Ein wokes Regieteam übersetzt Wagners „Rienzi“ in die banale Bildersprache der Gegenwart

Richard Wagner Rienzi, der Letzte der Tribunen  Livestream ARD 26. Juli 2026

Foto: Gabriela Scherer (Irene), Andreas Schager (Rienzi), (c) Enrico Nawrath

Andreas Schager ist mit seinem groß dimensionierten, höhensicheren Tenor der ideale Interpret von Richard Wagners erster Heldentenorpartie. Mit schier unerschöpflicher Strahlkraft meistert er die mörderische Partie ohne Ermüdungserscheinungen, und findet im berühmten Gebet sogar zu einem zarten Piano.

Richard Wagner: Rienzi, der Letzte der Tribunen
Große tragische Oper in fünf Akten

Andreas Schager  Rienzi
Gabriela Scherer  Irene
Jennifer Holloway  Adriano
Michael Nagy  Orsini
Andreas Bauer Kanabas  Colonna
Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka Regie

Nathalie Stutzman  Dirigentin
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Livestream ARD 26. Juli 2026

von Peter Sommeregger

Ganz dem heutigen Mustern „moderner“ Opernregie folgend, wird bereits die Ouvertüre der Oper mit einer Rahmenhandlung bebildert, deren Sinn erst im weiteren Text erklärt wird, obwohl dieser eine abweichende Geschichte erzählt. Der kleine Junge, um den es sich handelt, ist der früh zu Tode gekommene jüngere Bruder des Titelhelden Rienzi, die Rache für seinen Tod ist das beherrschende Motiv für diesen, mit den Mißständen in Rom aufzuräumen.

Die stumme Figur des Knaben wird weidlich für eine Szene ausgeschlachtet, in der es die blutigen Wundmale Christi an den Händen trägt. Gut nur, dass dieser Weg in der Inszenierung schnell wieder verlassen wird.

Es dauert, bis man in der nervigen, permanenten Verwendung von Handys, auf die Bühne projizierten Textnachrichten, und sonstigen zeittypischen Unarten den roten Faden erkennt, der die Inszenierung des Regie-Duos Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka als beißende Zeitkritik verstehen lässt. Es ist ein Lehrstück über die Anfälligkeit der breiten Masse für die Verführung durch charismatische Politiker, unterstützt nicht zuletzt von den raumgreifenden sozialen Medien. Der anfangs positiv besetzte Tribun Rienzi wird letztlich Opfer der Zwänge, denen auch er unterliegt, und an denen er scheitern muss.

Gabriela Scherer (Irene), Jennifer Holloway (Adriano), Andreas
Schager (Rienzi), Festspielchor und Sonderchor (c) Enrico Nawrath

Im zweiten Akt sah Richard Wagner eine pantomimische Einlage vor, die in der aktuellen Inszenierung für einen optischen Querschnitt durch alle Opern des Meisters genutzt wird, der die dargestellten Figuren aber doch sehr ins Lächerliche zieht. Ein vergoldetes Wagner-Double dirigiert diese Szene. Ehe die Opernhandlung fortgesetzt wird, erlebt man in parodistischer Form das Gedränge vor den Toiletten des Festspielhauses, inklusive des Chaos am Büffet. Das ist wirklich originell, ein Bezug zur Handlung lässt sich allerdings nicht feststellen, oder sollte es sich vielleicht um eine Verhöhnung des Publikums handeln?

Jennifer Holloway (Adriano), Gabriela Scherer (Irene), Andreas
Schager (Rienzi), Festspielchor und Sonderchor

Die Handlung wurde von Wagner sehr breit angelegt, trotz Kürzungen erreicht das Werk eine für die Opern des Komponisten charakteristische Länge. Im Wesentlichen wird die Handlung vom Tribunen Rienzi, seiner Schwester Irene und dem in diese verliebten Adriano Colonna getragen. Dieser ist eine sogenannte Hosenrolle, und wird gewöhnlich von einem Sopran oder Mezzosopran gesungen.

In dieser Aufführung ist die Rolle der Sopranistin Jennifer Holloway anvertraut, die leider ein sehr ähnliches Timbre wie die Sängerin der Irene, Gabriela Scherer, besitzt. In den gemeinsamen Szenen sind sie akustisch kaum zu unterscheiden. Jennifer Holloway hat man, wohl nicht ohne Grund, die Optik einer Kampflesbe verpasst, im Verlauf der Handlung ist sie ganz bewusst als Frau dargestellt, also erleben wir eine lesbische Beziehung, wogegen nichts zu sagen wäre, hätte es Wagner so gedacht. Seltsam auch die Andeutungen einer inzestuösen Beziehung zwischen Irene und ihrem Bruder Rienzi. Daraus ergibt sich in der Summe eine höchst zeitgemäße, verwirrende Konstellation. Das Phänomen der Hosenrolle in der Oper bietet aktuell eine beliebte Gelegenheit für Regisseure, mit der Geschlechteridentität zu spielen.

Michael Nagy (Orsini), Vitalij Kowaljow (Kardinal Raimondo),
Victoria Randem (Friedensbote), Andreas Bauer Kanabas
(Colonna), Jennifer Holloway (Adriano), Festspielchor und Sonderchor (c) Enrico Nawrath

Der musikalische Löwenanteil dieser Oper fällt eindeutig dem Titelhelden und dem Chor zu. Andreas Schager ist mit seinem groß dimensionierten, höhensicheren Tenor der ideale Interpret von Richard Wagners erster Heldentenorpartie. Mit schier unerschöpflicher Strahlkraft meistert er die mörderische Partie ohne Ermüdungserscheinungen, und findet im berühmten Gebet sogar zu einem zarten Piano.

Der Chor der Bayreuther Festspiele wird seiner gerühmten Qualität erneut gerecht, und trägt Musik und Handlung gleichermaßen prägend mit.

Problematischer ist die Leistung der beiden Soprane zu beurteilen. Neben der (zu) großen Ähnlichkeit der Stimmen fehlen bei beiden Interpretinnen die leiseren Passagen, den ganzen Abend ist kein Piano, sind keine Zwischentöne zu hören. Man erlebt Dauererregung ohne Differenzierung.

Michael Nagy (Orsini), Matthias Stier (Baroncelli), Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Michael Kupfer – Radecky (Cecco del Vecchio), Vitalij Kowaljow (Kardinal Raimondo ), Jennifer Holloway (Adriano), Andreas Bauer Kanabas (Colonna ), Festspielchor und Sonderchor (c) Enrico Nawrath

Die übrigen Rollen sind eher klein, der Orsini ist mit Michael Nagy, und der Collona mit Andreas Bauer Kanabas allerdings hervorragend gut besetzt.

Nathalie Stutzmann am Pult bestätigt erneut ihren Rang als hervorragende Dirigentin. Sie behält das Heft der musikalischen Koordination souverän in der Hand und wird am Ende verdient lautstark gefeiert. Überhaupt erreicht der Schlussapplaus gewaltige Dimensionen, die sich bei den Solisten zum Orkan steigern. Auch das Regieteam kommt ohne Buhrufe davon, was für Bayreuth eher ungewöhnlich ist. So schräg die szenische Umsetzung zum Teil auch ausfällt, das Konzept wirkt letzten Endes doch überzeugend.

Der „Rienzi“ gilt allgemein als Lieblingsoper Adolf Hitlers, nicht zuletzt dieser Umstand dürfte dazu geführt haben, dass er erst 143 Jahre nach Wagners Tod erstmals im Festspielhaus aufgeführt wird. Man sollte aber nicht vergessen, dass der Kanon der hier seit 1876 aufgeführten Werke nicht durch Wagner selbst, vielmehr durch seine Witwe Cosima festgelegt wurde. Die diesjährige Rienzi-Aufführung soll laut Festspielleitung auf das Jubiläumsjahr beschränkt bleiben. Der rauschende Erfolg könnte diese Entscheidung aber vielleicht ins Wanken bringen.

(c) Enrico Nawrath

Einmal ganz ketzerisch gefragt, wäre es nicht denkbar, die Festspiele für weitere Werke zu öffnen?

Wagners erste romantische Oper „Die Feen“ wollte der Komponist zwar nie aufgeführt sehen, woran man sich zu seinen Lebzeiten auch gehalten hat, aber das Werk hat sehr schöne Passagen, und ja, es ist ein echter Wagner. Darüber hinaus wäre es durchaus im Sinne des Komponisten, die von ihm am meisten bewunderten Opern, Beethovens „Fidelio“, Spontinis „La Vestale“, Webers „Freischütz“ und Bellinis „Norma“ (für die Wagner eine zusätzliche Arie komponiert hatte) aufzuführen.

Das würde die Bayreuther Festspiele zwar wesentlich verändern, aber am Ende könnte der Abschied von dem Zehn-Werke-Dogma die Festspiel-Idee neu beleben.

Peter Sommeregger, 27. Juli 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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