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau werden mit viel Schwung und Dynamik geleitet von Nicola Pascoli.

Schlussendlich bleibe ich aber bei meiner Bewertung von 2024: Eine interessante Wiederentdeckung eines Komponisten und seines Werks, das allerdings nicht ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Die Aufnahme auf CD ergibt eine schöne Erinnerung an einen Opernabend geprägt von kultivierter Langeweile.

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