Photos: Enrico Nawrath
Seien wir ehrlich – manche hatten etwas Angst vor der Länge oder einer möglichen Zähigkeit jener Oper, die Wagner selbst später als „Schreihals, „Ungetüm“ und „Jugendsünde“ abtat. Mit einer intelligenten, szenenweise liebevoll-humorvollen Regie und phantastischen musikalischen Leistungen jedoch geriet die erste Premiere der Bayreuther Jubiläumsfestspiele am 26. Juli 2026 zu einem grandiosen Erfolg.
Bayreuther Festspiele, 26. Juli 2026
Richard Wagner: Rienzi, der Letzte der Tribunen
Große tragische Oper in fünf Akten
Nathalie Stutzmann, Dirigentin
Andreas Schager, Tenor
Gabriela Scherer, Sopran
Andreas Bauer Kanabas, Bass
Jennifer Holloway, Sopran
Michael Nagy, Bariton
Vitalij Kowaljow, Bass
Matthias Stier, Tenor
Michael Kupfer-Radecky, Bariton
Victoria Randem, Sopran
Festspielorchester Bayreuth
Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, Inszenierung, Bühne und Kostüme
von Dr. Andreas Ströbl
Musikalische Grüße aus Frankreich und Italien
Auch für viele eingefleischte Wagnerianer ist der „Rienzi“ oft noch Neuland. Gut, jeder, der den Mauerfall erlebt hat, erinnert sich an den geradezu leitmotivischen Einsatz des berühmten Gebets Rienzis aus dem 5. Akt bzw. dessen Instrumentalversion im Fernsehen. Um den Aufbau des Werks, seine Entstehungsgeschichte und musikalische Herkunft zu verstehen, besucht man am besten die charmante und kenntnisreiche Einführungsveranstaltung von Hans Martin Gräbner, einer echten Bayreuther Instanz. Der Musikwissenschaftler und Komponist führt im Rokoko-Saal des Steingraeber & Söhne-Haus (Friedrichstr. 2, 95444 Bayreuth) jeden Tag um 11 Uhr vor einer Aufführung im Festspielhaus in die jeweilige Oper ein. Wie sehr italienische und französische Komponisten, wie Spontini, Bellini, Auber und natürlich Meyerbeer Wagners frühes Schaffen maßgeblich geprägt haben, davon erzählte und sang Gräbner auf dem Liszt-Flügel am 26. Juli mit humorvoller Verve und mitreißendem Forte.
Giacomo Meyerbeer, dem sich Wagner bis über die Grenze der Peinlichkeit hinaus zu Füßen geworden hatte, empfahl den „Rienzi“ der Dresdner Hofoper und wurde damit zu einem veritablen Geburtshelfer des Werks. Bekannt ist der nagende Neid Wagners auf den Erfolg des ehemaligen Vorbilds und Gönners, was letztlich dazu führte, dass der Sachse die proto-braune Tinte nicht halten konnte und 1850 sein Pamphlet über das „Judentum in der Musik“ ausspie.
Aber zurück zu der Zeit, als der „Meister“ noch ein echter Linker war und aus den welschen Wurzeln die ersten eigenen Keime sprossen. Hört man den „Rienzi“, zumal in der sensiblen und aufmerksamen Interpretation von Nathalie Stutzmann, dann springen einem viele alte Bekannte entgegen, oder vielmehr sind es diejenigen Pflänzlein, die einmal die berühmten Wagner-Blüten hervorbringen sollten. Deutet sich gleich nach dem einführenden Fanfarenruf, dem ersten Ton der Ouvertüre, nicht das Gralsglocken-Motiv an? Und klingt nicht schon die Instrumentierung des „Holländers“ oder von Teilen des „Rings“ durch? Manchmal hat man schon die Weiterführung von Fanfarenstößen zu den bekannten aus „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ im Kopf und möchte sie im Inneren entsprechend weitersingen. Alles andere erinnert an die genannten Vorbilder, auch an Rossini, Donizetti oder frühen Verdi, zumal in den wirklich mitreißenden Alla Marcia-Tempi.

Eine intelligente Aktualisierung und liebevoller Spaß
„Rom mach‘ ich groß und frei, aus seinem Schlaf weck‘ ich es auf“, verspricht Rienzi gleich zu Beginn seiner politischen Karriere und da bietet sich natürlich die Aktualisierung mit Blick auf denjenigen an, der „America great again“ machen wollte und es, ähnlich wie der römische Volkstribun, in eine Autokratie verwandelt hat.
Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in ihrem Regiekonzept durch die massenhafte und dauernde Verwendung von (un)social media mit blinkenden Mobiltelephonen und der Einblendung von Massenchats, die Verwendung eines plakativen Englisch und die Art, wie sich die Macht hier inszeniert, diskret aber deutlich klargemacht, dass es hier um Populismus, das Aushebeln demokratischer Prinzipien und Willkür geht. Da braucht man keine blonde Perücke oder orangene Selbstbräunungscreme. Aber auch Verweise auf den, der diese Oper so schätzte, und der die Originalpartitur in den Führerbunker nahm, wo sie wahrscheinlich mit ihm verbrannte, gibt es reichlich.
Einerseits ist es der vom Volk gewählte Alleinherrscher, der zum Diktator wird, andererseits das Verheiratetsein allein mit der Nation („Roma heißt meine Braut!“), dann die Wahrnehmung des eigenen Volks als „entartet“ kurz vor dem eigenen Ende. Ein Hang des Titelhelden und seiner Schwester/Geliebten zum Suizid erscheint folgerichtig ergänzend in dieser Produktion. Auch hier braucht es keine Hakenkreuze oder SS-Uniformen, die Assoziationen gehen dadurch gleich in mehrere Richtungen.

„Utopie Hoffnung – Dystopie Furcht – Paradies verloren“, steht auf einem der zerrissenen und mehrfach überklebten Plakate an den grauen Wänden, die sich immer wieder niedersenken. Damit ist schon alles gesagt; John Milton verstand sein episches Gedicht von 1667, „Paradise Lost“, ebenfalls als Gesellschaftskritik. In der Runde der Kritiker auf Bayern 4 nach der Aufführung wurde lebhaft diskutiert, was es denn mit den immer wieder eingeblendeten Tauben auf sich habe. Die sieht man einzeln oder in Gruppen wie von Fenstern aus in den kleinen uniformen Wohneinheiten der Bevölkerung. Sind es Blicke auf wirklich freie Tiere, denen die Freiheit nicht erst versprochen werden muss? Oder ist das ganze nicht ein einziges Columbarium, also ein Taubenschlag, in dem die einfachen Leute hausen? Das Wort bezeichnet ja auch eine Begräbnisstätte mit zahlreichen Urnen; hier wären es die Aschenbehältnisse derer, die im Kampf gegeneinander den Tod fanden oder finden werden.
Auch das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium (24, 1-33) hat etwas Dystopisches, da Jesus davon spricht, dass kein Stein des Tempels auf dem anderen bleiben werde. „Seht zu, dass euch nicht jemand verführe“, mahnt der Messias, und zwar der echte, keiner, der sich auf Kitschbildern als solcher darstellt und doch nur vorbestrafter Immobilienmakler ist. An diese geschmacklose Darstellung erinnert auch der Himmel, der im Hintergrund szenenweise zu sehen ist – Rienzi verheißt her etwas, das über sein Menschsein hinausgeht, und was ihm letztlich nicht zusteht.

Szenen- und Stimmungsschwenk um 180 Grad: Was macht man denn am gescheitesten mit der langen Ballettszene und der großen Pantomime im zweiten Akt? Das Regieteam hat sich hier ein hinreißendes Miteinander von Opernparodie im Schnelldurchlauf und Festspielhaus-Szenerie ausgedacht, inklusive Mini-Wagner als Goldfigur, alles zur Belustigung des „Führers“ und seines Gefolges. Die Schauspieler führen in einer quirligen, liebevoll-detailliert ausgestatteten und gespielten Aufführung einmal alle kanonischen Wagner-Opern nacheinander und miteinander verquickt auf. Das ist zum Tränenlachen komisch und schlichtweg bezaubernd; alles spielt in einem Architekturfragment des Bayreuther Festspielhauses. Da dürfen natürlich auch die Pausen nicht fehlen, in denen von den Hügel-Gästen um Bratwürste, Getränke und Toiletten gekämpft wird. Bei aller Düsternis des Stoffes und weiten Teilen der Inszenierung entsteht hier eine Leichtigkeit und Brechung, die das Ganze erfrischt und bereichert. Ein einsamer Wichtigtuer wird mit einem eher kläglichen „Buh!“ am Ende des zweiten Aktes alleine bleiben – zu Recht.

Musikalisch überzeugende Einzel- und Gesamtleistungen
Man kann Andreas Schager in der Titelrolle mit Fug und Recht als „Abräumer des Abends“ bezeichnen, denn der Tenor ist ungemein kraftvoll und präsent; er erfüllt das Libretto mit Glaubwürdigkeit und Leben. In der Kritik wurde ihm beim Gebet Müdigkeit attestiert, wenngleich mit Respekt vor der Gesamtleistung. Aber man kann das auch als Ausdruck von Verzweiflung und Angreifbarkeit interpretieren, mit bewusst eingesetzter Brüchigkeit.
Gabriela Scherer als Irene ist in den ersten drei Akten teilweise etwas verhalten, steigert aber ihre Energie ganz deutlich in den letzten beiden Aufzügen. Sie und Rienzi scheinen ja eine inzestuöse Beziehung zu pflegen (Siegmund und Sieglinde lassen grüßen), und der tote kleine Bruder ist hier womöglich beider Sohn. In der Suizidszene erweist sich die Sopranistin als berückend in gesanglichem und spielerischem Ausdruck.
Schade, dass Colonna bereits im dritten Akt von Rienzi hingerichtet wird, denn man hätte Andreas Bauer Kanabasmit seinem fülligen, markigen Bass noch stundenlang zuhören mögen. Das ist ein echter Gegner, politisch, wie von der inneren Stärke her.

Jennifer Holloway ist Adriano, die Sopran-Hosenrolle im „Rienzi“. Man mag sich fragen, was sich Wagner dabei gedacht hat, denn hier wird ja ein veritabler Mann dargestellt, und wir befinden uns weder in einer Barock-Oper noch haben wir es mit einem Buben, wie Octavian im „Rosenkavalier“ zu tun. Sei´s drum – die Sängerin gibt der Rolle etwas geheimnisvoll Androgynes und bringt die tiefempfundene Emotionalität mit ausgesprochen schöner Stimme wunderbar auf die Bühne.
Auch Bariton Michael Nagy, der den Orsini gibt, verleiht der Gestalt eine Mischung aus in Maßen respektheischender Autorität und eher unseriöser Wichtigtuerei.
Vitalij Kowaljows Kardinal Raimondo besticht durch einen runden, vollen Bass; auch bei dieser Rolle hätte man sich mehr Text bzw. Auftritte vorstellen mögen.
Die Nebenrollen sind mit Matthias Stier (Baroncelli), Michael Kupfer-Radecky (Cecco del Vecchio) und Victoria Randem (Friedensbote) hervorragend besetzt; alle zeichnen sich durch einwandfreie gesangliche und spielerische Leistungen aus.

Ganz phantastisch ist der Festspielchor unter Thomas Eitler-de Lint. Der „Rienzi“ ist ja eine der Choropern Wagners, und auch wenn der 27-jährige Komponist hier noch nach dem eigenen Ton gesucht hat, sind ihm doch gerade im 3. und 4. Akt große Würfe gelungen. Die Bayreuther in jedem Falle lassen diese Klangbauwerke in Fülle und Kraft erstrahlen.
Nathalie Stutzmann, wie bereits erwähnt, führt mit feinfühligem und im Tempo sehr differenzierten Dirigat vom Aufstieg bis zum Fall des Letzten der Tribunen. Das Festspielorchester zaubert ein Spektrum von inniger Feinheit über angreifbares Wanken bis zu machtvoller Größe, ganz entsprechend den psychischen Zuständen der Mitwirkenden und den szenischen Abläufen in diesem Politdrama.
Das Premieren-Publikum jedenfalls ließ sich zu enthusiastischen Begeisterungsstürmen hinreißen. Angesichts des donnernden Fußtrappelns mag da so mancher im Denkmalschutz Bewanderte schon Angst um die Holzkonstruktion gehabt haben. Fazit: Das Rienzi-Experiment ist durchweg gelungen – ein würdiger Auftakt für die Jubiläumsfestspiele!
Dr. Andreas Ströbl, 27. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Rienzi, der Letzte der Tribunen Livestream ARD 26. Juli 2026
Eröffnung Bayreuther Festspiele, Beethovens Neunte Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2026