„…so zerteilte mich die Liebe und der Schmerz“ – Schnittke und Schubert in der Elbphilharmonie Hamburg

Philharmonisches Konzert im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie

Es ist eines der härteren Schnittke-Stücke und gleich zu Beginn des ersten Satzes ließ Kremer seine Violine flehen, winseln, im Tremolo und Flageolett gequält klagen. Als würde ein verängstigtes Kind verzweifelt um Schutz bitten, zwang der begnadete Geiger die Töne manchmal bis zum schmerzhaften Kratzen an die Grenze des schönen Lauts und ließ sie sich mitunter überschlagen.  

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, 19. September 2021

Foto: Elbphilharmonie Hamburg © Elbphilharmonie Hamburg


Alfred Schnittke, Konzert Nr. 3 für Violine und Kammerorchester Franz Schubert, Streichquartett d-Moll D 810 „Der Tod und das Mädchen“ in der Bearbeitung für Streichorchester von Gustav Mahler

Leitung: Kent Nagano
Violine: Gidon Kremer
Rezitation: Martina Gedeck
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

von Dr. Andreas Ströbl 

„Viel Spaß“ wünschten die freundlichen Damen vor den Saaltüren auch am 19. September dem Publikum, das in den großen Saal der Elbphilharmonie strömte. Das war lieb gemeint, aber spaßig war das Programm tatsächlich nicht. Es ging um existentielle Grenzerfahrungen und deren hochemotionaler Wiedergabe in ergreifender Musik. Die kammermusikalischen Werke zweier ausgesprochen unterschiedlicher Komponisten erweiterten die Hamburger intelligent und feinfühlig mit Texten, die in direktem Bezug zum zweiten Teil des Konzerts standen.

Mit gespannter Ehrfurcht erwartete man Gidon Kremers Interpretation des 3. Violinkonzerts von Alfred Schnittke. In der Tat hat der Komponist dem Solisten in der Partitur einige Freiheiten gelassen und Kremer lotete aus, was an Schmerz in dem nur in wenigen Passagen leicht zugänglichen Werk darstellbar ist. Es ist eines der härteren Schnittke-Stücke und gleich zu Beginn des ersten Satzes ließ Kremer seine Violine flehen, winseln, im Tremolo und Flageolett gequält klagen. Als würde ein verängstigtes Kind verzweifelt um Schutz bitten, zwang der begnadete Geiger die Töne manchmal bis zum schmerzhaften Kratzen an die Grenze des schönen Lauts und ließ sie sich mitunter überschlagen. Dissonanzen der Violine wurden durch solche der Bläser verstärkt und in drohende Antworten mit Fugen-Anklängen verwandelt. Kremer beugte und wand sich, als würde er vor seinem eigenen Spiel in die Knie gehen müssen. Der Satz klang beruhigter aus und weckte eine leise Erinnerung an das „Es ist genug“-Zitat aus Alban Bergs Violinkonzert. Ebenso wie in diesem Werk ist hier nichts lustig, weil der bittere Ernst in und zwischen den Noten sitzt. „Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Elbphilharmonie,
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Wenig Magie bei der Opening Night in der Elphi

ELBPHILHARMONIE, 1. SEPTEMBER 2021
OPENING NIGHT

NDR Elbphilharmonie Orchester
Yo-Yo Ma Violoncello
Dirigent Alan Gilbert

PROGRAMM

Leonard Bernstein
Symphonic Dances from »West Side Story«

Samuel Barber
Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 22

Zugabe:

George Gershwin
Summertime / aus der Oper »Porgy and Bess«

– Pause –

Mark-Anthony Turnage
Time Flies

George Gershwin
Ein Amerikaner in Paris / Sinfonische Dichtung

von Andreas Schmidt

Mit einem amerikanischen Programm ist die Elbphilharmonie Hamburg in die neue Saison gestartet. Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielte sehr engagiert und couragiert unter der Stabführung des US-Amerikaners Alan Gilbert; der weltbeste Cellist Yo-Yo Ma, US-Amerikaner, sorgte für einige Glanzpunkte – allein, dass große, besondere Opening-Feeling blieb aus an diesem Mittwoch.

Bezeichnend für diesen Abend war: Er gab nicht ein einziges Bravo – weder für einen der Solisten noch für das Orchester oder den Dirigenten. Es gab zwischendurch artigen Beifall und zum Schluss sogar guten – aber wahre Begeisterung sieht anders aus, wenn das wohl most amazing Konzerthaus Europas die Pforten öffnet. „NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert, Yo-Yo Ma, Violoncello, Opening Night
ELBPHILHARMONIE, 1. SEPTEMBER 2021“
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Elphi HH: Zweiter Saisonabschluss mit zwei Einspringern

Elbphilharmonie Hamburg, 9. Juli 2021

Foto: © Thies Rätzke

NDR Elbphilharmonie Orchester
Rudolf Buchbinder, Klavier
Manfred Honeck, Dirigent

Werke von Edvard Grieg und Felix Mendelssohn Bartholdy

von Johannes Fischer

Eigentlich sollte der Saisonabschluss des NDR Elbphilharmonie Orchesters schon vor drei Wochen gefeiert werden. Uneigentlich schließt die Saison aber mit diesem „Corona-Bonus-Konzert“, also mit einem zweiten Saisonabschlusskonzert. Ein Geschenk für alle Musikliebhabenden wie auch für all die Corona-Helden, die für dieses Konzert Ehrenkarten erhalten hatten. „NDR Elbphilharmonie Orchester
Elbphilharmonie Hamburg, 9. Juli 2021“
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Die Elphi kommt mal wieder ganz groß raus

PRESSEINFORMATION

Foto: Elbphilharmonie, Hamburg, © eberhardt-travel.de

Mit der Aussicht auf eine Vielzahl starker Glücksmomente beim Erleben erstklassiger live gespielter Musik lädt die Elbphilharmonie die ästhetisch-künstlerischen Energiereserven der Hamburgerinnen und Hamburger und all ihrer Gäste von nah und fern wieder auf. In seiner Opulenz und Qualität knüpft das Programm der Saison 2021/22 an vorpandemische Zeiten an. Große Namen wie Esa-Pekka SalonenTeodor CurrentzisSir Simon RattleMirga Gražinytė-TylaValery GergievSemyon BychkovAndris Nelsons oder Daniel Barenboim entfachen die Vorfreude auf die Rückkehr zu einem reichhaltigen Konzertleben ebenso wie das Versprechen auf umfassende Begegnungen mit Musik von Komponisten wie Sibelius, Strauss, Mozart, Schumann, Beethoven oder Hanns Eisler. Anoushka ShankarMax Richter und John Zorn sind jeweils »Elbphilharmonie Reflektor«-Festivals gewidmet. Zur Eröffnung der Saison am 1. September, die HamburgMusik und der NDR erneut gemeinsam feiern, hat das NDR Elbphilharmonie Orchester unter seinem Chefdirigenten Alan Gilbert den Star-Cellisten Yo-Yo Ma zu Gast. – Da die Pandemie noch nicht vollständig gebannt ist, kann das Publikum seine Ticketwünsche ohne Risiko auf dem Bestellweg anmelden. Bestellungen für einen Großteil der Konzerte werden ab 15. Juni unter www.elbphilharmonie.de entgegengenommen. „Das Programm der Elbphilharmonie Hamburg
Saison 2021/22 “
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Song of America in der Elphi: A celebration of Black Music

Lebendig und beseelt – die Wiedereröffnung der Elbphilharmonie Hamburg vor Live-Publikum

Elbphilharmonie Hamburg, 31. Mai 2021

Foto © Maxim Schulz

„Damit sich am Ende alle zusammenfinden können“

von Andreas Schmidt (klassik-begeistert.de) und
Patrik Klein (IOCO Kultur im Netz)

Manchmal liegt es nahe, wenn zwei Medien, die mit leicht unterschiedlicher Philosophie aber sehr ähnlichen Vorlieben unterwegs sind, auch einmal ein Stück des Weges gemeinsam gehen. So wurde an diesem Freudentag der Wiedereröffnung der Elbphilharmonie Hamburg und dem vorherigen Besuch der Pressekonferenz der Staatsoper Hamburg, bei der das neue attraktive Programm der kommenden Saison vorgestellt wurde, ein gemeinsamer Abend im Block K des Hauses nebeneinander sitzend und miteinander plaudernd und gebannt zuhörend verbracht.

Der Intendant der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, begrüßte dann auch die rund 700 Gäste voller Emotionen und brachte zum Ausdruck, dass er sich besonders darüber freue, dass denn nun dieses ungewöhnliche Programm an diesem Abend pandemiebedingt zum Wiedereröffnungsabend nach sieben Monaten wurde. „Herzlich willkommen in der Elbphilharmonie – das habe ich schon lange nicht mehr gesagt“, sagte der gebürtige Wiener. „Song of America: A celebration of Black Music
Elbphilharmonie Hamburg, 31. Mai 2021“
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Uraufführungs-Reigen der Dresdner Musikfestspiele: Eine überaus hörenswerte kompositorische Hommage an Beethoven

Foto: © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg, Konzertaufzeichnung vom 24. und 30. April 2021, Stream vom 27. Mai 2021 im Rahmen des Streaming-Festivals der Dresdner Musikfestspiele

Mira Wang, Violine
Jan Vogler, Violoncello
Daniel Ottensamer, Klarinette

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Kent Nagano, Dirigent

William Blank: »Alisma«. Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Klarinette und Orchester (Uraufführung)

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90

von Pauline Lehmann

Die Dresdner Musikfestspiele und ihr Intendant Jan Vogler haben sich Uraufführungen quasi zur Herzensangelegenheit und zur Visitenkarte gemacht. Die zeitgenössischen Tonschöpfungen sind nicht nur ein interkulturelles Plädoyer und führen von Dresden rund um den Globus, sondern sie lassen auch die Vielfalt der musikalischen Gattungen ins Scheinwerferlicht treten. „Mira Wang, Jan Vogler, Daniel Ottensamer, Kent Nagano, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,
Elbphilharmonie, 27. Mai 2021“
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Warum lieben wir Oper?

Warum lieben wir Oper? Weil Bild und Musik und Text und Bewegung zusammenkommen. Schön ist das.

Foto: Durch ein Wohnzimmer auf der ElPhi-Treppe zum Großen Saal…
Elbphilharmonie, Hamburg, Rolltreppe © Michael Zapf

von Sandra Grohmann

Wenn aber Bild und Musik und Text und Bewegung und dann auch noch ironischer Unsinn fein abgestimmt zusammenkommen, ist Perfektion erreicht. So bei Patricia Kopatchinskajas „Phantasmagorien“, die im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg Digital am 28. Mai 2021 zum ersten Mal aus dem heimischen Monitor schauten (nachzusehen auf https://youtu.be/4H4_Zf1I0hs ). Ein Fest wahrhaftig, das sich da um Kurt Schwitters „Ursonate“ lautmalt. Laut malt. So wunderbarsamgroßunartig, dass ich es gleich noch einmal anschauen musste. MUSSTE! Denn dies war das Intelligenteste, was ich im Angebot dieser an Digitalem nicht eben armen Monate wahrgenommen habe. Ich bin verliebt! Warum nur?

Erstens: Hier wird nicht einfach abgefilmt. Hier wird in Szene gesetzt. Schon der erste Konzertauftritt des Duos Patricia Kopatchinskaja (Violine)/Reto Bieri (Klarinette) ist umwerfend, im Wortsinn.

© Marco Borggreve

Zweitens: Das Hochamt der Ironie. Das ist kompletter Unsinn, aber Ironie ohne Intelligenz funktioniert nicht. Also hat es doch wieder Sinn. Dada? Alles spiegelt sich. Mattscheibe auf der Mattscheibe. Kunstton im Kunstton. Selbstvor- und –rückbezüglichkeit auf allen Leveln. Das funkelt.

Drittens: Zwei atemberaubende Musiker spielen hochkonzentriert miteinander. Spielen und spielen. Musik und Spiele. Jeu. Vom elften Jahrhundert bis heute – bis zu PatKop. Was hecken sie für die nächste Szene aus?

Viertens: Das reißt mit. Auch weil die Kamera ganz nah dran ist. Das ist nicht live minus live. Das war live so nah dran, wie es live gar nicht ginge.

Fünftens: Auf das „E“ vor der Musik können wir getrost verzichten. Und auf das „U“? Who cares, wenn ein oder gar zwei „Da“ in der Nähe sind. Ich bekenne: Da-Musik is it!

Sechstens: Wir reisen durch guggenheimeske Parkhäuser, in denen Mönche spielen (schon wieder Spiel). Durch WCs, in denen „es kommt“. Durch ein Wohnzimmer auf der ElPhi-Treppe zum Großen Saal. Ach, Bach! Wo sonst kommen diese Welten einander so nah?

Siebtens: Kopatchinskajas eigener Ton, leicht rauchig, immer erzählend, überträgt sich auch über das Netz. Violine ist Stimme ist Klarinette ist Stimme ist Violine. Klangrede, Redeklang. Intensiv oder pianissimo. So viel zu erzählen. Atem anhalten, um zu hören.

Und überhaupt, aber nicht letztens: Fümms bö wö tää zää uu. Schwitters, der Maler, der Dichter, sagte ich Lautmaler? Viel mehr: der Lautundleisymphoniker. Für alle, die den ursprünglichen Film sehen möchten: Der ist von der ElPhi auch ins Netz gestellt (https://youtu.be/C6-rVq4jF74). Ursonate? Das ist, wie  man sieht, mindestens ein Quartett. Eigentlich eine Kammersymphonie. Unwiderstehlich.

Sandra Grohmann, 30. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Brava, liebe Sandra! 
Andreas Schmidt, Herausgeber

 

 

 

Internationales Musikfest Hamburg: Händels Oratorium „Israel in Egypt“ erklingt in höchster musikalischer Präzision

Elbphilharmonie, Hamburg, Live-Stream, 16. Mai 2021
Fotos: Maxim Schulz ©

Rezension des Videostreams vom Internationalen Musikfest Hamburg „Israel in Egypt“

von Frank Heublein

Das Internationale Musikfest Hamburg ist 2021 völlig digital organisiert. Am Sonntag ist Thomas Hengelbrock mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble zu Gast in der Elbphilharmonie Hamburg. Es erklingt Georg Friedrich Händels Oratorium „Israel in Egypt“.

Es schaut klein aus, das Ensemble, auf dieser großen Bühne aus der Deckentotale der Kamera heraus. Keine 40 Orchestermitglieder, der Chor besteht aus 32 Personen. Das letzte Mal live habe ich das Stück in viel größerer Personalstärke gesehen und gehört. Mein erster Eindruck wird mit dem allerersten – und allen weiteren Tönen an diesem Abend – flugs weggewischt. „Georg Friedrich Händel, „Israel in Egypt“ (Oratorium), Balthasar-Neumann-Chor, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock
Elbphilharmonie, Hamburg, Live-Stream, 16. Mai 2021“
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Happy birthday, liebe Elphi (3): Weltklasse-Orchester verzaubert Hamburgs heißeste Bühne

Am 11. Januar 2021 feiert die Elbphilharmonie Hamburg ihren vierten Geburtstag. Anlass für klassik-begeistert.de, das von den Baukosten her teuerste Konzerthaus der Welt noch einmal im Glanze des Anfangs zu zeigen. Letzter Teil: Das Auftaktkonzert der Wiener Philharmoniker während der Eröffnungswochen im Januar 2017.

Foto: Claudia Höhne (c)
Wiener Philharmoniker, Semyon Bychkov:

Johannes Brahms/Detlev Glanert: Vier Präludien und ernste Gesänge;
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Titan“;

Elbphilharmonie Hamburg, 22. Januar 2017

von Ricarda Ott

Nach dem Chicago Symphony Orchestra (klassik-begeistert.de berichtete) nun also der nächste große Knaller in der Elbphilharmonie: die Wiener Philharmoniker. Eine Jahrhundert-Institution der Musikgeschichte aus der Musikstadt schlechthin. Seit ihrer Gründung 1842 vereint das Orchester die besten Musiker, die besten Dirigenten und Solisten auf den Konzertbühnen rund um den Globus.

Am Sonntagabend spielte das über 100 Personen starke Weltklasse-Orchester in der Hansestadt auf der neusten und derzeit „heißesten“ Bühne. Am Dirigentenpult stand einer der weltbesten Dirigenten: der Russe Semyon Bychkov; es sang der auch in Bayreuth gefeierte dänische Bassbariton Johan Reuter – 2010 gab er im „Rheingold“ von Richard Wagner den Wotan. Dazu ein umwerfendes Programm, das drei Komponisten mit Hamburg-Bezug vereinte. „Happy birthday, liebe Elphi (3) – die Wiener Philharmoniker
Elbphilharmonie, 14. Januar 2021“
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So hört sich Perfektion in der Elbphilharmonie an – happy Birthday, liebe Elphi (2)

Am 11. Januar 2021 feiert die Elbphilharmonie Hamburg ihren vierten Geburtstag. Anlass für klassik-begeistert.de, das von den Baukosten her teuerste Konzerthaus der Welt noch einmal im Glanze des Anfangs zu zeigen. Heute: Das bewegendste Konzert der beiden Eröffnungswochen im Januar 2017.

Chicago Symphony Orchestra, Riccardo Muti
Paul Hindemith: Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser op. 50;
Edward Elgar: In the South (Alassio) op. 50;
Modest Mussorgsky / Nikolai Rimsky-Korsakow: Eine Nacht auf dem kahlen Berge;
Modest Mussorgsky / Maurice Ravel: Bilder einer Ausstellung;

Elphilharmonie Hamburg, 14. Januar 2017
Foto: Höhne (c)

Das Chicago Symphony Orchestra, eines der berühmtesten Orchester der USA, hat sich am Samstagabend als erstes internationales Gastorchester in der Elbphilharmonie eindrucksvoll präsentiert.

Schon der erste von zwei Gastauftritten mit dem 75-jährigen Riccardo Muti an der Spitze wurde zu einem denkwürdigen Ereignis für das begeisterte Publikum. Und an Modest Mussorgskis „Nacht auf dem kahlen Berge” und den „Bildern einer Ausstellung” zeigte sich, welche Klangräume sich im Großen Saal des neuen Hauses unter den Händen eines Spitzendirigenten und eines Weltklasse-Orchesters auftun.

Unter Mutis Regie spielten die Amerikaner aus Hamburgs Partnerstadt am Michigansee die beiden Orchester-Poeme groß auf. Egal ob Streicher, Blech, Holzbläser oder Schlagwerk: Der neue Große Saal warf alles stimmungsvoll zurück.

Begonnen hatten die Symphoniker aus Chicago mit Paul Hindemiths „Konzertmusik für Streicher und Bläser” und Edward Elgars Konzertouvertüre „In the South”. Fazit: Den Test auf höchstem internationalen Niveau hat Hamburgs Konzerthaus mit Bravour bestanden. (dpa)

Der Große Saal der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen hat am Samstagabend offenbart: Kritiker haben unrecht, wenn sie dem 2100 Zuschauer aufnehmenden Raum Kälte und Sterilität vorwerfen. Das Chicago Symphony Orchestra unter dem Star-Dirigenten Riccardo Muti hat aufgezeigt, welch phantastische Möglichkeiten der Große Saal offenbart, wenn ein Klangkörper spielt, der vollkommen harmoniert und vom Pianissimo bis zum Fortissimo perfekt zu intonieren vermag.

Ja, dieses Chicago Symphony Orchestra ist ein großartiges Orchester. Die Bläserbesetzung ist göttlich. Die einzelnen Orchesterteile waren unglaublich schön und transparent zu hören. Das Dirigat von Riccardo Muti war phantastisch und souverän.

So hört sich Perfektion in der Elbphilharmonie an.

„Musikalische Perfektion spulte sich vor knapp 2100 am Ende tobend begeisterten Menschen ab, nicht unbedingt heiß glühende, immer von Herzen kommende Perfektion, aber dennoch: Perfektion“, resümierte auch das Hamburger Abendblatt einen Tag nach klassik-begeistert.de.

© Maxim Schulz

Die „Konzertmusik für Streicher und Bläser“ von Paul Hindemith aus dem Jahre 1930 ist ein recht sperriges Werk. Klar wird sofort: die einzelnen Instrumente mischen sich nicht komplett zu einem Ganzen. Sie ergeben in weiten Teilen noch kein Gesamtes. Die Trompeten und die Posaunen ertönen fehlerlos und richtungsweisend schön für alle Orchester, die hier noch auftreten werden.

Edward Elgar hat mit „In the South“ 1903 dem kleinen italienischen Küstenort Alassio in der Nähe von Genua ein musikalisches Denkmal gesetzt. Die Inspiration dafür kam Elgar – trotz schlechten Wetters – beim Spazierengehen: „Wie ein Lichtblitz kam es über mich – die Bäche, die Blumen, die Hügel; die entfernten Schneeberge in der einen Richtung und in der anderen das blaue Mittelmeer“, schrieb der britische Komponist.

Wer diese Musik am Samstagabend hörte, der sah auch die Lichter im Golf von Genua spiegeln. Zu hören waren eine Vielfalt der Klangfarben sowie wunderbare Schattierungen.

Unvergesslich war das phantastische Bratschen-Solo, das plötzlich über einem samtenen Klangteppich stand und vor ein funkelndes, glitzerndes Orchester zu treten schien. „Die Viola spielte so schön, als wäre es immaterieller Klang“, sagte der Wiener Musikprofessor Reinhard Rauner, 51, der am Samstag eigens aus der österreichischen Hauptstadt in die Hansestadt Hamburg geflogen war. „Es war ein traumhaftes Klangerlebnis.“

Ja, der Klang des Chicago Symphony Orchestra (CSO) hatte eine unglaubliche Wucht und Präsenz. Der Zuhörer saß förmlich mitten drinnen im Klang.

Riccardo Muti, (c) Ravenna Festival

Um so störender waren alle von Menschen produzierten Geräusche: Handtaschen, die auf und zu gemacht wurden. Gespräche, die zwischen Frauen und Männern geführt wurden, die nicht bei der Sache waren. Fotogeklicke während des Konzerts! Ja, vor dem Kritiker filmte sich ein Mann mehr als zwei Minuten lang und grinste dabei.

Der Wiener Professor Reinhard Rauner fand für diese Herrschaften drastische Worte: „Das sind sensationsgeile Barbaren, die nicht wegen der phantastischen Musik in die Elbphilharmonie kommen. In diesem neuen Klangwunder in Hamburg müssen Ruhe und Demut neu definiert werden.“

Reinhard Rauners Rat an Musiker, die im Großen Saal musizieren werden: „Dieser Raum verzeiht nichts. Jeder Ton, den Du spielst, ist wie auf einer Tafel komplett eingraviert.“

Maestro Muti sagte beim kurzen „Meet and Greet“ nach der Aufführung: „Wir fühlten uns sehr komfortabel. Dieser Saal ist etwas trockener als die neue Pariser Philharmonie. Er ist sehr ehrlich und verbirgt Schwächen nicht.“

Ja, es ist wahr: Vom Ansatz über die Entwicklung bis zum Ende des Klanges ist alles schonungslos transparent zu hören im Großen Saal. Professor Reinhard Rauner: „Manchmal klingt es hier ein wenig zu hart und zu kalt. Im Wiener Musikvereinssaal ist der Klang wärmer. Das ist halt a bisserl typisch wienerisch. Der Musikvereinssaal ist nachgiebiger. Im Goldenen Saal habe ich im Gegensatz zum Großen Saal der Elbphilharmonie nie das Gefühl, dass die Töne auseinanderstreben. Der Goldene Saal trägt Dich als Musiker. Es fehlt mir hier in Hamburg ein wenig das Gemütliche, das Bequeme und Vertraute im Großen Saal. Dieses Gefühl: Du lehnst Dich zurück und lässt dich vom Klang einlullen. Vielleicht ertönt der Klang in der Elbphilharmonie noch etwas zu preußisch.“

Aber der Wiener Musikprofessor akzeptiert, „dass ich die Instrumente einzeln und klarer höre – das ist eine neue Sicht auf die Werke. Es ist mir ein unbeschreibliches Vergnügen, in der Elbphilharmonie ein Spitzenorchester zu hören. Das Chicago Symphony Orchestra spielt phantastisch. Und Muti dirigiert vollkommen souverän.“

Nach der Pause erklang „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgsky aus dem Jahre 1867 in der Bearbeitung von Nikolai Rimsky-Korsakow aus dem Jahre 1886. Das war ein ganz großer Wurf, liebes Chicago Symphony Orchestra. Das Klarinetten- und das Flötensolo waren Weltklasse. Die Dynamik nach unten schien kein Ende zu haben – es schien im Pianissimo teilweise fast unendlich leise zu werden. Aber es bestand nie Gefahr, dass der Klang auseinanderfällt. Maestro Muti hatte seinen Klangkörper jederzeit voll im Griff.

Die „Bilder einer Ausstellung“, auch von Mussorgsky aus dem Jahre 1874 in der Bearbeitung von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922, sind ein Prüfstein für jedes Orchester. Aber das CSO bot das Meisterwerk effektvoll und fehlerfrei dar. „Viele Einzelheiten habe ich in dieser Klarheit so noch nicht gehört“, sagte Reinhard Rauner.

„Die ‚Bilder eine Ausstellung’ waren perfekt dargeboten“, sagte der Wiener Musikprofessor. „Hier hat wirklich alles gestimmt. Der Rhythmus im ‚Samuel Goldenberg und Schmuyle’ war phantastisch, die Wucht des Orchesters im Schlusssatz atemberaubend.“

Ja, und auch die Streicher erklangen unisono schön und satt – aber auch mit leisen und zarten Pianissimi. Die erste Trompete, das Altsaxofon, die erste Klarinette und die erste Flöte ertönten makellos. Die „Bilder“ waren sehr vielschichtig und facettenreich zu hören. Die Musiker spielten präzise und souverän.

Dieses Chicago Symphony Orchestra ist großartig mit den akustischen Möglichkeiten des Großen Saales der Elbphilharmonie umgegangen. Es war zu spüren, wie groß die Wucht in diesem Raum werden kann und wie schön die leisesten Pianissimi noch erklingen.

Die Zugabe war dann ein Heimspiel des gebürtigen Neapolitaners Riccardo Muti: die Ouvertüre von Giuseppe Verdis „I vespri siciliani“ (Die sizilianische Vesper) aus dem Jahre 1855. Dafür ging der sonst meist kerzengerade und mit stolz geschwellter Brust dirigierende Muti auch ein paar Mal in die Hocke. Das war Italianità in Reinkultur in der neuen Klassikhauptstadt Deutschlands.

Andreas Schmidt, 15. Januar 2017, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Happy Birthday, liebe Elphi! Elbphilharmonie, 11. Januar 2021

Jonas Kaufmann, it’s Christmas!, der Tenor singt 42 Weihnachtslieder klassik-begeistert.de