Samson et Dalila © 2026 Mihaela Bodlovic
Grandiose Stimmen – eine Dalila, die den Vergleich mit den besten Mezzosopranistinnen weltweit nicht zu scheuen hat und als kongenialer Partner ein Tenor, der alle Register zwischen Sinnlichkeit und Heroismus perfekt beherrscht. Ein großartiger Chor in diesem Werk, das der Komponist ursprünglich als religiöses Oratorium und nicht als Oper konzipiert hatte. Die Inszenierung allerdings befriedigt nicht vollständig.
Camille Saint-Saëns, Samson et Dalila
Libretto Ferdinand Lemaire
Dirigent Alexander Soddy
Regie Richard Jones
Bühne Hyemi Shin
Kostüme Nicky Gillibrand
Samson Seokjong Baek
Dalila Aigul Akhmetshina
Rabbiner William Thomas
Abimelech Ossian Huskinson
Chorleitung William Spaulding
Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera House Covent Garden, 13. Mai 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Zugegeben – dieses hybride Werk, welches in GAZA im 12. Jahrhundert spielt, oszillierend zwischen religiösem Oratorium, Liebesdrama (hoch erotischen Momenten, die im Handumdrehen in Verrat und Hass kippen) und heroischem Freiheitskampf der versklavten Hebräer à la Nabucco – ist kein Sonntagsspaziergang selbst für einen erfahrenen Regisseur.
Dass diese Inszenierung in der renommierten Londoner Royal Opera deutlich mehr misslungen als gelungen ist, verwundert daher kaum.
Vor einem allzu minimalistisch angelegten Bühnenbild, das aus einem Tempel, der eher an eine Miniaturbühne für den Eurovision Song Contest als an einen Respekt gebietenden Tempel für eine angeblich allmächtige Gottheit erinnert, plus Dalilas schlichte Behausung in billiger Fertigteil-Holzbauweise direkt aus dem Do-it-yourself-Baumarkt – das weckt keine erotisch-orientalische Exotik, wie man sie bei dieser Musik und dem Thema erhofft.
Die Kostüme der Darsteller, die stets uninspiriert und völlig statisch in einer Reihe aufgestellt sind (worauf sie denn wohl warten?), sind in tristen Grautönen und verwaschenem Blau gehalten und sollten wohl an Ghettos oder gar Konzentrationslager erinnern.
Der große Wurf ist lediglich die überdimensionierte Skulptur der von den bösen Philistern verehrten Gottheit Dagon: Ein bedrohlich grinsender blauer Clown-Kopf mit goldenem Haar, der mit der einen Hand eine Slot-Maschine und mit der anderen einige Stapel von Casino-Glücksspiel-Jetons umklammert. Die Assoziation mit Donald Trump ist wohl kaum zufällig. Da wird kruder Materialismus verehrt.

Leider ist auch das berühmte Bacchanal, das in seiner exotisch-erotischen Sinnlichkeit zur Schlichtheit der gregorianischen Choräle zu Beginn des Werkes steht, eher eine müde Angelegenheit. Von jeglicher sexuellen Orgie meilenweit entfernt: da bemüht sich eine Handvoll Tänzer etwas Bewegung in die vorherrschende Statik dieser Inszenierung zu bringen: vergeblich allerdings.
Und selbst Dalilas verführerisch-erotischer Tanz wirkt eher wie die Tanzeinlage aus einem drittklassigem Vorort-Nightclub. Dass die Philister dem gefangenen Samson das lange Haar – bekanntlich die geheime Quelle seiner übermenschlichen Kraft – off stage abschneiden ist zwar schade, aber nicht der Fehler des Regisseurs. Plötzlich betritt nun Samson mit kurzem statt überlangem Haar die Bühne und wir wissen nicht weshalb.
In starkem Kontrast zu diesen szenischen Mängeln stehen die musikalischen, vor allem die sängerischen Glanzleistungen dieser Inszenierung. Diese Dalila intoniert ihren Part mit geradezu himmlischem Wohlklang, zugleich im Auftreten unwiderstehlich erotisch und verführerisch. Ihre Stimme klingt ebenso klar wie sinnlich, glühend und doch präzise. Samson, der ursprünglich als Bariton aufgetreten war, tritt nun als Samson erstmals als überzeugender Tenor auf: Mit makellosem tenoralem Schmelz, Wärme und ungebremster Leidenschaft, bis hin zum perfekten hohen C ganz am Ende der Oper, seinem befreienden Kraftakt.
Dass sich durch seine plötzlich wiedererwachenden magischen Kräfte beim zusammen stürzenden Marmor-Tempel des Dagon lediglich ein paar Dachbalken lockern, liegt wohl an der mangelhaften Bauhaus-Qualität dieses Tempels und sicher nicht an der Einfallslosigkeit von Regisseur und Bühnenbildner. Beeindruckend oder überzeugend war dieser Schlusseffekt jedenfalls nicht.
Dr. Charles E. Ritterband, 14. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Modest P. Mussorgski (1839-1881), Boris Godunow Royal Opera House, Covent Garden, 29. Januar 2026
Richard Wagner, Der fliegende Holländer Royal Opera House Covent Garden, 11. März 2024