Zwei Stardirigenten geben sich in Wien die Klinke in die Hand

Sir Simon Rattle und Riccardo Muti  Musikverein Wien, 13. /14. Mai 2026

Goldener Saal, Musikverein Wien © Wolf-Dieter Grabner

Eine arbeitsreiche Zeit beschert uns der (informell bezeichnete) Musiksommer. Da könnte man täglich aus Veranstaltungen mit Spitzenkünstlern wählen. Und an diesem Feiertagswochenende (Christi Himmelfahrt) gaben sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Wiener Philharmoniker im Wiener Musikverein die Klinke in die Hand. Und bewiesen, dass sie zu Recht als Weltklasseensembles bezeichnet werden.

Robert Schumann: Symphonie Nr. 2 in C-Dur, op. 61
Igor Strawinsky: Der Feuervogel

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle

Musikverein Wien, 13. Mai 2026, 19.30 Uhr

Joseph Haydn
Symphonie Nr. 102 B-Dur, Hob. I:102
Symphonie Nr. 103 Es-Dur, Hob. I:103 „Mit dem Paukenwirbel“
Symphonie Nr. 104 D-Dur, Hob. I:104 „Salomon“

Wiener Philharmoniker
Riccardo Muti

Musikverein Wien, 14. Mai 2026, 11 Uhr

von Herbert Hiess

Man ist ja schon mehr als verwöhnt, wenn man das Auftreten von zwei solchen Orchestern innerhalb von 16 Stunden als selbstverständlich nimmt. Nicht umsonst bezeichnen manche ausländischen Musikfreunde und – kenner Wien als Paradies der Musik.

Begonnen hat es Mittwoch abends mit dem exzellenten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter ihrem aktuellen Chef Sir Simon Rattle. Vor der Pause gab es die meistens als Hauptwerk angesetzte zweite Symphonie von Robert Schumann. Das interessante und effektvolle Werk klang unter dem britischen Dirigenten mehr als interessant; vielleicht hätte man sich mehr dramatische Ausbrüche gewünscht und noch mehr Emotionen – da vor allem im „Adagio espressivo“, das vielleicht als Vorlage für Mahler-Adagios gedient hat. Dafür war der zweite Satz eine Tempojagd sondergleichen; die Coda hat dabei sogar das Tempo von Leonard Bernstein übertroffen.

Sir Simon Rattle © Oliver Helbig

Eigenartig war der Schluss; hier soll die Pauke am Schluss die C-G-Noten im Fortissimo (ff) spielen; hier wurde es auch so gespielt – nur im Schlussakkord spielte die Pauke plötzlich nur Forte. Dynamisch unlogisch und klanglich eher befremdlich. Ob das nur am Paukisten oder an Rattle lag, wäre interessant herauszufinden.

Weltklasseniveau hatte dafür Strawinskys komplettes „Feuervogel“-Ballett. Unglaublich, was Rattle und das Orchester geleistet haben.  Die Piano- und Pianissimokultur dieser Musiker ist heute fast unerreicht. Strawinsky hat bei seiner Komposition fast nichts ausgelassen. Drei (!) Harfen, Celesta, Klavier, alles mögliche Schlagwerk, Es-Klarinette, Altflöte, Horntuben usw.

Und wie so üblich bei Strawinsky – perfekt in eine unglaublich faszinierende Partitur gegossen. Die Bayern mit Rattle machten ein wahrhaftes Fest daraus. Die Pianissimopassagen der Streicher zu Beginn erzeugten Gänsehaut; man hörte jede Note fast an der Wahrnehmungsgrenze. Der ständige Wechsel zwischen Piano und Forte machte das Werk bis zum Schluss spannend wie einen Krimi. Höhepunkte waren natürlich der „infernalische Tanz“, das „Wiegenlied“ und ganz besonders das Finale mit dem zarten Flirren der Streicher und dem exzellent gespielten Hornsolo.

Gabriel Faurés „Fileuse“ aus der Pelléas et Mélisande-Suite war in seiner Zartheit nur ein weiterer Beweis für das Können des deutschen Spitzenorchesters.

Am Himmelfahrt-Vormittag gaben sich die Wiener Philharmoniker unter Maestro Riccardo Muti mit einem speziellen Programm die Ehre. Das Wiener Orchester spielte die letzten drei der Londoner Symphonien des burgenländischen Komponisten Joseph Haydn.

Riccardo Muti © Terry Linke

Es war insofern eine Art von Ehrenrettung, da selten genug ein ganzes Konzertprogramm „nur“ mit Symphonien von Joseph Haydn bestritten wurde. Häufig werden einige seiner Symphonien als Alibi-Beiwerk eines Konzertprogrammes angesehen, um dann mit beispielsweise einer Symphonie von Tschaikowsky „niedergebügelt“ zu werden.

Riccardo Muti bewies in diesem Konzert sein grandioses Können. Wie man weiß, saß Haydn öfters der „Schalk im Nacken“. Nicht oft verunsicherte er das Publikum mit seinen Einfällen. Egal, ob ein plötzliches Pianissimo nach einem ansonsten erwarteten Forte, einer plötzlichen Modulation oder mit einem speziellen Rubato oder einer plötzlichen Generalpause … Muti kostete das wunderbar aus und man konnte mit ihm und dem Orchester begeistert diesen Einfällen lauschen. Beispielgebend für die Genialität von Haydn ist der zweite Satz der 103.; das „Andante“ mit den Variationen.

Herausragend neben den großartigen Orchestermusikern der Wiener das Cellosolo von Wolfgang Härtel im zweiten Satz der Symphonie Nr. 102 oder das Violinsolo von Konzertmeister Rainer Honeck im zweiten Satz der Symphonie Nr. 103.

Dieses Haydnkonzert ist ein Meilenstein in der Geschichte der Wiener und zeigte, wie begeisterungswürdig Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker harmonieren. Hoffentlich kann man noch lange dieser Zusammenarbeit lauschen!

Herbert Hiess, 14. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Mahler, Sinfonie Nr. 9 D-Dur, Sir Simon Rattle, Wr. Philharmoniker Musikverein Wien, Goldener Saal, 17. April 2026

Wiener Philharmoniker, Riccardo Muti, Mozart und Dvořák Musikverein, Wien, 18. Februar 2025

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