Chopin erklingt im Netz

Interview Hubert Rutkowski,  Chopin-Festival 2021

Foto: Pianist Hubert Rutkowski

Deutsche Konzert- und Opernhäuser öffnen langsam ihre Türen wieder für Hörer, die Live-Musik erleben möchten. Vorerst werden Personen mit einem negativen Coronavirus-Testergebnis zugelassen, die Zuschauerzahl ist aber noch begrenzt. Aus diesem Grund finden einige Musikveranstaltungen immer noch online statt, die so aber ein breiteres Publikum erreichen können.

Beim 3. Chopin-Festival in Hamburg, dessen Sonderausgabe vom 11. bis 13. Juni im Netz zu sehen sein wird, kommt noch ein weiterer Vorteil hinzu: die Klangpräzision historischer und moderner Instrumente, die in ungewöhnlichen Kombinationen zusammengestellt werden. Beim Festival treten weltberühmte Pianisten auf: Mari Kodama, Severin von Eckardstein, Tomasz Ritter, Stepan Simonian, Dina Yoffe (die eine Meisterklasse für Studierende der Hochschule für Musik und Theater leitet) und der Cembalist Menno van Delft. Die Instrumente und Konzerträume stellt das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zur Verfügung.

Mehr über dieses musikalische Ereignis erzählt der Initiator, Intendant sowie Teilnehmer des Festivals Professor Hubert Rutkowski von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Präsident der Chopin-Gesellschaft Hamburg & Sachsenwald e. V.

 Interview: Jolanta Łada-Zielke

Die ersten beiden Festivals fanden vor der Pandemie in den Jahren 2018 und 2019 statt. Was ist das Besondere an dem aktuellen Festival?

Das Merkmal unseres Festivals ist die Präsentation nicht nur herausragender Künstler, sondern auch zeitgenössischer und historischer Instrumente. Wir haben von Anfang an mit dem Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zusammengearbeitet, das uns historische Instrumente zur Verfügung stellt. Mit älteren und modernen Modellen stellen wir eine Art Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Klangwelten her. Ich denke, dass die dritte Ausgabe unserer Veranstaltung während der Pandemie davon profitieren kann, dass alle Konzerte online übertragen werden. Dadurch erreichen wir eine größere Anzahl von Hörern.

In diesem Jahr präsentieren Sie Chopins Werk in verschiedenen Kontexten, nicht nur im romantischen, sondern auch im barocken, denn einer der Gastkünstler ist der niederländische Cembalist Menno van Delft. Ist es eine Art Experiment oder eine bewusste Vorgehensweise?

Beides. Chopins Beziehung zur Barockmusik ist sehr stark, weil Bach für ihn ein äußerst wichtiger und bedeutender Komponist war. Bachs Musik zu spielen und sich von ihr inspirieren zu lassen, ist ein wichtiger Aspekt von Chopins Werk. Auf der anderen Seite führen wir tatsächlich ein Experiment durch, denn eines der Konzerte wird auf dem originalen, historischen Zeller Cembalo von 1728 in Kombination mit dem zeitgenössischen Shigeru-Kawai-Flügel aufgeführt. Menno van Delft und Stepan Simonian werden nicht nur dieselben Stücke auf beiden Instrumenten spielen, sondern sogar einige davon gleichzeitig spielen.

 

Für manche ist es sogar inakzeptabel, dass das historische Cembalo unisono mit dem modernen Flügel spielt. Wir unternehmen jedoch ein solches Experiment, zumal diese beiden Instrumente barock gestimmt werden. Es ist auch ein sehr interessantes Verfahren, das bei normaler Konzertakustik möglicherweise nicht funktioniert. Während unseres Konzerts wird dieser vielfältige Klang dank Live-Stream-Technik und professioneller Tonerzeugung jedoch sehr präzise beim Hörer ankommen.

Der andere Kontext ist spätromantisch: Debussy, Rachmaninow, Saint-Saëns, also Komponisten, die sich mit Chopins Musik beschäftigt haben.

Auf jeden Fall, denn es ist ein Klavierfestival, das Klaviermusik in verschiedenen Kontexten präsentiert. Im Antrittskonzert werde ich gemeinsam mit Severin von Eckardstein die Werke aufführen, die als die größten Errungenschaften der Klavierliteratur für zwei Klaviere gelten. Auf dem Programm stehen Rachmaninoffs Suite, Saint-Saëns „Danse macabre“, Chopins Rondo und Mozarts Sonate. Wir präsentieren den Klang des Klaviers und seine Möglichkeiten in einer Duo-Besetzung.

In der Entwicklung des Flügelbaus hat sich in den letzten zweihundert Jahren der Tiefgang der Tastatur von 5-6 auf 10 mm erhöht. Daraus folgt, dass Pianisten heute ihren Druck erhöhen müssen. Chopins Musik erfordert jedoch eine gewisse Leichtigkeit, obwohl sie manchmal dramatisch ist. Ist es dann einfacher, Chopin auf einem historischen Instrument zu spielen als auf einem modernen?

Es hängt von den Stücken und den Eigenschaften des jeweiligen Instruments ab. Rein technisch gesehen ist es einfacher, einige virtuose Werke auf einem modernen Flügel zu spielen, weil dieser eine perfekte Mechanik hat, die dem Pianisten hilft. Obwohl der Tiefgang der Tasten größer ist, gibt es die sogenannte doppelte Repetition, damit man sich mehr auf ein Instrument verlassen und ohne besonderen Aufwand bestimmte Effekte hervorbringen kann. Das historische Klavier sollte mit äußerster Präzision gespielt werden, da seine Mechanik nicht so vollkommen ist. Es erfordert viel Arbeit, sicherzustellen, dass die Klangqualität genau die ist, die wir haben wollen. Andererseits sind die Bemerkungen, die Chopin im Text seiner Partituren niedergeschrieben hat, auf einem heutigen Instrument nicht ganz zu realisieren. Auf dem Klavier von Pleyel (1847) oder Érard (1880) erscheinen bestimmte Effekte natürlich, während wir sie für ein modernes Instrument speziell arrangieren müssten. Dieses Thema ist sehr breit gefächert und es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage.

 

Aber die Studenten, die am Meisterkurs im Rahmen des Festivals teilnehmen, werden auf dem modernen Shigeru-Kawai spielen?

Ja. Die Sache besteht darin, die beim Spielen historischer Instrumente gesammelten Erfahrungen auf einen modernen Flügel zu übertragen. Dina Yoffe, die die Meisterklasse leitet, verfügt über umfangreiche Erfahrungen auf diesem Gebiet. Es gibt auch Aufnahmen von Werken, die sie auf einem historischen Klavier aufführte.

Frédéric Chopins Musik wird besonders von den Slawen und Musikliebhabern aus asiatischen Ländern geschätzt. Und wie wird sie von den Deutschen wahrgenommen, die so viele herausragende Komponisten haben?

Unter professionellen Musikern gehört Chopin zu den höchsten Standards, und unter Pianisten ist die Kenntnis seiner Werke obligatorisch. Für durchschnittliche Musikliebhaber, die gerne Konzerte besuchen, aber keine fundierten musikalischen Kenntnisse haben, steht Chopin nicht unbedingt im Vordergrund. Das Ziel unseres Festivals ist es daher auch, die Persönlichkeit Frédéric Chopins in Hamburg – der Stadt von Felix Mendelssohn und Johannes Brahms, die auf halbem Weg zwischen Paris und Warschau liegt – zu zeigen und hervorzuheben. Chopin ist sehr wichtig sowohl für das Klavierspielen als auch für die Klavierpädagogik und Komposition.

Hamburg ist auch die Stadt von Carl Philipp Emanuel Bach, obwohl Klavierstücke nur einen kleinen Teil seines Schaffens ausmachen.

Ja, aber er schrieb ein sehr wichtiges Werk mit dem Titel „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“.  Man kann dies für das erste Lehrbuch für das Spielen von Tasteninstrumenten halten. Carl Philipp Emanuel Bach hatte einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Pianistik.

 

Zurück zu Frédéric Chopin: Einige Deutsche (meistens ohne Bezug zur Musik) kennen seine Nationalität nicht und sind sehr überrascht zu erfahren, dass er ein polnischer Komponist war.

Darauf habe ich eine tolle Antwort, nämlich dass Chopin Russe war. Er wurde unter russischer Herrschaft geboren und verließ Polen 1830 mit einem russischen Pass.

Aber manchmal begehen auch professionelle Musiker Fauxpas. Christian Thielemann weist in seinem neuesten Buch „Meine Reise zu Beethoven“ darauf hin, dass Chopin, wenn er Beethoven überhaupt kannte und spielte, ihn wahrscheinlich nicht schätzte. Woher kann eine solche Meinung kommen?

Das stimmt natürlich nicht, aber in Deutschland gibt es immer noch ein gewisses Klischeedenken, Chopin sei ein eher „salonfähiger“ Komponist, und seine Musik sei „zu süß“. Unser Festival dient auch dazu, ähnliche Stereotype zu widerlegen.

Ich lade alle Liebhaber der Klaviermusik herzlich ein, dem einzigartigen, originellen Chopin-Festival in Hamburg, in einem Sonderedition-Livestream online, mit Experimenten und unerwarteten Programmwechseln zuzuhören.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Festivalprogramm und die Übertragungen einzelner Konzerte sowie des Meisterkurses sind auf der Website des Festivals verfügbar: www.chopin-festival.de

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