Eleganz, Grazilität und Ernst: Riccardo Muti lässt Haydn in neuem Licht erstrahlen

Wiener Philharmoniker, Riccardo Muti, Joseph Haydn  Musikverein Wien, 21. Mai 2026

Riccardo Muti  © Todd Rosenberg

Das vollbringt nur Riccardo Muti, ein grandioser Abend mit Haydn pur. Der nicht enden wollende Beifall am Ende – wo gab es für eine Haydn-Sinfonie schon einmal Bravorufe? – zeigte, dass dem Wiener Publikum auch die sublimen Qualitäten des Musizierens nicht verborgen blieben.

Joseph Haydn
Symphonie B-Dur Hob. I:102

Symphonie Es-Dur, Hob. I:103
„Mit dem Paukenwirbel“

Symphonie D-Dur, Hob. I:104 „Salomon“

Wiener Philharmoniker
Riccardo Muti, musikalische Leitung

Musikverein Wien, 21. Mai 2026

von Kirsten Liese

Wo gibt es das schon, dass an einem Abend ausschließlich Sinfonien von Joseph Haydn geboten werden? Kann mich nicht erinnern, ein solches Programm jemals erlebt zu haben. Und selbst in Wien, wo der produktive Komponist, der 107 Sinfonien schrieb, 1809 starb, sind seine Werke üblicherweise mehr als kleine Aufwärmübung zu Beginn eines Konzerts zu hören.

Riccardo Muti freilich, der sich seit seinen Anfängen immer auch selten gespielten Juwelen gewidmet hat, seien es Messen von Franz Schubert oder Opern vergessener neapolitanischer Komponisten, hat es sich nicht nehmen lassen, uns diese Schätze aufzuzeigen – mit einer Vielzahl an Konzerten, die Staunen macht: An sechs (!) Abenden, unter denen der von mir besuchte am 21. Mai der letzte war, kamen stets dieselben drei ausgewählten von zwölf späteren „Londoner Sinfonien“ zum Klingen. Die Wiener wussten das offenbar zu schätzen. Noch am letzten Abend platzte der Wiener Musikverein aus allen Nähten, so dass noch Publikum hinter dem Orchester auf dem Podium Platz nahm.

Allzu gerne hätte ich die Chance ergriffen, mindestens zwei oder drei Abende  mitzuerleben, um die Musik noch detaillierter in mir aufnehmen zu können, was sich leider eines prall gefüllten Terminkalenders wegen nicht einrichten ließ. Aber auch schon bei einmaligem Hören offenbart sich der unerhörte Reichtum der Musik, deren einprägsame, vielfach wiederholte Motive sich ins Gedächtnis einbrennen. Und die sich doch alle einem klassischen Durchschnittsmuster entziehen, in der Weise wie Haydn augenzwinkernd mit der Form spielt, eine Linie unerwartet in einer Generalpause münden lässt oder in einen Trugschluss überführt.

Der hervorragende Gesamteindruck dieses Konzerts mit den Wiener Philharmonikern lässt sich freilich vor allem schon darauf zurückführen, dass Muti keinen einzigen Satz überhetzt wie zahlreiche andere Dirigenten, und dass er Dinge zurechtrückt, die durch die historisch manchmal gar nicht so informierte Aufführungspraxis in ein falsches Licht rückt:  die Sache mit der Besetzung zum Beispiel. Barocke Spezialensembles spielen Haydn und Mozart vielfach mit nur wenigen Streichern und behaupten, das müsse so sein.

Dem steht entgegen,  dass Mozart in Mannheim allein über sieben oder acht Kontrabässe verfügte und seinem Vater schrieb, dass er so glücklich sei, ein so großes Orchester mit einem so großen Klang gefunden zu haben, wie mir Muti einmal erzählt hat. Auch soll in Wien ein Dokument über Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ existieren, dem sich entnehmen lässt, dass Hunderte von Musikern an einer Wiener Aufführung teilgenommen haben.

Unter Muti spielen jeweils zehn erste und zehn zweite Geigen der Wiener Philharmoniker, wenn ich richtig gezählt habe, sowie acht Bratschen, fünf Celli und vier Kontrabässe. Und das zahlt sich aus, besonders in der Sinfonie „Salomon“, die mit sehr gewichtigem Ernst heroisch im Forte beginnt wie eine der mittleren Beethoven-Sinfonien und mit dramatischen und lyrischen Qualitäten aufwartet, die Beethoven in nichts nachstehen. Dies auch seitens der starken Gegensätzlichkeit zwischen Kopfsatz und Andante, das leichtfüßig und beredt daherkam, grazil vor allem im Figürlichen.

Die große Frische, mit der Muti und die Wiener Philharmoniker musizieren, vermittelt sich besonders in den Menuetten, in denen der Auftakt von einer unbändigen Kraft zeugt. In der B-Dur Sinfonie tönt es passend rustikal, fast schon wie ein Ländler, in der „Salomon“-Sinfonie prägt es der Beethoven’sche Ernst.

Es macht große Freude, Muti beim Musizieren zuzusehen, wie er mit wenig Aufwand großen Schwung entfacht, das Orchester zeitweise aber auch ohne seine Zeichen laufenlässt. Dirigent und Orchester sind über fünf Jahrzehnte ein eingespieltes Team, eitles Tamtam hat der Maestro nicht nötig. Muti zieht sich elegant auf die Rolle eines Stichwortgebers zurück, der sparsame Impulse gibt, wo es sie braucht, vor allem immer an den Stellen, wo die Musik im Zuge durch gegenläufige Akzente, Betonungen oder Synkopen aus dem Lot zu geraten droht. Da wird sein Stab zum Stachel im Fleisch. Und wie sich der Maestro von Zeit zu Zeit den ersten Geigen augenzwinkernd zuwendet, wenn eine lustige Stelle folgt, wirkt er selbst wie eine Art „Papa Haydn“, wie Musiker den österreichischen Komponisten gerne nennen.

Die drei ausgewählten Sinfonien erscheinen auch in ihrer stilistischen Bandbreite interessant. In der 1795 uraufgeführten B-Dur Sinfonie schimmert insbesondere durch das Adagio mit einem virtuosen Cellosolo – mit bezaubernder Anmut vorgetragen von  Wolfgang Härtel –  noch der galante Stil eines Carl Philipp Emanuel Bach hindurch. Damit korrespondiert – von einer ebensolchen Leichtigkeit getragen – ein Geigensolo in der Sinfonie „mit dem Paukenwirbel“ (nicht zu verwechseln mit der bekannteren Sinfonie „mit dem Paukenschlag“!) aus demselben Jahr, ebenso brillant gespielt von Konzertmeister Rainer Honeck.

Wenn ich nun überwiegend die Streicher hervorgehoben habe, ist das nicht ganz gerecht, denn auch sämtliche Bläser und nicht zu vergessen der Pauker, der die Sinfonie mit dem entsprechenden Titel eindrucksvoll eröffnet, gaben eine treffliche Vorstellung, im Lyrischen gleichermaßen wie im Feierlich-Majestätischen.

Der nicht enden wollende Beifall am Ende – wo gab es für eine Haydn–Sinfonie schon einmal Bravorufe? – zeigte jedenfalls, dass dem Wiener Publikum auch die sublimen Qualitäten des Musizierens nicht verborgen blieben.

Kirsten Liese, 22. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sir Simon Rattle und Riccardo Muti Musikverein Wien, 13. /14. Mai 2026

CD-Besprechung: Paavo Järvi, Haydn klassik-begeistert.de, 29. November 2024

Joseph Haydn, Die Jahreszeiten, Thomas Guggeis, musikalische Leitung Frankfurt, Alte Oper, 18. Mai 2026

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