Jonathan Tetelman prägt Salzburgs düstere Carmen

Carmen, Georges Bizet Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 26. Juli 2026 (Premiere)

Foto:  carmen 2026 © sf thomas aurin

Jonathan Tetelman wächst in Salzburg über sich hinaus. Teodor Currentzis und Regisseurin Gabriela Carrizo machen aus Bizets Oper ein düsteres Psychodrama, das niemanden kaltlässt.

Carmen, Georges Bizet
Gabriela Carrizo, Inszenierung

Teodor Currentzis,
Dirigent
Utopia Orchester
Utopia Chor, Bachchor Salzburg

Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 26. Juli 2026 (Premiere)

von Jürgen Pathy

Der Star des Abends ist Jonathan Tetelman. Das Salzburger Publikum beweist dabei viel Gespür dafür, wer diesen Abend getragen hat. Zum Ende trampelt das Publikum, als der gebürtige Chilene im weißen Rudershirt völlig abgekämpft die Bühne betritt. Man sagt gerne, dass ein Sänger eine Rolle „verinnerlicht“ hat – bei Tetelman trifft das zu, der als Don José in die tiefsten Abgründe seiner Eifersucht gezogen wird und zum Ende Carmen ersticht.

Jonathan Tetelman im Mittelpunkt

Carmen ist die Story einer Zigeunerin, die auf alle Konventionen pfeift. Damit sei sie so etwas wie das weibliche Pendant zu Don Giovanni, heißt es im Programmheft. Zum Ende heißt es: Kann ich dich nicht haben, soll dich niemand haben. Damit findet das Eifersuchtsdrama sein Ende. Was rund drei Stunden zuvor begonnen hat, ist nicht immer großes Kino. Die zweite Hälfte entbehrt aber alles, was anfangs noch nicht die volle Leidenschaft entfacht. Prädikat: Weltklasse – das ist nicht zu hoch gegriffen, wie Tetelman seinen tenoralen Schmelz in die Gestaltung des zum Ende hin in sich zerfressenen Charakter einfließen lässt. Dass er vor allem in puncto Rollengestaltung beinahe alle in seinen Schatten stellt, ist die Überraschung des Abends.

Carmen 2026 (Regie/Choreografie, Gabriela Carrizo (Peeping Tom)): Jonathan Tetelman (Don José), Asmik Grigorian (Carmen) © SF/Thomas Aurin

Asmik Grigorian etwas Zurückhaltender als gewohnt

Asmik Grigorian zeigt natürlich ebenfalls große Klasse. Wenn auch die Erwartungen aufgrund ihrer Intensität, mit der sie Rollen gestaltet, noch höher lagen. Für ihre Verhältnisse beinahe kultiviert klingt der Sopran der Litauerin, die hier in Salzburg 2018 als Salome ihren großen Durchbruch feierte. Eine Naturgewalt war sie damals, als Carmen zündet der Tornado erst gegen Ende des Abends. Dass sie als Sopran eine Mezzopartie singt, noch dazu ein Rollendebüt, muss nochmals extra gewürdigt werden. Das meinen auch die Damen in den Gängen während der Pausengespräche.

Carmen 2026 (Regie/Choreografie, Gabriela Carrizo (Peeping Tom)): Jonathan Tetelman (Don José), Asmik Grigorian (Carmen) © SF/ Thomas Aurin

Dunkles Psychodrama von Gabriela Carrizo

In der Neuproduktion von Gabriela Carrizo ist Carmen ein Opfer des Femizids. Die Inszenierung ist düster, die Stimmen im Publikum eher defensiv bis weniger glücklich mit dieser Deutung. Sie zeichnet ein Abbild einer Gesellschaft, in der Besitzdenken, gesellschaftliche Rollenbilder und patriarchale Strukturen den Femizid begünstigen. Umgesetzt hat die gebürtige Argentinierin das auf einer kahlen Felswand, die man schon von Barrie Koskys Don Giovanni aus Wien kennt.

„Hat’s dir gefallen?“, hört man in den Gängen. „Nein – zu dunkel.“ Ja, diese Inszenierung ist nichts für schwache Nerven. Eine Carmen light sieht anders aus, diese ist harter Tobak für Fortgeschrittene. Ein „Hineinzoomen“ in die Gefühlswelt der Protagonisten, die keine romantisierte Welt zeigt. Mit Tänzern möchte Carrizo die inneren Konflikte und unbewussten Emotionen sichtbar machen. Das gelingt und ist optisch das Highlight in dieser kargen Bühnenlandschaft. Dass dabei Kinder abgeschossen werden wie Freiwild und gefühlt eine Frau nach der anderen daran glauben muss, ist ein düsteres Spektakel.

Carmen 2026 (Regie/Choreografie, Gabriela Carrizo (Peeping Tom)): Asmik Grigorian (Carmen), Ensemble © SF/Virginia Rota

Seitenblicke abseits der Bühne

Zu viele Nebenschauplätze sehe ich nicht, wie mein Sitznachbar meint. Die gibt es bei den Salzburger Festspielen im Augenblick aber abseits der Bühne. Als wäre nichts geschehen, erblickt man Markus Hinterhäuser auf seinem gewohnten Platz in der Loge links oben. Dabei hat sich in den letzten Wochen in Salzburg alles geändert. Hinterhäuser, der den Festspielen seinen künstlerischen Stempel aufgedrückt hat, wurde vom Kuratorium entlassen, bei dem Karoline Edtstadler seit 2025 als Salzburger Landeshauptfrau den Ton bestimmt. Karin Bergmann leitet die Salzburger Festspiele interimistisch bis Herbst 2027.

Ob sie das Erbe Hinterhäusers weiterträgt, wird auch über die Personalie Teodor Currentzis entscheiden. Der steht am Pult dieser Neuproduktion und hat mit acht ausverkauften Vorstellungen das Publikum deutlich hinter sich.

Teodor Currentzis

Die berühmte orchestrale Einleitung zu Beginn nimmt Currentzis zügig, flott, danach begibt er sich auf Suche, könnte man meinen. Dass die Musik im Graben erst nach der Pause glüht und in tiefere Dimensionen dringt, kann durchaus ein Abbild der Inszenierung sein. Ein zuckersüßer Klang wäre bei dieser drastischen Deutung vielleicht fehl am Platz.

Carmen 2026 (Regie/Choreografie, Gabriela Carrizo (Peeping Tom)): Jonathan Tetelman (Don José), Ensemble © SF/ Thomas Aurin

Somit animiert er sein Utopia Orchester zu einem raueren Klangbild, das diese schonungslose Welt musikalisch untermauert – und schafft etwas, das man eigentlich nur in Bayreuth verorten würde: eine Atmosphäre, die oft an einen Liederabend erinnert. Und das, obwohl der Graben gefüllt ist wie bei einer Mahler-Symphonie. Gerne erwähnt man, wie Currentzis aussieht, wie er wild mit den Händen am Pult rudert. Was gerne vergessen wird, sind seine kapellmeisterlichen Fähigkeiten. Es gibt keinen einzigen Augenblick, in dem dieser überdimensional gefüllte Orchesterapparat einen Sänger niederbügeln würde.

Currentzis (c) Alexandra Muravyeva

Das dankt vor allem Kristina Mkhitaryan, die als Micaëla ihren Sopran hingebungsvoll, innig auch in den leisesten Momenten zum Glühen bringt. Davide Luciano komplettiert als Escamillo dieses außergewöhnliche Sängerensemble, das in Salzburg zum Ende gefeiert wird. Buhs gibt es für die Regie – ziemlich vehement sogar.

Jürgen Pathy, 27. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 SF Ouverture Spirituelle – Passion (2007) Pascal Dusapin Kollegienkirche, Salzburg, 23. Juli 2026

Hommage à Kurtág, Utopia Choir, Utopia Orchestra Kollegienkirche, Salzburg, 18. Juli 2026

Gioachino Rossini, Il viaggio a Reims Salzburger Pfingstfestspiele, 22. Mai 2026

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