Das Verdi-Requiem bringt die „Elphi“ zum Beben

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Sächsische Staatskapelle Dresden  Elbphilharmonie, 3. Juni 2026

Verdi-Requiem HH Solisten © Oliver Killig

Das wuchtigste Requiem der Musikgeschichte, eine Weltstar-Besetzung und dies noch in einem der akustisch besten Konzertsäle überhaupt – was kann man da noch falsch machen? Am 3. Juni 2026 wurde den im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie versammelten Nordlichtern vermittelt, wie einem nach Meinung eines katholischen Tonsetzers am Jüngsten Tag all das um die Ohren gehauen wird, was man sich auf Erden hat zuschulden kommen lassen.

Abschlusskonzert des Internationalen Musikfestes Hamburg

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem

Eleonora Buratto, Sopran
Elīna Garanča, Mezzosopran
Benjamin Bernheim, Tenor
Riccardo Zanellato, Bass

Daniele Gatti, Dirigent
Sächsische Staatskapelle Dresden

Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Elbphilharmonie, Großer Saal, 3. Juni 2026

von Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl

Orchestrale Klanggewalt vom Feinsten

Um es gleich vorweg zu sagen: Makellos beeindruckend ist an diesem Vorabend des Fronleichnam-Feiertages die Leistung der Sächsischen Staatskapelle Dresden. In den ersten Takten streicheln die Cellisten ihre Instrumente geradezu mit dem Bogen; es entsteht eine samtweiche Sanftheit, die noch nichts vom drohenden Endgericht ahnen lässt. Die Geigen entwerfen mehrfach an diesem Abend eine zauberhafte Feinheit, wie ein magisch gewobenes schillerndes Textil, das durch den Saal schwebt. Flöten in flinken, kristallinen Linien schenken eine feintönende Ergänzung zu den seelenvoll ins Innere dringenden anderen Holzbläsern.

Am beeindruckendsten allerdings ist die erbarmungslose Wucht des „Dies irae“, wenn die Pauke in archaischer Kraft ins Innerste der aufgeschreckten Seele hämmert, während Hörner und Posaunen feurige Drohungen ausstoßen – dies ist das klanggewordene Flammenschwert des Erzengels Michael, mit dem er diejenigen das Fürchten lehrt, die nicht, wie es bei Jesaja heißt „richtig vor sich gewandelt haben“. Überall im Saal auf den oberen Rängen verteilt stehen die Trompeten und schaffen, um es flapsig auszudrücken, ein beeindruckendes „Verdi-Surround-Erlebnis“, aber hier wird der harte Ernst der Botschaft hör- und spürbar: Keiner von euch entkommt – täuscht euch nicht! Selbst nüchternen Protestanten und abgeklärten Atheisten jagt es da die Gänsehautschauer über den Leib und lässt das Herz beben.

Verdi Requiem, Tutti, Photo: Andreas Ströbl

Ein kraftvoller Chor und eigenwillige Tempi

Entsprechend der instrumentalen Stärke singen die Damen und Herren des Sächsischen Staatsopernchors Dresden mit der Kraft, die die inhaltliche Schonungslosigkeit der Totenmesse verlangt. Wenige, leicht unscharfe Einsätze im letzten Teil sind zu verzeihen; das Ganze passiert ja live und in feuriger Farbe, es schmälert auch nicht den überwältigenden Gesamteindruck. Schließlich sind Chor und Orchester hervorragend aufeinander eingespielt.

Daniele Gattis Dirigat ist gewohnt engagiert, zuweilen spielt er deutlich mit Effekten, wie einem Beben der Hände, die gleichsam das „Tremens factus sum ego et timeo“, also das Zittern und Zagen angesichts des Weltgerichts illustrieren. Die Chemie des seit 2024 als Chefdirigent der Dresdner tätigen Gatti und Chor sowie Orchester scheint zu stimmen; es ist ein schließlich gewaltiger Klangkörper, den es zusammenzuhalten gilt.

Verdi-Requiem HH, Chor © Oliver Killig

Einige seiner gewählten Tempi sind sicherlich Geschmackssache. Im „Dies irae“ droht zwischendurch gelegentlicher Spannungsverlust durch Langsamkeit, die häufigen Generalpausen stoppen zudem den Gesamtfluss. Das folgende „Offertorium“ hingegen wirkt ungewohnt gehetzt; auch die Solisten müssen sich sputen, was partiell zu Textverlust führt. Die Chorfuge im abschließenden „Libera me“ wird durch ein starkes Ritardando mit großer dynamischer Entwicklung etwas zu bombastisch im Verhältnis zum flehenden Text aufgebaut. Aber, wie angeführt, das ist durchaus Ansichtssache.

Vier Solisten von Weltrang

Auserlesen ist die solistische Besetzung dieses Requiems. Vielleicht lassen sich die sehr unterschiedlichen Klangfarben der Stimmen am besten synästhetisch beschreiben; insgesamt harmonieren sie wunderbar miteinander. Elīna Garančas samtiger, glutvoller Mezzosopran hat eine blutrote Farbe, die Stimme vermittelt satt und samtig-warm die Angst und den Schrecken, ebenso wie den Trost. Lediglich im unteren Register klingt sie etwas fahl. Ihr „Lux aeterna“ aber leuchtet lange nach. Der bernsteinfarbene Sopran von Eleonora Buratto schwebt kraftvoll und klar über dem orchestralen Fortissimo. Gerade im „Libera me“ ist ihre füllige, aufragende Stimme von lichtvoller Transluzidität und besticht durch eine runde Weichheit. Die Duette der beiden sind von großer Dramatik und doch traumhafter Schönheit.

In hellem Blau erscheint der klare, schlanke Tenor Benjamin Bernheims; es ist die Farbe des Himmels auf dem Jüngsten Gericht von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, ganz unten, wo das Firmament an die Erde stößt, aus der sich die Erlösten und Verdammten erheben. Mühelos strahlt seine Stimme in den Raum, klar und dynamisch in den Emotionen wunderbar austariert und höhensicher. Erstaunlich daher, dass Bernheim das zauberzarte „Hostias“ im dritten Teil mit der Kopfstimme beginnt und erst im Verlauf ins Brustregister wechselt, woraus sich hier der etwas seltsame Eindruck von zwei sehr unterschiedlichen Stimmen ergibt. Der Bass der „Messa“ klingt bei anderen Sängern oft tiefschwarz, aber bei Riccardo Zanellato ist es ein dunkler Anthrazitton, wie man ihn von Grabplatten des norddeutschen bis niederländischen Raumes kennt. Die Botschaft dringt hier, trotz der Unabwendbarkeit des Todes im drohenden „Mors“, eher väterlich-weich hindurch. Die Stimme hat etwas ungemein Tröstliches, geradezu Einhüllendes in sich, die nach dem bis ins Mark erschütternden „Dies irae“ die Erlösung und das ewige Leben verkündend, die Angst mildert.

Glücklicherweise ist an diesem Abend ein nachträglicher Einlass ausgeschlossen; wer zwischendrin den Saal verlässt, muss draußen warten. So unterbleibt fast durchweg das anstrengende und leider typische Elphi-Umherlaufen. Bis auf einen Klingelton und einer enormen Hustenattacke ausgerechnet während der sanften „Hostias“-Stelle sowie der üblichen Keucherei (die Hustenbonbon-Ausgaben an den Garderoben sind wieder wohlgefüllt!) ist das Publikum fast durchweg konzentriert und diszipliniert. Allerdings fällt einigen Besuchern das ruhige Sitzen über einen gewissen Zeitraum schwer (und wir sprechen hier nicht vom 1. Akt der Wagner’schen Götterdämmerung!), es muss gezappelt, am Kopf gekratzt, häufig die Position geändert und im Programm gelesen werden, gern auch im Austausch mit dem Sitznachbarn. Ja, es gibt in dem Werk keine Pause, aber man darf doch ein gewisses Interesse an dem Stück erwarten, wenn man die Karte erwirbt, und wünschenswerterweise eine Vorbereitung darauf eben vor der Aufführung und nicht ein Studium währenddessen. Sehr viele jedoch hat das Werk in diejenige „Demutsstarre“ versetzt, die Peter Härtling in seinem einfühlsamen Verdi-Roman dem Orchester der Mailänder Scala attestiert, „denn sie nahmen an einer wunderbaren Verwandlung teil, der des weltberühmten Opernkomponisten in einen Komponisten religiöser Musik“.

Verdi-Requiem HH, Solisten Schlußapplaus © Oliver Killig

Das Requiem verklingt mit dem flehenden „Libera me!“ in demütiger Gebetshaltung. Wird es ein Erbarmen geben? Nur einen Kilometer Luftlinie entfernt erhebt der Erzengel Michael am Westportal der Hauptkirche St. Michaelis seinen Speer, um ihm den Satan in den Leib zu stoßen. Doch sein Blick geht in Richtung der zu ihm aufschauenden Mutter mit zwei Kindern. „Libera me“, scheint sie zu hauchen. Ahnt man da die Gnade des Seelenwägers?

Nach erfreulich ehrfürchtigen Momenten der Stille bricht dann der Jubel los und bald haben sich alle zum begeisterten Applaus von den Plätzen erhoben. Ein fast durchweg großartiger Konzertabend!

Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl, 4. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Klein beleuchtet kurz 74: Daniele Gatti Elbphilharmonie, 2./3. Juni 2026

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem Musik- und Kongresshalle Lübeck, 31. August 2025

Giuseppe Verdi: Messa di Requiem  Laeiszhalle, 18. November 2023

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