Auf den Spuren Richard Wagners

Ensemble Modern, David Bennent, Heiner Goebbels, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Yutaka Sado,  Wiener Festwochen 2021

Wiener Festwochen 2021
Aufführung im Museumsquartier Halle E am 5. Juni 2021

Heiner Goebbels: Liberté d’Action

David Bennent, Schauspieler
Ensemble Modern (Hermann Kretzschmar, Ueli Wiget – Klaviere)

Konzert am 6. Juni 2021 im Großen Saal des Wiener Musikvereins

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Dirigent: Yutaka Sado

Richard Strauss: Eine Alpensinfonie, op. 64

von Herbert Hiess

Heiner Goebbels, deutscher Musiker und Regisseur, kann man nach dieser „Performance“ anlässlich der Wiener Festwochen 2021 als Gesamtkunstwerk-Erschaffer bezeichnen. Denn das hat er tatsächlich mit dem musikalischen Genie und Landsmann Richard Wagner gemein.

Auch wenn seine Werke nicht diese ausufernde Länge von Wagners Opus haben; in seiner Kompaktheit sind sie dennoch faszinierend. Vor allem das im Mai 2021 uraufgeführte Stück „Liberté d’Action“.

Charakterlich lässt es sich nicht einordnen; es hat von allen Elementen etwas: Konzert, Musiktheater, Monolog, Rezitation. Inspiriert von Bildern und Texten des französischsprachigen Malers und  Dichters Henri Michaux schuf sich hier Heiner Goebbels seine eigene dramaturgische Welt.

Unterstützt von den beiden großartigen Pianisten Kretzschmar und Wiget des Ensembles Modern, die übrigens in die Szene mit einbezogen waren, ließ Goebbels den großartigen David Bennent über die Bild- und Gedankenwelt von Michaux reflektieren. Zweisprachig (Französisch und Deutsch) sprach Bennent virtuos die Texte. Wunderbar, wie er seine relativ hohe Stimme modulierend einsetzte. Und man verstand jedes Wort klar und deutlich.

Der 1966 geborene David Bennent ist sicher noch vielen Leuten von der Verfilmung von Günther Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ ein Begriff. Schon da zeigte er dem Publikum, was für ein Genie in ihm steckt. Und man kann verstehen, dass Heiner Goebbels (der übrigens NICHT mit dem gleichnamigen Joseph verwandt ist) auf ihn zurückgriff; einen besseren Interpreten für das tolle minimalistische Stück kann man sich kaum vorstellen und wünschen!

Foto: (c) Wiener Festwochen

Tags darauf gab es eine musikalische Bergtour unter der Führung von Yutaka Sado. Nach sieben Monaten Zwangspause brillierte das Niederösterreichische Orchester im Musikverein mit Richard Strauss’ „Alpensinfonie“. Das gewaltige Werk war mit einer knappen Stunde allein am Programm; so wie es aussieht, könnte diese Art der Programmgestaltung (kürzere Spieldauer und ohne Pause) so eine Art „neue Normalität“ werden.

Richard Strauss’ Opus war die letzte seiner großen Tondichtungen und wurde 1915 uraufgeführt; mehr als 30 Jahre vor seinem Tod. Dieses Werk beinhaltet die gesamte musikalische schöpferische Kraft des Komponisten und beschreibt einen Tag am Berg: vom Sonnenaufgang über den Gipfelsieg bis hin zum rührenden Abschied und den Sonnenuntergang hat Strauss hier auf künstlerisch höchstem Niveau diese Bilder in ein Klanggemälde gegossen.

Großartig, wie die Tonkünstler unbeschreiblich schön und präzise spielten und musizierten; trotz der weit über 100 spielenden Musiker hört man jeden Ton und jede Note. Und auch diese erste Begegnung nach den vielen Monaten motivierte das Orchester zu künstlerischen Höhenflügen. Die knapp fünfzig Minuten vergingen wie im Fluge; man war sogar fast traurig, dass es schon vorbei war.

Hut ab, was der Chefdirigent Yutaka Sado und die Musiker hier geleistet haben; man konnte nicht nur froh sein, dass man in der Corona-Zeit ein Konzert live hören konnte. Diese Aufführung hören zu können war eine echte Bescherung, von der man noch lange wird zehren können.

Herbert Hiess, 8. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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