Pēteris Vasks ist auf Sylt und spricht über Freiheit

Interview: Pēteris Vasks, Komponist  Kammermusikfest Sylt 25. bis 30. Juli 2026

Pēteris Vasks © Melanie Gomez

Hochkultur ist wieder auf der Insel, vom 25. bis 30. Juli 2026 findet die 14. Ausgabe des großartigen Kammermusikfest Sylt statt. Dieses Jahr ist Thema die Welt der Kindheit, die uns als Erwachsene nie ganz loslässt. Es geht aber auch um Freiheit, Composer in Residence ist Pēteris Vasks.

Die Sehnsucht nach Freiheit und Wahrheit ist für Vasks Herzensangelegenheit und zentraler Leitgedanke seines Wirkens als Komponist. Kein Wunder also, dass der Lette seinen 80. Geburtstag auf Sylt feiert – im Gepäck ein Auftragswerk, das er für das Kammermusikfest Sylt und das Niederländische Stift-Festival geschrieben hat („Geschichten aus Kindertagen“). Denn Sylt ist auch bekannt für seine Freiheitskämpfer. Zuvörderst zu nennen ist der in Keitum geborene Jurist Uwe Jens Lornsen (1793–1838). Ebenso berühmt ist Pidder Lüng. Der ist indes eine fiktive Figur, bekannt aus der gleichnamigen Ballade von Detlev von Liliencron aus dem Jahr 1892. Von Lüng stammt der friesische Wahlspruch: „Lewwer duad üs Slaaw!“  – Lieber tot als Sklave! Auch wenn historisch vereinnahmt (die Nationalisten haben ihn gebraucht, in der DDR war Pidder Lüng Schulbuchlektüre) gilt dieser Spruch vielen Nordfriesen heute als traditionelles Symbol für Unabhängigkeit. Also habe ich während der Generalproben zur Uraufführung mit Pēteris Vasks über Freiheit gesprochen. Außerdem über seine Lieblingsoper, Melancholie und heitere Episoden.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Pēteris Vasks

klassik-begeistert: Die 12-Ton-Musik (Zwölftontechnik) auferlegt einem Komponisten allerhand Regeln, allein deren mathematisch-kombinatorischen Prinzipien … Ihre wichtigste Inspirationsquelle als Komponist ist die Natur. Vorausgeschickt, dass Natur für Sie Freiheit ist – verträgt sich das mit Regeln?

Pēteris Vasks: Das ist tatsächlich einer der Gründe, warum ich beim Komponieren keinen Regeln folge …

klassik-begeistert: Gar keine? Das mag ich kaum glauben …

Pēteris Vasks:  Also als junger Mann, da habe ich sogar 12-Ton-Musik ausprobiert … und natürlich bin ich als Komponist nie ganz frei. Diatonik spielt eine Rolle, wenn ich komponiere.

klassik-begeistert: Ich möchte die Perspektive wechseln, unser Zusammenleben ist geprägt von Regeln. Wir gehen nur bei Grün über die Ampel, zahlen Steuern, trennen Müll. Fahren wir mit unserem Auto zu schnell, setzt es ein Bußgeld … Würde man regieren, wie Sie komponieren – wäre das möglich, ohne dass Chaos ausbricht?

[Anm. Jörn Schmidt: Für den Wiener Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek ist Freiheit, bezogen auf unser staatlich geregeltes Zusammenleben, die Abwesenheit von Zwang und willkürlicher Herrschaft: Märkte und gesellschaftliche Strukturen entstehen in seinem Gesellschaftsmodell idealerweise nicht durch bewusste Planung, sondern durch das ungelenkte, freie Zusammenspiel vieler Individuen.]

Pēteris Vasks:  Ich bin Komponist, kein Politiker. [nachdenklich] Ich glaube, es kommt immer auf die Intention an, mit der man Regeln setzt. Also eine imperialistische Staatsdoktrin, die ist nie gut – auch wenn man es als „Hilfe“, „Befreiung“ oder „Unterstützung“ verkaufen möchte.

Generalprobe UA © Francesco Ubertalli

Klassik-begeistert: Da beziehen Sie sich auf Russland, aktuell auf Putin?

Pēteris Vasks: Aber nicht nur …

Klassik-begeistert: Sie haben noch keine Oper komponiert, obwohl Sie ein Meister der Vokalbehandlung sind. Wie kann das sein?

Pēteris Vasks: Das ist schnell erklärt. Die Welt braucht keine Vasks-Oper, weil die beste Oper bereits geschrieben wurde.

Klassik-begeistert: Welche ist denn die beste Oper der Welt?

Pēteris Vasks: Die Walküre, ohnehin bin ich begeistert von Wagner als Komponist. Schott Music, mein Verlag, hat mir zum 80.Geburtstag die Partitur geschenkt.

Klassik-begeistert: Das haben die Verantwortlichen dort bestimmt nicht ohne Hintergedanken gemacht?

Pēteris Vasks: Meinen Sie? Zeitgenössische Opern haben es heutzutage schwer, den Weg ins Repertoire zu finden.

Klassik-begeistert: Wann haben Sie Ihre Liebe zu Richard Wagner entdeckt?

Pēteris Vasks:  Als ich den Tannhäuser das erste Mal gehört habe. An unserer Nationaloper, der Latvian National Opera in Riga. Ich habe dort, als junger Mann, Kontrabass gespielt.

Klassik-begeistert: Geht es in dem Auftragswerk, das Sie für das Kammermusikfest Sylt geschrieben haben – es heißt „Geschichten aus Kindertagen“ – auch um Freiheit? Zum Beispiel als Kind die Welt erkunden, frei von Ideologien und Leistungsdruck …

Generalprobe UA © Francesco Ubertalli

Pēteris Vasks: Das Werk beginnt mit einem melancholischen Präludium. Weil – wenn man 80 Jahre alt wird und zurückblickt – dann birgt das eben die Gefahr der Melancholie.

Klassik-begeistert:  Könnte man also sagen, das Werk hat autobiographische Züge? Dann würde ich jetzt gerne eine nicht-melancholische Episode hören.

Pēteris Vasks: Ich verarbeite auch, was ich empfunden habe, als ich die Natur entdeckt habe. Natur hat für mich eine große Bedeutung, sie ist voller Schönheit. Das hat also absolut heiteren Charakter!

Klassik-begeistert:   Gibt es auch eine Art von politischer oder weltanschaulicher Botschaft in dem Werk?

Pēteris Vasks: Ich beschreibe auch die Stimmung in Aizpute … dort bin ich aufgewachsen … als Stalin gestorben ist. Das ist übrigens eine weitere Episode, die heiter ausgestaltet ist …

Peteris Vasks Composer in Residence 2026 © Aivars Liepins

Klassik-begeistert:   Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten möchte ich nachdenklich enden und zum Thema Imperialismus zurückkommen. Russland ist so eine großartige Kulturnation – Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Sergej Rachmaninoff, Igor Strawinsky, Dmitri Schostakowitsch, Alexander Puschkin, Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Anton Tschechow. Wie geht das mit Imperialismus zusammen?

Pēteris Vasks: Ich weiß nicht, ob gerade das eine der Ursachen ist. Aber dieses großartige kulturelle Erbe wird eben gerne mal angeführt, um die eigene Überlegenheit herzuleiten … Aber so möchte ich nicht schließen. Ich komme aus einer Familie, wo es nie Zwietracht gab – sondern Liebe und Harmonie. Um diese Eintracht in die Welt zu tragen, für mehr Frieden, dafür komponiere ich.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 28. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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