Werther, Jules Massenet, Tatjana Gürbaca 2025/26 © T+T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf
Manches begegnete mir zu früh im Leben.
Mit dem Briefroman von Goethe konnte ich im zarten Alter von fünfzehn Jahren nicht viel anfangen.
Die Lektüre zog und zog sich und mehr als ein Mal dachte ich: „Ach nee, Werther, echt jetzt? Schau dich um, andere Mütter haben auch schöne Töchter.“
Heute, Jahrzehnte später, habe ich einen reiferen und emotionaleren Zugang zu diesem Thema. Ich bin glücklich, dass ich Goethe, Massenet und Werther eine zweite Chance gab.
Werther
Lyrisches Drama in vier Akten
Musik von Jules Massenet
Libretto von Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann nach Johann Wolfgang von Goethe
Wiederaufnahme
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Szenische Einstudierung: Claudia Blersch
Bühnenbild und Lichtgestaltung: Klaus Grünberg
Kostüme: Silke Willrett
Bühnenbildmitarbeit: Anne Kuhn
Kostümmitarbeit: Carl- Christian Andresen
Choreinstudierung: Alice Lapasin Zorzit
Dramaturgie: Claus Spahn
Orchester der Oper Zürich
Kinderchor, SoprAlti und Zusatzchor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich
Opernhaus Zürich, 10. Juli 2026
von Kathrin Beyer
So trug es sich zu, dass diese Oper zu einer meiner Lieblingsopern wurde, die mich jedes Mal neu verzaubert und mein Herz berührt.
Entsprechend groß ist meine Freude, sie hier in Zürich, in sehr netter Begleitung, erleben zu dürfen.
Die Inszenierung von 2017 unter der Regie von Tatjana Gürbaca fokussiert sich fast ausschließlich auf die in ihren Rollenbildern gefangenen Menschen.
Das Bühnenbild beschränkt sich auf eine überdimensionierte Schrankwand, die den Sängern nicht viel Platz lässt. Es verändert sich in den ganzen vier Akten nicht.
Die Kostüme sind sehr altbacken, geradezu bieder, einzig Werther ist modisch gekleidet. Schon dadurch hebt er sich ab. Es gibt also nicht wirklich viel zu gucken und so richtet sich die ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Sänger.

Werther, ein Mensch, dessen Blick auf die Welt weniger rational, sondern tief emotional ist, verliebt sich in Charlotte, die allerdings ihrer Mutter am Sterbebett versprochen hat, Albert zu ehelichen. Dennoch fühlt sie sich zu Werther hingezogen und vergisst für einen (längeren) Moment die Existenz Alberts. So erleben beide einen fröhlichen, intensiven Abend miteinander.
Durch den quirligen, chaotischen, manchmal auch etwas schrägen ersten Akt wird der Kontrast zum zweiten Akt überdeutlich.
Gerade eben gab es noch Lachen, Glitzer, rosa Luftballons und die Verheißung auf ein großes Liebesglück, dann kommt Charlottes Versprochener zurück und Werthers Welt (und die des Opernhauses) wird alptraumhaft dunkel. Das ist eindrücklich, ich muss tief durchatmen.

Der zweite Akt fühlt sich wie ein Absturz an, sehr deprimierend. Eine goldene Hochzeit wird gefeiert, diese erinnert allerdings eher an eine Totenmesse. Die Menschen erscheinen alle unterwürfig. Da ist keiner glücklich, geschweige denn fröhlich oder auch nur zufrieden. Was für eine trostlose Stimmung. Sie erreicht ihren Höhepunkt, als Werther das erste Mal darüber nachdenkt, den Tod zu suchen und nebenbei die Fußbodendielen herausreißt und sich symbolisch sein eigenes Grab schaufelt. Man möchte auf die Bühne eilen, sich zu ihm setzen, um bei einem Glas Wein über Gott und die Welt zu reden. Gern mit dem Ziel, ihn von seinen Selbstmordgedanken abzubringen. Dies liegt leider nicht in meiner Macht, ich muss ihm beim langsamen Sterben zuschauen.
Tragisch baut sich das Unglück immer weiter auf, die letzten beiden Akte werden nicht heiterer, bis es in einem Suizid endet.

Die Welt mit ihren Rollenbildern und Zwängen lässt eine Liebe zwischen Werther und Charlotte nicht zu.
Jonathan Tetelman gibt mit der Rolle des Werther sein Debüt am hiesigen Opernhaus. Und ich verstehe, warum er als künftiger Stern am Opernhimmel gehandelt wird.
Am Abend dieser Aufführung ist er Werther, er verkörpert ihn nicht nur.
Er besticht durch sein authentisches Spiel und seine atemberaubende Bühnenpräsenz. Mühelos singt er sich durch die Partitur, schafft es, sich gegen das manchmal recht forsch aufspielende Orchester durchzusetzen. Seine Stimme hat eine Strahlkraft, der man sich nicht entziehen kann. Insbesondere seine leisen, zärtlichen Töne, zum Ende hin, sorgen für atemlose Stille im Zuschauerraum und bei mir für Gänsehaut.
Ich kann es nicht anders sagen, ich werde schlicht in seinen Bann gezogen.
Anna Goryachova, die hier in Zürich ihr Rollendebüt gibt, steht ihrem Kollegen in nichts nach. Im dritten Akt zeigt sie eine überwältigende Bühnenpräsenz und eine ebensolche Stimmkraft. Ihr warmer Mezzo ist klangschön und dramatisch, ohne jemals schrill zu werden. Ich leide mit ihr und kann dennoch verstehen, dass sie es nicht schafft, sich Albert zu entziehen, um mit Werther zu sein. Wieder einmal bin ich dankbar, dass uns Frauen der Weg für eine selbstbestimmte Lebensführung geebnet wurde.
Beide zusammen sind eine Naturgewalt. Es ist tatsächlich atemberaubend, das Ringen der Beiden (mal umeinander, mal gegeneinander) mitzuerleben. Ihre opulente Stimme und sein strahlender Tenor sind im Zusammenspiel ein Hochgenuss.
Im Publikum ist, gerade zum Ende hin, kaum mehr ein Atmen zu hören.
Chelsea Zurflüh debütiert als Sophie. Sie begeistert mit ihrer strahlenden Sopranstimme.
Aksel Daveyan gefällt in der Rolle des Albert auf Grund seines ausdrucksvollen Baritons und seiner glaubwürdigen Darstellung vom verständnisvollen Freund Werthers hin zum eifersüchtigen Rivalen.
Als Le Bailli, debütiert Valeriy Murga und kann in der Rolle des verwitweten Vaters sowohl gesanglich wie auch schauspielerisch überzeugen.
Martin Zysset, Evan Gray, Guram Margvelashvili und Thalia Cook- Hansen ergänzen das hochkarätige Ensemble wunderbar.
Der Kinderchor, SoprAlti und Zusatzchor der Oper Zürich haben mich begeistert.
Marco Armiliato am Pult hat mich etwas irritiert. Für meinen Geschmack spielt er in den lyrischen Momenten zu laut auf und zwingt dadurch den Sängern auch mehr Lautstärke auf.

Das Ende fasziniert mich. Werther befindet sich schon in einer Zwischenwelt. Trotz des kurz bevorstehenden Todes ist er glücklich, da er den so lang ersehnten Kuss von Charlotte bekommen hat und mit dem Wissen von dieser Welt geht, dass sie ihn auch liebt. Anwesend in dieser Szene ist ein sehr betagtes Paar, welches sehr liebevoll und vertraut miteinander umgeht. So hätte es werden können,wenn die Welt eine gerechtere gewesen wäre.
Es öffnen sich alle Fenster und Türen und Werther betritt die andere Welt.
Und ich weine, das ist nichts Neues.
Das Publikum feiert die Aufführung mit Standing Ovations.
Ich erzählte es schon, ich ermögliche jungen Menschen gern ihren ersten Opernbesuch, wenn es erwünscht ist.
Die junge Frau, die mich gestern begleitete, war so voller Glück über den ganzen Abend, dass ich für mich dachte, dass es sehr schade ist, dass erste Male nicht wiederholbar sind.
Nicht immer, aber manchmal.
Kathrin Beyer, 11. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wolfang Amadeus Mozart, Così fan tutte Opernhaus Zürich, Wiederaufnahme, 3. Juli 2026
Richard Strauss, Arabella, Robert Carsen Inszenierung Opernhaus Zürich, 14. April 2026
Georg Friedrich Händel, Giulio Cesare in Egitto Opernhaus Zürich, 28. März 2026
CD-Rezension: Jonathan Tetelman, The great Puccini klassik-begeistert.de, 27. Oktober 2023