Bayreuth Siegfried © Enrico Nawrath
Fast hatte man sich schon partiell mit der KI-Ästhetik des Jubiläums-„Rings“ abgefunden, denn scheinbar hatten die Verantwortlichen für den „Siegfried“ technisch nachgebessert. Die „Heute mal gar nicht so schlimm“-Haltung währte aber nur kurz, denn diesmal kam es noch ärger. Der zweite Tag des Bühnenfestspiels am 30. Juli 2026 in der „Bearbeitung“ von Marcus Lobbes und Nils Corte konnte sogar richtig wütend machen.
Richard Wagner, Siegfried
Christian Thielemann, Dirigent
Klaus Florian Vogt, Tenor
Gerhard Siegel, Tenor
Michael Volle, Bariton
Jochen Schmeckenbecher, Bariton
Peter Rose, Bass
Camilla Nylund, Sopran
Christa Mayer, Alt/Mezzosopran
Victoria Randem, Sopran
Festspielorchester Bayreuth
Marcus Lobbes und Nils Corte,
Kuratorium / Künstlerisch-technische Konzeption
Bayreuther Festspiele, 3o. Juli 2026
von Dr. Andreas Ströbl
„Diese KI ist schlecht erzogen“
Ein Waldvögelchen zwitscherte dem Rezensenten, dass eine KI-erfahrene Opernregisseurin bezüglich der Technik des Bayreuther „Rings“ den Fehler klar benannte: „Diese KI ist schlecht erzogen“, erklärte sie, und natürlich – der Apparat verarbeitet nur, was der Mensch ihm eingibt. Hier sind also eindeutig die Erziehungsberechtigten verantwortlich.
Es beginnt diesmal eigentlich ganz schön, und auch zwischendrin gibt es immer wieder Momente, in denen die Kongruenz zwischen Bühnengeschehen und generierten Ansichten stimmt. Charmant angegilbte historische Bühnenbilder, stimmungs- und geheimnisvoll wuchernde Wald-Phantasien (sogar einen Bären gibt es zu Beginn), Drachen-Anmutungen mit Krokodil-Babies und verschlungenen schuppigen Strukturen sowie grüne Kolibris und andere Piepmätze schaffen durchaus reizvolle Folien.
Etwas überstrapaziert wird die Retrospektive auf den Castorf-„Ring“ mit dem Postamt am Berliner Alexanderplatz und dem „Mount Sozialismore“ mit Marx, Lenin, Stalin und Mao, also unter anderem ausgemachten Völkerschlächtern. Dann erfahren wir noch, dass in den vergangenen 150 Jahren auch Kennedy ermordet wurde und noch wenigstens eine Mondlandung stattfand – faszinierend! Auch Wolf Biermann wurde ausgebürgert, wie uns in die Erinnerung gerufen wird; sein Schnauzbart grüßt Siegfried auf dem Weg zum Brünnhilden-Felsen. Und die Boeing 720 mit dem Namen „Stuttgart“ hob 1961 ab – hatten sie denn wenigstens einen Glücksraben dabei? Zudem gibt es, unter vielen anderen, meist schlecht erkennbaren Schwarz-Weiß-Photos, Bilder von Wieland und Wolfgang Wagner.

Eine Rückenfigur steht minutenlang herum und … naja, steht eben herum. War allerdings schon bei der „Walküre“ an der Textstelle „O süßeste Wonne! O seligstes Weib!“ die Einblendung von Steinbrocken wie nach einem Bombenangriff schon reichlich sinnfrei, so gerät der fette Schriftzug „NO GAS TODAY“ in der Erweckungsszene, die so glückverheißend mit einem satten Sonnengold begonnen hatte, zur peinlichen Farce. Die zarteste, leidenschaftliche Innigkeit konterkarierend, prangt dick und prall das „RAF“-Symbol mit zwei Maschinengewehren im Hintergrund. Das ist einfach nur krank und geschmacklos.
Es geht aber noch schlimmer: Ganz am Ende, wenn Siegfried liebestrunken sein „sie ist mir ewig, ist mir immer, Erb’ und Eigen, ein’ und all’: leuchtende Liebe, lachender Tod!“ jauchzt, beherrscht alles ein Barbie-Kitsch-Rosa, und ein Liebespaar, zu dessen Darstellung sich auch die Zeichner eines Billigst-Mangas der 90er Jahre zu schade gewesen wären, verdirbt die berauschende, ernst-innige Stimmung. Fehlen nur noch regenbogenfarbene Einhörner.
Beim CDU-Wahlplakat von 1957 mit Konrad Adenauer ist das Motto „Keine Experimente“ weggepixelt. Klar, das wäre ein Eigentor gewesen, aber diese schießen sich die Nicht-KI-Erzieher Marcus Lobbes und Nils Corte ohnehin im Minutentakt. „Wild und kraus kreist die Welt“, weiß Erda, und man mag anfügen: „Irr und schräg schafft die KI – nur eines will ich noch: das Ende, das Ende!“

Zu den Kostümen von Pia Maria Mackert nur ein Satz: Vielleicht wäre es konsequent, alle Darstellerinnen und Darsteller künftig in Ganzkörper-Schutzanzüge mit verspiegeltem Visier zu stecken. Dann wissen auch die ersten Reihen nicht mehr, wem sie da applaudieren. Das wird ein Spaß! Waldvögelchen-Gezwitscher: Auch aus den Reihen der Solisten kommt ebendiese Kritik an der uniformen grau-weiß-schwarzen Wischmopp-Klamotte. Buhs und Empörung in den Pausengesprächen gibt es reichlich und man kann nur hoffen, daß es morgen nach der „Götterdämmerung“ keine Saalschlacht gibt.
Wiederum – die Musik reißt es heraus!
Auch den „Siegfried“ machen Christian Thielemann und das Festspielorchester schon instrumental zu einer wahren Wagner-Wonne. Gerade Klarinetten und Harfen haben bezaubernde Glanzpunkte. Zum Brüllen lustig ist das quäkende Englischhorn, das Siegfrieds Rohrpfeife kieksend und mit schrägen Falschtönen karikiert.
Das Tempo des Vorspiels zum dritten Akt ist einfach mitreißend, hier hängt der Wagner-Himmel voller Geigen bzw. seidiger Violinen, und das Blech während der leidenschaftlich-aufstrahlenden Liebesmomente erhebt alles in sonnige Höhen der Innigkeit; nie klingt diese Musik pathetisch oder zu prall.

Klaus Florian Vogts heller Tenor, der in den vergangenen Jahren deutlich an Fülle und Kernigkeit gewonnen hat, passt wunderbar zur Jung-Siegfried-Rolle. Dem in diesem Teil der Tetralogie eigenen Humor gibt er reichlich Raum und ist hervorragend verständlich. Siegfrieds „Mutter! Mutter! Gedenke mein!“-Ruf kann man tatsächlich auch verzweifelt im Parlando ausstoßen, Wolfgang Windgassen hat das legendär gemacht. Dass Vogt ihn singt, funktioniert zwar auch, aber da er hier endlich das im Libretto 36mal angesprochene Fürchten lernt, ließe sich die Stelle schon impulsiver gestalten.
Gerhard Siegel als Mime geht virtuos mit dem Text um, jammert, wimmert und lügt sich um Kopf und Kragen; ersteren verliert der potentielle Mörder seines Ziehsohnes. In den Solopartien und im Zusammenspiel mit Siegfried sowie Wotan ist er absolut überzeugend. Ungeduldig will er den lästigen Wanderer loswerden, aber Michael Volle zeigt ihm klar die Grenzen auf. Der Bariton entwickelt im Lauf dieses Zyklus zunehmend mehr Natürlichkeit und lässt hier eben auch väterlichen Humor durchblitzen. Sein Lachen zeigt, dass er bei allem Wissen um das Ende noch genügend Selbstironie und Souveränität besitzt.
Selbstbewusst und noch als der machtvolle Gott tritt er in den Dialog mit Alberich. Jochen Schmeckenbecher ist hier, obwohl er, wie alle nicht oder kaum spielen dürfen, weit mehr als nur ein fieser Machtzwerg; die beiden Anführer begegnen sich auf Augenhöhe. Ein bisschen denkt man da an die Deutung als Zwillingspaar im „Ring“ von Valentin Schwarz. Der Bariton verleiht der Figur bewundernswerte Farbigkeit und Tiefe.
Die vermisst man etwas bei Peter Roses Fafner, dessen fülligen Bass man bei seinem zweiten Auftritt gerne wieder mit Hall hätte verstärken können. Sein eigentlich schön hämisches, voreiliges Lachen über das „prahlende Kind“ erklingt mit natürlicher Stimme, sein Gesang unterscheidet sich aber zu deutlich davon.
Christa Mayer überzeugt als Erda mit ausgezeichnetem Textverständnis, auch klingt sie, wie bereits im „Rheingold“, warm und mütterlich.
Hell und flatterleicht ist der Sopran von Victoria Randem, die einem bezaubernden Waldvögelchen ihre Nachtigallenstimme schenkt. Zwar versteht man, wie zuerst auch Siegfried, ihren Text kaum, aber das macht sie durch charmante Schwerelosigkeit wett.
Leuchtend wie der Sonne Strahlen singt Camilla Nylund auch die „Siegfried“-Brünnhilde, nachdem sie bereits in der „Walküre“ vor allem die Sensibilität des verstoßenen Götterkindes greifbar gemacht hat. Ihr Bekenntnis „Lachend muß ich dich lieben“ gerät ganz unprätentiös aufrichtig und, ja, zum Verlieben schön. Wäre da nicht die Kitsch-KI … – aber das verderben wir uns jetzt mal im Rückblick nicht.
In den Herzen des jubelnden Publikums bleibt sehr viel Freude über einen musikalisch wieder mehr als gelungenen Abend. Damit begeht man den „Ring“-Pausentag; schließlich geht ja morgen mal eben die Welt unter.
Dr. Andreas Ströbl, 31. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
- S.: Die Bilder in dieser Besprechung entsprechen nur in Teilaspekten denen aus der Aufführung, da immer andere generiert werden.
Richard Wagner, Das Rheingold, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2028 PREMIERE
Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Oksana Lyniv Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026
Auf den Punkt 99: Der fliegende Holländer Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026
Richard Wagner, Rienzi, der Letzte der Tribunen Bayreuther Festspiele, 26. Juli 2026