Schlussapplaus mit allen Beteiligten, Foto Jean-Nico Schambourg
Mit einer konzertanten Aufführung präsentiert das Théâtre des Champs-Élysées in Paris ROMA von Jules Massenet, die letzte Oper die zu Lebenszeiten des Komponisten aufgeführt wurde. In diesem Werk wird Rom durch die Opferung der Vestalin Fausta vor dem Untergang gerettet. Ob dies auch für die Oper von Massenet möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Nichtsdestoweniger erlebt der Zuhörer einen musikalisch spannenden Abend mit einer exzellenten Besetzung, die des französischen Idioms und Gesangstils total mächtig ist.
Paris, Théâtre des Champs-Élysées, 28. September 2026
Jules Massenet (1842-1912)
ROMA
Tragische Oper in fünf Akten (Libretto von Henri Cain nach einem Roman von Alexandre Parodi)
Musikalische Leitung: Diego Ceretta
Konzertante Aufführung
Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo
Choeur de Radio France (Leitung: Lionel Sow)
von Jean-Nico Schambourg
Kurz zur Handlung dieser unbekannten Oper:
Die Römer wurden von Hannibal, der vor den Toren Roms steht, vernichtend geschlagen. Als Einziger hat Lentulus überlebt. Schnell ist eine Schuldige für die Niederlage gefunden: Die Vestalin Fausta hat während ihres Treffens mit ihrem Geliebten Lentulus das ewige Feuer der Göttin Vesta erlöschen lassen und somit deren Unmut auf das römische Volk heraufbeschworen. Ihr Pflegevater Senator Fabius Maximus muss sie zum Tode verurteilen.
Lentulus überredet Fausta mit ihm zu fliehen. Dies geschieht mithilfe des gallischen Sklaven Vestapor, der damit den Sieg Hannibals über Rom unterstützen will. Fausta, gequält von Gewissensbissen kehrt aber nach Rom zurück und unterwirft sich dem Todesurteil, das vom Pontifex Lucius ausgesprochen wird. Trotz des Flehens ihrer blinden Großmutter Posthumia soll sie lebendig begraben werden.
Um seiner Tochter die Todesqualen zu ersparen, übergibt Fabius heimlich Posthumia ein Messer mit dem Fausta sich das Leben vorher nehmen soll. Da dieser die Hände gebunden sind, ersticht die Großmutter Fausta und begibt sich mit ihrer toten Enkelin ins Grab. Danach kommt die erlösende Nachricht: Der Tod der schuldigen Vestalin hat die Götter besänftigt und den Sieg über Hannibal ermöglicht.

Die Oper wurde 1912 in Monte-Carlo uraufgeführt. Jules Massenet wollte sich nicht den neuen musikalischen Tendenzen der damaligen Zeit unterwerfen. Er schrieb stattdessen eine Partitur die im Einklang mit der klassischen Geschichte der Oper und deren Figuren sein sollte. Mit einer Fanfare der Blechbläser wie zu Gladiatorenspielen legt Massenet gleich zu Beginn der Ouvertüre den Kontext klar. Vergeblich sucht man nach moderner Harmonisierung oder neuen Effekten im Orchester.
Die Gesangsstimmen werden immer in den Vordergrund gestellt, nie vom Orchester bedeckt. Die Musik strömt stetig in dunklen und düsteren Klängen daher. Der dramatische Höhepunkt wird im letzten Akt mit der Intervention der blinden Großmutter Posthumia erreicht, wenn diese um das Leben ihrer Enkelin fleht. Das darauffolgende Ensemble ist an harmonischer Klangfülle kaum zu übertreffen.
Aber auch die lyrischen Charakterzüge seiner Werke wie WERTHER oder MANON findet man hier wieder im Monolog des Lentulus, dessen Liebesduett mit Fausta oder im Traumlied seiner Schwester Junia.
Wurde die Oper nach ihrer Uraufführung positiv betrachtet, so konnte sie sich jedoch nie in den Spielplänen der Opernhäuser festsetzen. Dies kommt nicht von ungefähr, da das Werk an einer schwachen Handlung des Werkes leidet und in einigen Szenen nicht richtig vom Fleck wegkommt. Auch textlich ist die Oper eher mittelmäßig und bringt heutige Zuhörer öfters zum Lächeln, zum Beispiel bei Phrasen wie “Je suis faible car je suis femme” (Ich bin schwach da ich eine Frau bin). Allerdings besitzt der letzte Akt wie schon vorher beschrieben an sich schon soviel Dramatik, dass er allein es schon verdient nicht in Vergessenheit zu fallen.
Wie schon bei der Uraufführung spielt auch an diesem Abend das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo. Unter der Leitung des jungen Dirigenten Diego Ceretta entfaltet sich ein großartiger, gewaltiger Klangteppich, der allerdings, wie von Massenet erwünscht, die Sänger nie abdeckt. Mit viel Elan peitscht Ceretta das Orchester vor allem an den Aktenenden auf. Besonders hervorzuheben sind die fulminanten Blechbläser, aber auch der Konzertmeister mit seinen Violinkolleginnen, die die lyrischen Passagen mit viel Gefühl interpretieren.
Die vielen Chorpassagen werden vom Choeur de Radio France (Leitung: Lionel Sow) mit beeindruckendem Chorklang vorgetragen.

Das Werk steht und fällt aber vor allem mit der Qualität der Sänger. Und hier hat das Théâtre des Champs-Élysées einiges aufzubieten. Das Projekt wird vom Palazzo Bru Zane unterstützt, was an sich schon ein, des französischen Idioms und Gesangsstils mächtigen, homogenes Ensemble garantiert. Die Rolle der Vestalin Fausta wird von Rachel Willis-Sørensen mit großem lyrischen Sopran gesungen. Im Duett mit Lentulus singt sie schöne Bögen und findet die richtigen Klangfarben um alle Emotionen ihrer tragischen Figur zu zeigen.
Ihr Geliebter Lentulus wird von Jean-François Borras mit sicherem Tenor interpretiert. Borras weiß mit weichem lyrischen Klang die Liebe des Tribunen zur Vestalin vorbildlich zu vermitteln, beherrscht aber auch die heroischen Momente, in denen der Soldat Fausta vor dem Tode retten will.
Die stärksten Emotionen vermittelt an diesem Abend Julie Robard-Gendre in der Rolle der blinden Großmutter, was nicht allein an der Dramatik der Rolle liegt. Das herzzerreißende Flehen Posthumias um das Leben ihrer Enkelin wird mit viel Engagement von der Mezzosopranistin gesungen. Dabei schreckt sie auch nicht vor dramatisch “hässlichen” tiefen Tönen zurück, um die Verzweiflung der Figur auszudrücken.
Eine ähnliche Einstellung zur dramatischen Darstellung zeigt der Bariton Jérôme Boutillier in der Rolle des Sklaven Vestapor. Mit viel Exaltiertheit und Sinn für Theatralik drückt er dessen Zynismus und Vorfreude auf den Untergang Roms aus. Tassis Christoyannis singt dagegen mit ruhiger Stimme Fabius Maximus. Sein warmer Bariton macht die Schmerzen des Vaters, der seine Tochter zum Tode verurteilen muss hörbar. Mit kraftvollem Bass gibt Patrick Bolleire den Pontifex Lucius und vermittelt dessen herzlosen Charakter vor dem tragischen Schicksal der Vestalin.
Hélène Carpentier gefällt mit ihrer lyrischen Sopranstimme in der Rolle der Junia und trägt deren Traumlied mit klarem hellen Klang vor. Aliénor Feix in der Rolle der Großvestalin, sowie Clémence Tilquin in der Rolle der Dienerin Galla vervollständigen die Besetzung perfekt.
Die Aufführung wird vom Label Bru Zane mitgeschnitten, um später in dessen wertvoller Kollektion “Opéra français” veröffentlicht zu werden. Es gibt also ein Wiederhören mit diesem Werk, auf das ich mich sehr freue, auch wenn ich der Meinung bin, dass die Oper kaum Überlebenschancen besitzt. Dies soll aber nicht die Freude an der Entdeckung dieser Massenet Oper mindern. Das Publikum jedenfalls bejubelt an diesem Abend alle Musiker für diese exzellente Wiedergabe.
Jean Nico Schambourg, 29. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Besprechung: Jules Massenet Grisélidis klassik-begeistert.de, 8. Februar 2025
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