Das Solisten-Duo Aristidou – Nigl sticht Leidenschaft in mein Herz

 SF Ouverture Spirituelle – Passion (2007) Pascal Dusapin  Kollegienkirche, Salzburg, 23. Juli 2026

Passion (konzertant) 2026: Sarah Aristidou (Lei), Franck Ollu (Musikalische Leitung), Georg Nigl (Lui) © SF/Jan Friese

Dusapins Passion erzählt die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Das Cembalo mit zart zerbrechlichen Lento-Soli verheißt mir Leidenschaft. Ich empfinde sie, sickernd, wogend, anrührend, manchmal atemlos. Zugleich ist sie ungreifbar weit entfernt. Das Orchester geht mir in den Bauch. Die volle Klaviatur der Leidenschaft sticht mir das Solisten-Duo Aristidou – Nigl ins Herz, unterstützt von der Schola Heidelberg.

 Ouverture Spirituelle – Passion (2007)

Komposition  Pascal Dusapin
Libretto von Pascal Dusapin und Rita de Letteriis

Besetzung

Lei   Sarah Aristidou
Lui   Georg Nigl
Schola Heidelberg   Gli altri

Musikalische Leitung   Franck Ollu
Ensemble Modern

Kollegienkirche, Salzburg, 23. Juli 2026

von Frank Heublein

An diesem Abend wird bei den Salzburger Festspielen in der Kollegienkirche die Oper Passion von Pascal Dusapin konzertant aufgeführt. Der Komponist ist anwesend. Die Oper entstand unter anderem aus der Auseinandersetzung des Komponisten mit den drei erhaltenen Opern Monteverdis. In Passion verarbeitet er den Orpheus-Stoff in eine Oper mit zehn an diesem Abend nicht deutlich getrennt wahrnehmbare, ebenfalls Passion genannte Abschnitte.

Die Stimmen werden elektronisch verstärkt. Warum? Die Stimmen werden vollumfänglich genutzt. Es wird nicht nur gesungen. Es wird geatmet. Gestöhnt. Gesummt. Gehaucht. Erstaunt gehaucht. Diese Bandbreite menschlicher Laute raumfüllend und mit der titelgebenden Leidenschaft ohne elektronische Verstärkung zu produzieren, stelle ich mir in einem größeren Raum wie dieser Kirche extrem schwierig vor.

Passion (konzertant) 2026: Ensemble Modern, Schola Heidelberg (Gli altri) © SF/Jan Friese

Sopran Sarah Aristidou singt Lei. Am Anfang ist Feuer, Inbrunst, Energie in ihrer Stimme. Die angesungene Sonne ist für mich Lui. Zweifel folgt. Nichts sehend, nichts hörend. Verwirrung, Verzweiflung, auch ein wenig Wut liegt in Aristidous Stimme. Schatten – der Chor – flüstern ihr ins Ohr. Ist das der richtige Mann? Meine Liebe? Welches ist die richtige Welt? Der richtige Weg? Welches der Weg der Schlange? Der Weg ins Leid? Lei entschließt sich, zurück zu gehen. „Du brauchst mich nicht mehr“ singt sie. Der Traum von der Leidenschaft scheint die glücklichere? auf ewig die bessere? Wahl? Gute Frage. In ihrer Stimme höre ich ruhige Gelassenheit.

Passion (konzertant) 2026: Sarah Aristidou (Lei), Georg Nigl (Lui), Franck Ollu (Musikalische Leitung) © SF/Jan Friese

Bariton Georg Nigl singt Lui. Konzentriert, entschlossen, seine Liebe zurück ins Leben zu holen. Eine ganz andere Energie. Zart zerbrechlich sind die folgenden Gedanken an Lei. Dunkel, dubios die Orchestertöne beim Entschluss, den Abstieg zu wagen. Auch er voller Zweifel, Lei zu finden, sie nach oben zu schleusen. Er erkennt „Ich habe ihr Herz gebrochen“. Lässt ab davon, sie mit zurück ins Leben zu schleusen. Ohne sie – nein, es ist anders: ohne die Vorstellung, ohne den Traum von Lei will er nicht sein. So folgt er Lei hinab in die Tiefen des Hades. Stimmlich auch er ruhig und gelassen.

Die beiden Solisten stechen mir die volle Klaviatur der Leidenschaft ins Herz. Zuerst kraftvolle Leidenschaft von Lei und Lui, die beide jedoch nicht zueinander bringt. Erst in der Distanz zur Leidenschaft durch die Verlegung ins Träumen, in die Abwesenheit des Lebens? kommen sie auf eine Art zueinander.

Der Chor Schola Heidelberg im Libretto Gli altri genannt, ist hinter dem Orchester platziert, besteht aus sechs Stimmen: zwei Sopranen, Alt, Tenor, Bariton und Bass. Mal sind es die Schatten, die Lei (Eurydike) wispernd irritieren. Mal innere Spiegel von Lei und Lui, die Gefühle reflektieren, ausführen. Oder, so habe ich den Eindruck, der Chor trägt die Leidenschaft aus den Körpern von Lui und Lei heraus. Starke Stimmen, die solistisch wie gemeinsam den Raum füllen mit Resonanz von und Impuls zur Leidenschaft Leis und Luis.


Passion (konzertant) 2026: Sarah Aristidou (Lei), Franck Ollu (Musikalische Leitung), Georg Nigl (Lui), Ensemble Modern, Schola Heidelberg (Gli altri) © SF/Jan Friese

Genauso kammermusikalisch wie der Chor ist das Orchester besetzt.  Außer zwei Violinen werden alle weiteren Instrumente nur einmal besetzt. Streicher, Holz- und Blechbläser, Cembalo, Harfe, Keyboard. Das Orchester geht mir in den Bauch. Klänge der Bläser wie sich aufblasende Seifenblasen, die über meinem Kopf wabern. Die Querflöte vertont Leis stolpernde Schritte. Orpheus folgend, nichts sehend, nichts hörend. Das Keyboard erzeugt in diesem Moment des Folgens Schlangenzüngeln. Was ist der Weg der Schlange? Der ins Leben – und Leiden?

Die Querflöte ist links hinter Violine und Lei platziert. Sie verschmilzt mit denselben beiden stellenweise zu einer tönernen Einheit, so fest wie Zwei-Komponenten-Kleber. Ich höre die Dreiheit als ein Instrument, einen Klang. Unglaublich! Auf der gegenüberliegenden Seite rechts von mir die Harfe. Ich verstehe, warum gerade Harfenistin Eva Debonne zu Beginn so strahlt. Bestes Stück ever für sie. Noch nie habe ich eine Oper gehört, in der die Harfe einen so umfassenden Part hat. Phasenweise solistisch agieren darf. Impulse setzt mit markanten Einzeltönen, die mir das immer wieder reißende Band zwischen Lei und Lui vermitteln. Das Cembalo mit zart zerbrechlichen Lento-Soli verheißt mir Leidenschaft. Ich empfinde sie, sickernd, wogend, anrührend, manchmal atemlos. Zugleich ist sie ungreifbar weit entfernt. Genau mit diesem Cembalo-Gefühl endet die Oper.

Passion (konzertant) 2026: Pascal Dusapin (Komponist), Franck Ollu (Musikalische Leitung), Sarah Aristidou (Lei), Ensemble Modern © SF/Jan Friese

Dirigent Franck Ollu ist der Fels in der Brandung. Souverän. Gelassen. Konzentriert. Er strahlt starkes Vertrauen und daraus entspringende Sicherheit aus.

Ich bin angefasst ob des Endes, der Ferne des anfänglichen Feuers. Liegt das Glück der beiden im Unsichtbaren, dem Traum, dem Vergessen? In mir ist keine Jubelstimmung. Es scheint, dem Publikum als Ganzem geht es nicht anders als mir. Warmer, herzlicher, doch zugleich gefasster Applaus. Für mich ein Zeichen dieses Angefasst-Seins.

Frank Heublein, 24. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Hommage à Kurtág, Utopia Choir, Utopia Orchestra Kollegienkirche, Salzburg, 18. Juli 2026

Konzert Nigl, Ofczarek, Jurowski Wiener Staatsoper, 8. Jänner 2025

CD-Blu-ray Besprechung: W.A. Mozart, Mitridate klassik-begeistert.de, 8. Dezember 2024

Ensemble Modern, David Bennent, Heiner Goebbels, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Yutaka Sado, Wiener Festwochen 2021

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